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SILVER 10

Jänner 2007

Inhalt der Ausgabe


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MULONGA.NET

DIE AFRIKANISCHEN TONGA WAREN EINST „THE PEOPLE OF THE GREAT RIVER“. SEIT DER ZAMBEZI, DER FLUSS, DER ZIMBABWE VON ZAMBIA TRENNT, AUFGESTAUT WURDE, LEBEN SIE AUSEINANDER GERISSEN AUF BEIDEN SEITEN EINES STAUSEES. DER BEGRIFF MULONGA FASST IHRE GESCHICHTE IN EINEM WORT ZUSAMMEN, UND DAS PROJEKT MULONGA.NET SOLL SIE IM NETZ WIEDER VEREINEN.
Autorin: Astrid Schwarz

 

Wenn das internationale Scheinwerferlicht auf Afrika fällt, so sind es meist Hungerkatastrophen, politische Missstände oder HIV/Aids, die die Öffentlichkeit für kurze Zeit in Atem halten. Im Fall von Zimbabwe sind es das diktatorische Präsidialregime des Robert Mugabe, die Unterdrückung der Pressefreiheit oder die niedrige Lebenserwartung, die in den vergangenen Jahren – nicht zuletzt aufgrund der gestiegenen HIV-Infektionen – von 55 auf 35 Jahre gesunken und damit eine der niedrigsten weltweit ist.

 

Bildtext: "In the 21st Century, the capacity to communicate will allmost certainly be a key human right" Nelson Mandela

Für das Regime Mugabe ist Informationsfreiheit nicht mehr als eine leere Floskel; von journalistischer Freiheit ist schon lange keine Rede mehr, und zudem wird die Telekominfrastruktur stark vernachlässigt. Seit die Rechnungen nicht mehr bezahlt wurden, ist die Glasfaserverbindung nach Südafrika Geschichte, ist das gesamte Land mit insgesamt 12 Mbit/sec angebunden. Am Ende dieser Infrastruktur in Binga gibt es eine Handvoll Menschen, die sich von den Umständen nicht entmutigen lassen und alles daran setzen, Kulturgut zu bewahren und den Digital Divide zu überbrücken. Die österreichische ARGE Freundschaft Zimbabwe und Kunzwana Trust richten ihren Fokus mit dem Projekt Mulonga.net/Tonga Online auf die drittgrößte Volksgruppe Zimbabwes, die Tonga. 1957 wurden sie von den Ufern des Zambezi vertrieben, als dort, am Kariba-Staudamm, der damals größte Stausee der Welt entstand. Kurzerhand wurden 200.000 Tonga delogiert und teils in Sambia, teils in Zimbabwe, in einer Halbwüste wieder angesiedelt. Die Wasserkraft des Zambezi wurde zum Aufbau von Infrastruktur in weit entfernten Gebieten genutzt, doch das Versprechen, auch den entlegenen Bezirk Binga umfassend mit Strom und Wasser auszustatten, wurde nur zum Teil eingelöst. Die Dörfer der entlegenen Region müssen mit minimaler Infrastruktur zurande kommen, die Tonga wurden somit immer mehr an den Rand gedrängt. Trotzdem, oder vielleicht gerade wegen dieser Isolation, konnten sie ihre einzigartige kulturelle Identität bewahren.

 

AM ANFANG WAR DIE MUSIK

„Die Musik war absolut faszinierend, so etwas hatte ich noch nie zuvor gehört. Diese Musik war ganz anders als die afrikanische Musik, die ich bis dahin kennen gelernt hatte, sie hatte einen zeitgenössischen Anspruch“, erzählt der Komponist Keith Goddard aus Zimbabwe. Die Musik ist einzigartig, in vielerlei Hinsicht. Die Musik der Tonga bewegt sich im Raum und beansprucht ihn für sich. Mit Trommeln und Hörnern werden Klangflächen geschaffen, die die rund 40 Musiker der Gruppe immer wieder durch das Verändern ihrer Positionen brechen. Lange bevor Karlheinz Stockhausen in den 50er-Jahren den musikalischen Raum für sich entdeckt hat und die elektroakustische Musik in Folge gezeigt hat, dass Klang im Raum wandern, ihn besiedeln und formen kann, lebten die Tonga das Konzept ganz ohne elektronische Mittel. Seit den frühen 90er-Jahren pflegte Keith Goddard, Direktor der NGO Kunzwana Trust und der ARGE Freundschaft Zimbawe, und Peter Kuthan den Kulturaustausch zwischen Zimbabwe und Österreich. Attwenger waren 1993 in Zimbabwe Konzertgäste und vier Jahre später die Wiener Tschuschenkapelle. Der Austausch funktionierte auch in die andere Richtung: 1997 kamen im Rahmen des Festivals der Regionen dreißig Tonga-Musiker nach Österreich und überquerten in sieben Tagen das Tote Gebirge. „Kunst überleben“ war das Motto des Festivals. Auf dieser Wanderung der vom Wasser vertriebenen Tonga zu neuen Ufern ergaben sich spontane Performances und Konzerte. Der Karst spiegelte das der Tongamusik eigene Echo wider. Als die Ergebnisse dieses Kulturaustausches in Linz präsentiert wurden, wurde die Idee, die Vielschichtigkeit der Worte, der Musik und der Bilder in einem adäquaten Medium – einer Website – zu präsentieren, von Sabine Bitter und Helmut Weber umgesetzt. Damit sollten die Tonga nicht nur von außen porträtiert werden, sondern für sie ein Zugang zu Methoden geschaffen werden, um sich selbst zu präsentieren. Zudem ist es eine Möglichkeit, das geteilte Volk übers Netz zu verbinden. Bevor die Idee, das erste Information Technology Center (ITC) in Binga aufzubauen, 2001 in die Tat umgesetzt wurde, prüften die Verantwortlichen vor Ort, welche Wirkung dieser Vorschlag auf die Tonga hatte. Zu ihrer Überraschung hatte die Highschool in Binga bereits ein Komitee gegründet, das mit der Errichtung eines Computer-Zentrums betraut war. Unabhängig voneinander hatten verschiedene Initiativen ein und dasselbe Ziel verfolgt, wodurch dann die Umsetzung fast ein Kinderspiel war. Mittlerweile sind zwei weitere Schulen mit Computern und Netzzugang ausgestattet. Auch auf der sambischen Seite wurde Infrastruktur aufgebaut. „Vom Internet kann man über weite Strecken nur träumen. Der Internetzugang wird in Binga über eine analoge Telefonverbindung in die 1000 Kilometer entfernte Hauptstadt hergestellt. Man kann sich vorstellen, wie lange man warten muss, bis da ein E-Mail durchkommt“, erzählt Peter Kuthan von der ARGE Freundschaft Zimbabwe, der selbst einige Jahre in Zimbabwe gelebt hat. Die Verbindung zu Linz wurde ein weiteres Mal bei der Ars electronica 2004 in die Realität geholt. Mit einer Klangbrücke wurde das Mulonga.net Festival mit Linz vernetzt. Zu den Soundschnipseln, die direkt von einem Dorffestival aus der Region Binga gesendet wurden, improvisierte Otto Lechner auf dem Akkordeon. Das Ergebnis wurde wieder übers Netz gestreamt, doch was am anderen Ende zu hören war, beschränkte sich aufgrund der fragilen Netzverbindung auf stockende Ausschnitte. Soundfragmente ließen auf Hörgenuss schließen.

