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SILVER 1

Juli 2004

Inhalt der Ausgabe


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Dieb13 programmiert seine Arbeitsgeräte teilweise selbst: Sein Loop- Programm auf Linux-Basis zum freien Gebrauch findet sich auf seiner Site zum Download. Deren Besuch empfiehlt sich übrigens auch wegen der einmaligen Navigation.
http://dieb13.klingt.org/


Ausgehtipp

Der ideale Ort für einen dieb13-Auftritt ist das Institut für transakustische Forschung in der Theresianumgasse. Einmal im Monat versammeln sich dort zu den "Hearings" die "besten Ohren" Wiens.
www.iftaf.org

Neue Kammermusik

WENN AUF DER BÜHNE PLATTENSPIELER UND SYNTHESIZER STEHEN ABER NIEMAND TANZT UND DER MUSIKER DAMIT BESCHÄFTIGT IST, DROHENDE KATASTROPHEN IMMER WIEDER KNAPP ZU VERHINDERN, KANN DER ABEND ALS GELUNGEN BETRACHTET WERDEN.

TEXT: ANTON WALDT, FOTO: DIEB13 

 

Die explosive Entwicklung der elektronischen Musik hat in den letzten 15 Jahren nicht nur die Tanzflächen neu belebt sondern auch eine Spielart hervorgebracht, die sich formal und inhaltlich der modernen "E-Musik" immer weiter annähert. Der Wiener DJ, Produzent und Programmierer dieb13 repräsentiert diese Szene, der es in erster Linie um Klangforschung geht, also dem permanenten Ausloten neuer Sounds und Strukturen. Seine Auftritte bestreitet er zwar mit drei DJ-Plattenspielern, zu denen manchmal noch ein Laptop kommt, aber im Gegensatz zum gängigen Klischee bemüht sich das Publikum nicht um eine möglichst trubelige Party sondern übt sich im konzentrierten Lauschen – um am Ende höflich zu klatschen, womit die Szenerie oft an ein klassisches Kammerkonzert erinnert. Die Musik steht diesem Vergleich allerdings diametral entgegen: Nicht die notengetreue Wiedergabe definierter Werke, sondern im Idealfall das im Wortsinn Unerhörte wird hier verlangt. Um dieses Ziel zu erreichen hat dieb13 für seine Live-Auftritte eine Methode entwickelt, mit der er sich selbst immer wieder überraschen kann: "Eine Live-Performance funktioniert gut, wenn ich in ein Stadium komme, in dem ich über das was passiert soweit die Kontrolle verloren habe, dass sich der nächste Schritt von selbst ergibt," erklärt der Musiker sein Vorgehen: "Aus dem Zwang zu handeln entsteht dann ein Automatismus." Konkret kann dies beispielsweise bedeuten, dass eine Rückkopplung außer Kontrolle gerät und die Lautsprecher und die Ohren des Publikums sich in ernsthafter Gefahr befinden. Immer am Rande solcher Beinahe-Katastrophen balanciert dieb13 durch den bewusst unvorsichtigen Einsatz des Mischpults und der Effekte: "Der Zwang etwas unternehmen zu müssen, ist das treibende Element." Neben Auftritten in Szene-Treffpunkten wie dem Wiener Rhiz oder dem Institut für transakustische Forschung macht dieb13 aber auch Ausflüge in die "klassische" E-Musik: "Da gibt es einige Komponisten, die einfach auf Plattenspieler stehen," erklärt der "Radikal-Turntablist". So beschäftigt sich Bernhard Lang in seiner Reihe "Differenz / Wiederholung" mit Loops als kompositorischem Prinzip und verschaffte damit dieb13 Gastspiele zusammen mit echten Orchestern. Das Sinfonieorchester des bayrischen Rundfunks spielte für "Differenz / Wiederholung Nr. 8" zuerst Loops ein, von denen dieb13 anschließend Schallplatten schneiden ließ, mit denen er dann wiederum zusammen mit dem Orchester die Konzerte bestritt: "Mit so einem riesigen Apparat zu spielen ist echt aufregend, das sind ja 70 Roboter auf der Bühne," beschreibt dieb13 den Auftritt im Herkules-Saal der Münchner Residenz, bei dem er ausnahmsweise einmal nicht Klangkatastrophen provozieren sondern auf den Einsatz des Dirigenten achten musste.

