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Juli 2008
Inhalt der Ausgabe
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Zukunftslabors und Trendstudien skizzieren rosige Bilder künftiger Arbeitswelten. Neue Technologien und Beschäftigungsmodelle geben uns schon heute eine Ahnung davon. Die zentralen Vokabeln hinter dieser Entwicklung lauten Flexibilisierung und Mobilität.
Von Michaela Kampl und Andreas Kump
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Dieser Satz des Apostel Paulus ist erst Teil des Neuen Testamentes und später Religion geworden. Leistung als oberste Maxime, als einzig gültige Daseinsberechtigung – und über Jahrzehnte der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung in den christlich geprägten Gesellschaften Europas. Ein Motor, der trotz wiederholter Krisen immer noch weiter läuft, automatisiert weiterlaufen muss, weil es der Paulinismus zu einem wesentlichen gesellschaftlichen Prinzip geschafft hat. Ein Prinzip, das in Österreich heute mehr denn je Gültigkeit besitzt: 4,213.500 Erwerbspersonen erfasste die Statistik Austria im vergangenen Jahr für das viertreichste Land der EU. Dieser Rekordwert bei Erwerbstätigen und (eingerechneten) kurzfristigen Arbeitslosen steht in Relation zur wachsenden Gesamtbevölkerung. Die Entwicklung der Zunahme ist seit gut einem Jahrzehnt stabil. Unverändert bleibt lediglich der Grundsatz dahinter: Arbeiten, um essen, Miete zahlen, leben zu können.
WOVON LEBEN WIR EIGENTLICH?Die „Statistik Austria“ weist für das Jahr 2007 in Österreich 213.500 Erwerbspersonen aus. Davon waren 86 Prozent oder 3,600.900 Personen unselbstständig beschäftigt, während 14 Prozent [583.000 Personen] selbstständig für ihr Ein- und Auskommen tätig waren. bei den Unselbstständigen kamen auf einen Teilzeit- drei Vollzeitangestellte – mit deutlicher Tendenz hin zur Teilzeitarbeit. Erzielt wurde damit ein mittleres Jahreseinkommen von 22.833 euro (brutto, 2006). Bei den Selbstständigen war der Gesundheitssektor mit durchschnittlich 35.479 Euro jährlichem Bruttoverdienst spitze, während im Dienst-leistungsbereich gerade einmal 7.588 euro zu erzielen waren [zuletzt 2003 erhoben]. |
So sehr unser Gesellschaftsmodell weiterhin auf diesen Zahlen und Werten fußt, so sehr häufen sich auch Stimmen, die dessen Ablaufdatum bereits in der Gegenwart ansetzen. Umschichtungen, oft schmerzlich für Einzelne und ganze Regionen, hat es immer wieder gegeben. Zuletzt durch die Abnahme der Produktionstätigkeit in den alten Industriestaaten. Einhergehend mit fortschreitender Automatisierung und Technologisierung. Wer nicht mehr produktiv war, wurde wegrationalisiert – Menschen und Standorte. Bessere Maschinen ermöglichten bessere Ergebnisse mit weniger Aufwand. Die Auswirkungen der Globalisierung ermöglichten es, die verbliebene manuelle Arbeit dorthin zu verlagern, wo das Lohnniveau am niedrigsten ist. Den westlichen Industriegesellschaften geht die Arbeit aus. So ergeben sich auch schwierigere Zeiten für das alte Dogma des Paulus. Ablesen lässt sich das auch an der zunehmenden Diskussion über ein Grundeinkommen für alle. Mit Bibelzitaten allein ist auf Dauer kein Staat mehr zu machen. Es ist Bewegung in