 

NULLEN UND EINSEN

Digital ist die Verbindung heute zwar immer noch nicht, aber mittlerweile wurde die Infrastruktur ausgebaut. Die Verbindung zum Internet via Satellit bleibt dennoch Zukunftsmusik. Mit den vorhandenen Mitteln werden Workshops veranstaltet, die die Tonga mit den digitalen Methoden vertraut machen. Der Komponist Klaus Hollinetz leitete einen Workshop für Computermusik im Studio in Binga, bei dem er die TeilnehmerInnen in die Geheimnisse der musique conrète einwies. Multimediale Werkzeuge werden den Tonga vermittelt, sodass sie in Kürze auf mulonga. net nicht nur das Für und Wider der Hilfe der Weißen diskutieren können, sondern auch ihre Inhalte eigenhändig einfügen und die Ressourcen verwalten können. In Kürze wird die Seite mit dem Content Management System Joomla! zu verwalten sein. Das aus dem Suaheli stammende Wort „jumla“, das übersetzt „alle zusammen“ bedeutet, stand Pate für das System. Das ITC Binga soll aber nicht nur die künstlerischen Seiten nach außen transportieren, sondern vor allem in den Alltag integriert werden. Mehr als 500 Menschen haben bisher Schulungen besucht, um Computer und Internet im Schul- und Verwaltungsapparat einsetzen zu können. Im Gegensatz zu Schulbüchern läuft die Aktualität im Netz nicht ab.

 

HUNGER VERSUS INFRASTRUKTUR

Kritik an dem Projekt wird oftmals laut. Eine Mahlanlage oder landwirtschaftliche Unterstützung wäre viel sinnvoller in einer Region wie Binga, bekommt Keith Goddard nicht selten zu hören. – „Die Menschen, die für Kunzwana Trust arbeiten, haben nicht die Ausbildung, um humanitäre Hilfe zu leisten. Aber was wir wirklich gut können, ist mit kreativen Projekten, die sich mit der Kultur auseinander setzen, Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die Situation vor Ort zu schaffen.“ Wann immer Keith Goddard von TONGA online erzählt, stößt er auf Verwunderung. „Die Leute fragen mich, ob die Tonga überhaupt Elektrizität haben, ob sie nicht nur zwei Zehen haben oder ob es dort Straßen gibt und Wasser. Dass es jetzt sogar Internet gibt, können viele gar nicht glauben.“ Ein großes Ziel dieses Projekts ist es auch, den Menschen zu zeigen, dass die Tonga nicht anders sind. Das Internet soll ihnen eine autonome Stimme geben, die weltweit gehört werden kann, was bei der politischen Lage in Zimbabwe mehr als kompliziert ist. Der restriktive Umgang mit Medien könnte in nächster Zeit verschärft werden, wenn ein neuer Mediengesetzesentwurf ratifiziert wird. Unter Androhung von Geld- und Haftstrafen wären die Internetprovider gezwungen, ihre Kunden auszuspionieren und die Abfragen von politisch bedenklichen Websites zu melden. Doch auch die Aussicht auf noch weitere Jahre unter dem Regime von Robert Mugabe schreckt die Initiatoren von mulonga. net, wie Keith Goddard, nicht ab: „Man muss nicht unbedingt vom Stein über Papyrus zum Papier gehen, um dann irgendwann zum Internet zu kommen. Man kann diese Stufen auch überspringen und direkt in den Cyberspace eintauchen, um neue Perspektiven zu eröffnen.“ 

Die Autorin:
Astrid Schwarz lebt und arbeitet in Wien als Musikerin und freie Mitarbeiterin von Ö1. Fotos: Peter Kuthan

 

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