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SILVER 10

Jänner 2007

Inhalt der Ausgabe


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Eine Industrie mit sehr viel (Infrastruktur-) Fantasie

 

DIE LIBERALISIERUNG DES TELEKOM-SEKTORS HAT SEHR VIEL FARBE IN DEN MARKT GEBRACHT. BUNT WURDE NICHT NUR DIE ANBIETER-PALETTE, BUNT WURDE ES TECHNOLOGISCH AUCH FÜR DIE KONSUMENTEN. UND SCHLIESSLICH IST DER MARKT MIT SEINER FANTASIE NOCH LANGE NICHT AM ENDE. Autor: Alois Schrems

 

„Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück“, philosophierte im vierten Jahrhundert vor Christus der römische Politiker Lucius Annaeus Seneca vor sich hin. „Es kommt nicht darauf an, wie lang es ist, sondern wie bunt.“ Diese Regel gilt heute wie damals. Und doch hat sich unser Leben mit der Industrialisierung und der Etablierung des Kommunikationszeitalters verändert. Ein neuer Faktur „Buntheit“ ist hinzugekommen: mit neuen Technologien, die uns die Verbindung mit jedem, zu jedem, in jeder Zeit, zu jedem Anlass ermöglichen. Schauen wir uns in diesem Zusammenhang die Buntheit der verschiedenen Zugangstechnologien für Breitband an: Es ist nicht mehr nur das DSL (Digital Subscriber Line) über die Kupferleitung, das uns den Zugang zu einer Welt hinter unserem PC oder Laptop ermöglicht: Plattformen wie CATV (Breitband über Kabelfernsehen), HSDPA (mobiles Breitband), Powerline (Breitband über die Stromleitung), WIMAX (Internet über Funknetz), Satellit, FTTH (Glasfaser) finden Verbreitung. All diese Plattformen unterliegen seit der Liberalisierung des Telekom-Marktes 1998 unterschiedlichen Regelungen. Die zuständigen Regulierungsbehörden haben sich den Kopf zerbrochen, wer welches Netz für andere Betreiber öffnen muss und wer nicht. Bisher wurde nur der Zugang zu den Telefonleitungen der ehemaligen Telefonmonopolisten geöffnet. Die Begründung: Die Kupferleitungen wurden mit Steuergeldern errichtet, daher sollen sie allen zur Verfügung stehen. Obwohl im Gegenteil mit den Einnahmen aus den Telefongebühren in Österreich das Bundesbudget saniert wurde, ist erahnbar, was gemeint ist: Die vom Staat damals errichtete flächendeckend verfügbare Festnetzinfrastruktur sollte allen Betreibern zu kostenorientierten Preisen zur Verfügung stehen.

 

MANCHMAL KOMMT ES ANDERS, UND BESSER ALS MAN DENKT

Wer schon länger im Telekom-Business tätig ist, kennt den Umfrage-Optimismus, der den neuen Technologien innewohnt. In den Jahren 2000 und 2001 überschlugen sich die Marktforscher förmlich: Jeder präsentierte eigene Studien, wie stark – oder wie gering – die Breitband-Nutzung steigen würde. 18 Prozent meinte Forrester Research im Jahr 2000: bis 2005 sollen 27 Millionen europäische Haushalte über Breitband- Internet verfügen. Mit der Prognose von 10 Prozent bis 2005 konterte die Gartner Group 2002 für die drei größten Internet- Märkten Europas – Frankreich, Deutschland, Großbritannien. Auf 38 Prozent erhöhte der anglo-amerikanische Marktforscher Strategy Analytics 2003: so viele Haushalte werden 2008 mit Highspeed-Anschluss ausgestattet sein. Natürlich sind diese Studien weder vergleichbar noch ist eine Gegenüberstellung fair. Sie zeigen aber, wie wichtig und boomend die Bedeutung von Breitband über Jahre hinweg eingeschätzt wurde. Die Studien wurden der Wirklichkeit aber nicht gerecht. Eurostat, das statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften, erhob, dass 2006 ein Drittel (32 %) aller Haushalte in den 25 EU-Staaten über einen Breitband-Anschluss verfügen. Das Managementberatungsunternehmen Arthur D. Little schätzt bis 2010 einen Versorgungsgrad von 80 Prozent aller Haushalte.

 