die Arbeitsverhältnisse gekommen. Das zeigt auch die abnehmende Bedeutung von Sesshaftigkeit. Die geistige Werkssiedlung hat ausgedient. Früher suchte man sich eine Arbeitsstelle am Wohnort – heute ist es umgekehrt. Wer Jobanzeigen studiert, stellt fest, dass flexible Bewerber gefragt sind. Flexibilität meint hier Arbeitszeit, die sich wie die Wahl des Wohnortes nicht nach starren Kriterien richten soll. Diese Ent- wicklung geht Hand in Hand mit dem zentralen Begriff der Mobilität. Durch das Aufkommen digitaler Technik und Kommunikationsmittel wurde es in gewissen Berufen möglich, nicht mehr an einen fixen Arbeitplatz gebunden zu sein. Arbeit ist überall dort, wo der Laptop aufgeklappt und das Internet genutzt werden kann. Was in Zeiten des mobilen Internet weit über den Begriff des Teleworkers hinausgeht. Befürworter sehen diese Entgrenzung von Arbeitszeit und -raum positiv: Die so genannte Eigenzeit könne so besser genutzt werden. Sprich: Die Ausrichtung nach eigenem Leistungs- und Lebensrhythmus ist eher möglich. Dagegen führen Kritiker, wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett, die negativen Aspekte einer Flexibilität auf die Lebensführung der Menschen ins Treffen. In seinen Büchern „Der flexible Mensch“ (Im Original: „The Corrosion of Character“) und „ Die Kultur des neuen Kapitalismus“ beschreibt Sennett die zersetzenden Auswirkungen einer flexiblen Arbeitswelt auf soziale Strukturen wie Familien-, Freundschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen. Sennett stellt lockere Loyalitäten und ein sinkendes Verantwortungsgefühl fest, räumt dabei aber ein, dass flexible Arbeitszeiten durchaus ein Moment der Privilegierung enthielten.
Bestätigen lässt sich Sennetts Beobachtung in der Ausweitung der Ladenöffnungszeiten und der Diskussion über Sonntagsöffnung im Einzelhandel. Die veränderten Ladenöffnungszeiten sind auch als Reaktion auf die Arbeitszeiten eines flexibilisierten, vollbeschäftigten Arbeitnehmers zu verstehen – mit zusätzlicher Folgewirkung auf andere Lebensbereiche, wie die Kinderbetreuung. Der flexible Arbeitnehmer fordert eine flexible Dienstleistungsgesellschaft, die wiederum einen flexiblen Arbeitnehmer fordert.
Zurück in der Zukunft ist wenig Platz für Sennetts ambivalente Flexibilisierungskritik. Etwa in der 2006 erschienen Trendstudie „Future of Work“ der Lifestyle Foundation, in Auftrag gegeben von Microsoft Österreich. Anhand von Interviews mit 43 „namhaften österreichischen Unternehmen, Führungskräften und Vordenkern“ wurde versucht, die „Umrisse einer neuen Lebens- und Arbeitswelt“ abzubilden. Diese ist in der Trendstudie nun als „Wissensgesellschaft“ festgeschrieben, „in der der Einzelne organisch ein Netz aus Beziehungen, Wissensaustausch und Interaktion spinnt“. Aufschlussreicher wird die Microsoft-Studie beim Aufspüren von Potenzialen und Chancen, was nach den Schwerpunkten Generationen, Mobilität und Netzwerke passiert. Best-Practice-Beispiele finden Erwähnung. Etwa jenes des in Oberösterreich ansässigen Textilfaserherstellers Lenzing, das nicht nur die Altersteilzeit propagiert, sondern auch den „Job danach“, für den Pensionisten projektbezogen im Unternehmen gehalten werden.