 

DIEBSTAHL ALS ARBEITSPRINZIP

Dieb13s Anfänge sind die eines klassischen Schlafzimmerproduzenten, allerdings war seine Basis nie ein Drumcomputer sondern bestand immer schon aus Fundstücken angefangen von den Schelllackplatten der Großmutter über Nachrichtensprecherstimmen aus dem Radio bis hin zu Störgeräuschen. 1993 begann dieb13 Sounds, die ihm interessant erschienen, mittels eines Doppelkassettendecks zu bearbeiten, indem er Endlos-Loops mit der Schere herstellte und das Abspielgerät modifizierte. Mittels eines Potis am Motor konnte das Material "herrlich zum Eiern" gebracht und mit der Deaktivierung des Löschkopfs potentiell unendlich viele Spuren zu "wabernden Loopwelten" addiert werden. Mitte der Neunziger ersetzte dieb13 dann zwar die Analog-Kassetten durch einen Dat-Rekorder und den Computer, aber dem Prinzip der Bearbeitung von Fundstücken ist er seitdem prinzipiell treu geblieben. Eine weitere Konstante bei der Suche nach unerhörten Klängen sind die Störgeräusche, die eigentlich jede Soundquelle liefert. Entsprechend verstärkt und gefiltert garantieren di ese Zufallsfunde genau die Überraschungen, nach denen dieb13 sucht. So können einem schlecht abgeschirmten Laptop schlicht mit den Bewegungen der Maus genauso interessante Geräusche entlockt werden, wie einer HiFi-Anlage, die Stück für Stück zerlegt wird: "Mit sterbenden Kompaktanlagen fürs Kinderzimmer kann man richtige 'Reparaturfeste' machen," erzählt dieb13: "Über eine Bypass-Leitung kann man dann über Stunden zuhören, was die Störung im elektrischen Gleichgewicht bewirkt, wenn man irgendwo was abklemmt oder raus nimmt. Das geht erstaunlich lange, mindestens irgendwelche Knirscher oder pulsende Brummer erhält man bis zuletzt." Dass dieb13 sich bei der Suche nach interessantem Ausgangsmaterial nicht auf solche Experimente beschränkt, erklärt zum einen sein Pseudonym, zum anderen seine Opposition gegen das herkömmliche Urheberrecht, das eine Bearbeitung von geschütztem Material in der Regel verbietet – auch wenn es am Ende kaum noch zu erkennen ist und kein plattes Plagiat sondern ein wirklich neues Werk vorliegt. Daher ist dieb13 auch kein Mitglied bei der Verwertungsgesellschaft AKM, auch wenn das beim derzeitigen System für ihn als "E-Musiker" sehr einträglich sein könnte: "Das geltende Urheberrecht ist mir einfach zu unsympathisch. und läuft auch meiner Musik zuwider. Wenn man vom Diebstahl der Plattenmusik als musikalischem Prinzip ausgeht, kann man diese Art von Urheberrecht nicht gutheißen," erklärt er: "Das aktuelle Urheberrecht beschränkt den Konsumenten und verhindert gleichzeitig jede Art von Musik, die sich anderer Musik bedient." Seinen Lebensunterhalt bestreitet dieb13 daher durch seine Live-Auftritte und Nebenjobs, so hat er bis vor kurzem die Website von Silver Server programmiert. CD-Veröffentlichungen zahlen sich unterdessen kaum aus, da der Aufwand im Zweifelsfall zu keiner Relation zu 500 oder 1.000 verkauften Exemplaren steht. Der selbst ernannte Dieb muss deshalb ganz ehrlich und in aller Öffentlichkeit arbeiten gehen – und dabei jedes mal etwas völlig Neues schaffen.

 

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