WERTSCHÖPFUNG AUF DER WANDERSCHAFT: VON DER INFRASTRUKTUR ZUM CONTENT

Der Markt boomt nach wie vor – auch dank der Buntheit der Zugangstechnologien. Aber: Der Kampf um die Gunst des Verbrauchers wird in Zukunft nicht über die Technologie ausgefochten, sondern verstärkt bei den Inhalten und Diensten. Schauen wir uns einmal die großen Herausforderer der Internet Service Provider (ISPs) an: Google/YouTube, Yahoo, Ebay, Second Life. Sie alle binden die Internet-Nutzer, weil sie spannenden Content zu bieten haben – und gelten damit innerhalb der Wertschöpfungskette als die Gewinner. ISPs müssen sich auf die neue Situation einstellen: Wenn der Zugang zum Breitband durch die kontinuierlich sinkenden Preise immer mehr Gebrauchsgut wird und die Wertschöpfung in Richtung Content wandert, müssen sich die Business-Modelle der ISPs ändern. Eine ziemliche Herausforderung! Aber auch eine Challenge für Europa, da viele der Contentplattformen, die wir kennen und jeden Tag nutzen, aus den USA kommen. „Multiple Play“ wird sich im Hinblick auf Qualität, Verfügbarkeit, Konvergenz sowie Mobilität weiterentwickeln und zum wichtigsten Treiber der Nachfrage nach höherer Bandbreite in den nächsten Jahren werden. Diese spannende Diskussion wird uns auf nationaler wie auf EU-Ebene noch einige Zeit beschäftigen. Wesentlich ist aber, dass ISPs und Content-Anbieter einander ähnlich wie Geschwister brauchen, um zu wachsen. Auch bei allem Streit, den Geschwister gerne untereinander ausfechten.

 

NEUES INVESTMENT BRAUCHT STABILE BEDINGUNGEN

Zurück aber zu unserem Ausgangsthema: der Buntheit der Technologie, der Vielfalt der Infrastruktur. Das derzeit größte Problem der Branche ist das Fehlen von sicheren Rahmenbedingungen. Nur mit diesen kann in künftige Technologien investiert werden. Doch ein stabiles Umfeld scheint ferner denn je. Beispiel gefällig? Derzeit betreten neue Spieler das Feld des Telekom-Wettbewerbs. Sie waren alle schon mal da, sind ausgeschieden und planen nun ihren Re-Start. Die Rede ist von den Energieversorgern, Stadtwerken, Kanalbetreibern – auf Neudeutsch „Utilities“ genannt. Sie finanzieren durch Strom- und Gasverkauf den Ausbau ihrer Glasfasernetze. Das Schlagwort der Anbieter lautet FTTH (Fiber to the Home). Es handelt sich hierbei um klassische Quersubventionierung des Breitbandinfrastrukturausbaus aus den Umsätzen des Kerngeschäfts (Strom-/Gasverkauf). Gespickt ist der Ausbau in einigen Fällen noch mit Subventionen durch das Bundesland als Eigentümer an den jeweiligen Energieversorgern. Seit dem ersten Marktauftritt der Utilities hat sich der Wettbewerb im Breitband-Markt innerhalb und zwischen den Plattformen unter Kontrolle des „Watch Dog“ Regulierungsbehörde entwickelt. Die Marktanteile liegen so, dass ca. 50 % der Breitbandanschlüsse über Kupferleitungen (DSL) laufen, der Rest über CATV und, stark im Wachsen, mobiles Breitband. Was haben diese Technologieplattformen alle gemeinsam? Sie sind aus dem Sektor selbst gewachsen; d.h. die Investitionen zum Aufbau der Infrastrukturen wurden aus den Umsätzen des Kerngeschäfts (Telefonie, Breitband) gemacht. Was passiert nun, wenn neue Spieler auf das Feld treten, die ihre Investitionen aus den Umsätzen anderer öffentlicher Infrastrukturdienstleistungen wie Strom oder Gas nehmen, deren Liberalisierung gerade mal am Anfang steht? Hier gibt es weltweit verschiedene Ansätze. In den USA gibt es eine intensive Debatte, ob den Utilities überhaupt gestattet sein soll, in diese Märkte einzudringen. In Skandinavien sind sie de facto verpflichtet, die Netze für andere Betreiber diskriminierungsfrei zu öffnen bzw. sie insgesamt als „offene Netze“ zu führen.

 

FAIRE REGELN BRAUCHT DER MARKT

Warum ist diese Diskussion wichtig und notwendig? Wird der Markt mit „frischem Geld“ aus monopolartigen Märkten bearbeitet, dann können die bisherigen Investitionen an Wert verlieren. Die bestehenden Unternehmen versuchen natürlich, nicht auf der Strecke zu bleiben, und werfen alles in den Kampf um den Kunden. Gefahr droht dann der Innovation, der Entwicklung neuer Dienste, Raum, um Neues, Unbekanntes zu erproben. Ich plädiere also für zweierlei: erstens für ein „Level Playing Field“ im Telekom-Sektor, also für Fairness und Regeln, die für alle Spieler auf die gleiche Weise gelten; zweitens für eine Preispolitik im Bereich Infrastruktur, die kostenorientiert ist. Damit bereits bestehende Betreiber weiterhin eine Basis für ihre Investitionen finden. Denn schließlich dient alles einem Ziel: die Vielfalt und Buntheit der Branche und der Technologien zu bewahren. Denn wer will schließlich schon grau in grau?

Der Autor:
Mag. Alois Schrems ist Public Affairs Manager bei Telekom Austria und seit 2005 im Vorstand des Vereines Internet Service Providers Austria (ISPA). Der Ökonom absolvierte sein Volkswirtschaftsstudium an der Universität Wien und an der University of California, Los Angeles (UCLA). Schrems war maßgeblich bei der legislativen Umsetzung der Telekom-Liberalisierung 1998 beteiligt und gehört der Volkswirtschaftlichen Abteilung der RTR (Telekom-Regulierungsbehörde) an.

 

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