„Im Jahr 2020 sind Leben und Arbeiten harmonisch miteinander verbunden. Die Menschen leben und arbeiten voll Freude“, so lauten die ersten Sätze der Vision 2020, ein Thesenpapier des Föhrenbergkreises. Der Föhrenbergkreis ist ein der Industriellenvereinigung nahe stehender, parteiunabhängiger Think Tank, in dem Vertreter aus Wirtschaft und Politik visionäre Positionen diskutieren und verfolgen. Unter anderem im Arbeitskreis „Leben und Arbeiten“, von dem die Vision 2020 stammt. Den darin optimistisch nach vorne gerichteten Blick erklärt der Leiter des Arbeitskreises, Dr. Wilfried Jäger, mit der „Konzentration auf Chancen, auf Lösungen, die jetzt schon funktionieren“. Das Zukunftsszenario sehe man aber keineswegs rein euphorisch, sondern ausgewogen: „Es gilt abzuwägen: Wie viel Flexibilität und wie viel Beständigkeit brauchen wir in der sozialen Interaktion? Netzwerke sind sicher sehr wesentlich, aber das soziale Kapital – im Sinne von Vertrauen – ist in einer Firma mit Leuten, die täglichen Umgang pflegen, sicherlich höher. Bei Ich-AGs ist man ziemlich schnell sehr alleine.“ An ein nahes Ablaufdatum der gegenwärtigen Arbeitsstrukturen glaubt Jäger, selbst im Bundesrechenzentrum als Bereichsleiter tätig, daher nicht. „Es wird keine komplette Verdrängung geben. Alte und neue Formen werden nebeneinander bestehen. Internationale Konzerne brauchen auch zukünftig Core-Worker, weil da ein hohes Maß an Vertrauen gefragt ist. Der Anteil an Netzwerken und Flex- Workern wird aber zunehmen. Obwohl es da auch ganz normale Barrieren gibt: Man kann zwar die meiste Arbeit globalisieren, aber Krankenpflege kann man nicht von Peking aus machen.“
In einem Zukunftslabor beschäftigte sich Jägers Arbeitskreis zuletzt auch mit Subkulturen, die kommende Arbeitsformen schon heute sicht- und erlebbar machen würden. Damit war neben Versorgungs- (Beispiel Väterkarenz) und Gemeinschaftsarbeitern (Freiwillige Feuerwehren) auch jene Spezies von Arbeitnehmern gemeint, die schon heute ihr Glück jenseits der Grenzen einer Fixanstellung suchen – einen Nine-to-five-Job sogar als Einschränkung der persönlichen Freiheit empfinden. Statt sich in den gleichförmigen Arbeitsalltag eines Angestellten zu zwängen, gründen sie kleine, kreative Ein-Personen-Unternehmen oder hangeln sich als freie Mitarbeiter von Auftrag zu Auftrag. Dass die täglichen Arbeitsstunden dabei oft im zweistelligen Bereich liegen, wird in Kauf genommen.
Nach Angaben der Statistik Austria ist die Zahl der freien Dienstnehmer von fast 46.000 im Jahr 2004 auf 63.000 im Jahr 2007 gestiegen. Ein Anstieg von 18.000 innerhalb von nur drei Jahren. Die Zahl der Neuen Selbstständigen ist nach Angaben des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger von 21.059 im Jahr 2001 auf 38.080 im Jahr 2007 gewachsen – die Zahl hat sich in nur sechs Jahren beinahe verdoppelt. Einige Branchen sind besonders anfällig für diese Art der Dienstverhältnisse: Die Studie „Atypisch beschäftigt – typisch für die Zukunft der Arbeit“ der Arbeiterkammer nahm im Jahr 2003 die Arbeit von „Flexpower“, der ÖGB-Beratungsstelle für atypisch Beschäftigte, unter die Lupe. Wird die Beratungstätigkeit nach Branchen aufgeschlüsselt, stehen Dienstnehmer im wirtschaftlichkaufmännischen Bereich mit 13 Prozent an erster Stelle. Dicht gefolgt – mit jeweils zwölf Prozent – von Erwachsenenbildung, Journalismus und den Bereichen Sport, Kunst, Design. Obwohl sich die Arbeits- und Lebensbedingungen ändern und sich die Betroffenen zum Teil auf die Fahnen heften, ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben – obwohl also angeblich alles anders ist –, bleibt aber doch eines gleich: Arbeit als Grundvoraussetzung zur Lebensfinanzierung – egal, ob frei, selbstständig oder in einem Angestelltenverhältnis. Wer nicht arbeitet, kann auch heute wenig essen.
Die Autoren
Michaela Kampl ist freie Mitarbeiterin bei derStandard.at im Ressort Außenpolitik, Andreas Kump ist Chefredakteur von SILVER.