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SILVER 11

April 2007

Inhalt der Ausgabe


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Surfen am Fett

AM 24. APRIL 2007 FEIERT DER FILM „ATTWENGER ADVENTURE“ BEIM CROSSING EUROPE FESTIVAL IN LINZ PREMIERE. EINE FILMISCHE BEGLEITUNG, BEI DER DAS OBERÖSTERREICHISCHE MUSIKDUO BESTIMMT WIEDER DAS AUFFÜHRT, WAS ES AM BESTEN KANN: ES SELBST ZU SEIN. WENN AUCH NIEMAND ZU WISSEN SCHEINT, WAS DAS GENAU SEIN SOLL.

Autor/Interview: Andreas Kump

Attwenger, das Duo Hans-Peter Falkner und Markus Binder, haben einen ganz eigenen Film laufen. Mit ihrer nun schon sechs Alben langen Mischung aus Ziehharmonika, Schlagzeug und Dialektgesang entziehen sie sich regelmäßig den fertig gezimmerten musikalischen Kategorien. Das muss von den beiden nicht geplant werden. Das passiert. Getrieben von einem organisch gewachsenen Sound, den man Attwenger weder vormachen musste noch nachmachen kann. Weil sich dieser Sound auch der Elemente traditioneller Musik bedient(e), galt es sich anfänglich, gut gemeinte, aber falsche Zuordnungen vom Leibe zu halten. „Ausdruck einer spezifischen nationalen Identität“ zu sein, wie etwa die Berliner Zeitung vor zehn Jahren dahinspann, war nie im Sinne von Attwenger. Nicht nur deshalb hat der Begriff Identität bei Attwenger keinen Kredit, wie Markus Binder bei einem Gespräch im Linzer Café Schillerpark erklärt:

Das Beste, was man mit dem Wort machen kann, ist dass man Krise dranhängt. Das hört man ja öfter: Identitätskrise. Was sozusagen immer als Phänomen gesehen wird, das repariert werden muss. Man sieht ja rundherum, wie diese Konzepte, wie diese Absicht immer scheitern. Wie einfach ständig Versuche scheitern, Identität stiftende Dinge herzustellen. Das scheitert oder ist CSU, ist ein Krampf, ist nicht zum Aushalten.

Mit CSU meinst Du selbstbezogen?

Die Kultivierung und die Feier des Eigenen. Die „Mir-sanmir“- Scheiße. Mir haben unser Weißbier, Mir haben unsere Alpen und mir san super. Uah! Schüttelfrost! Das hältst du ja nicht aus.

Das Lexikon versteht im psychologischen Sinne unter Identität die Summe der Merkmale, die ein Individuum ausmachen.

Das klingt so, wie wenn es ein klar begrenztes Gefäß gäbe, das mit dem aufgefüllt wird, was ich alles tue, bin, sein soll, sein will. Meiner Ansicht und Erfahrung nach funktionieren weder die Welt noch die Menschen so. Da kommt unweigerlich eine Bruchstelle, weil dieses Konzept widersinnig ist. So wie auch die Frage nach dem „Ich“ nur eine unendliche Reflexion über diese Frage sein kann. Das Konzept des Selbstverstehens, das Konzept des Ichs, weil gerade Freudjahr war, das gibt es nicht. Das führt nur zu dem, was ich vorher erwähnt habe: zur Identitätskrise.

Wie weit das Feld des Identitätsbegriffs ist, verdeutlichen die Lexikoneinträge zur sexuellen Identität.

Die Gender-Diskussion zeigt, dass die interessantesten Aspekte die Schnittstellen sind. Die Übergänge. Androgynitäten, David Bowie, Gender-Transformationen. Da wird die Debatte interessant, wo sich die Ränder verlieren. Denn gerade die Geschlechterfrage, die Frage des Gefäßes, in dem ich mich da befinde, als Frau oder Mann, ist falsch gestellt. An dem scheitert es immer wieder. Frauen sind so und Männer so. Das kann nicht zielführend sein. Und mit Freud und seinem komischen „Ich“ ist es dasselbe. Du kannst das „Ich“ nie finden. Das ist wie eine Zwiebel, wo du eine Schale nach der anderen weggibst, und am Schluss ist da nichts. Was soll da auch sein? Man kann ja nur froh sein, dass dort nichts ist. Es wäre ein Graus.

Neben der „Ich-Identität“ ist natürlich auch die „Wir-Identität“ Thema. Nehmen wir als Beispiel nur einmal „unsere“ Schifahrer.

Was im Sport über nationale Zuschreibungen für ein Schrott an Euphorie und Enttäuschung entsteht, ist absurd. Wenn einer über einen Schneehang hinunterrutscht und drei Hundertstelsekunden hinter dem aus Norwegen ist, sind die Zeitungen – auch die angeblich seriösen – voll damit. Was „wir“ – da möchte ich überhaupt nicht dabei sein, bei diesem „wir“ – für Luschen sind, weil „wir“ die Medaille verpasst haben. Das ist so ein an den Haaren herbeigezogenes Aufputschmittel an zwanghaft hergestellter Gemeinsamkeit, da renne ich echt davon. Das nervt nicht nur, das ist vielmehr eine Verdeutlichung dessen, wie stark nationale Zuschreibungen nach wie vor wirksam sind, traurigerweise. Wie dieser Anti-Deutschland-Reflex in Österreich. Das ist einfach blöd, aber mittlerweile ein folkloristisches Element. Die „Preißen“, wie die Bayern auch sagen. Das ist mir doch wurscht! Wenn du unterwegs bist, zwischen Hamburg und München, interessiert es da jemand, ob du zu diesem Schifahrer hilfst oder zu jenem. Um das kann’s ja wohl echt nicht gehen.

Auf „Dog“ gibt es den Song „Dum“, ein Lied über Österreicher. Was Österreicher sind oder nicht sind.

Eine Österreicherbeschimpfung. Bis zu diesem Song habe ich es immer vermieden, genau das zu tun. Weil ich gefunden habe, was Bernhard gemacht hat oder Jelinek macht, dass man dieses österreichische Ding als Material hernimmt, es zerlegt, beschimpft, durch den Kakao zieht und durch den Fleischwolf dreht, ist „umgekehrter Patriotismus“. Wenn ich mich aus Feindschaft mit österreichischen Vorkommnissen beschäftige und die kritisiere, noch dazu so intensiv, muss mir auch etwas liegen daran. Neulich bei einem Konzert in Deutschland, während ich all das gesungen habe – „Österreicher san Schovis, Österreicher san Brunza“ –, habe ich gedacht: Das kann jetzt wiederum nur ein Österreicher machen. Eingefahren. Aber als einer von bis jetzt 80 Songs ist es zum Aushalten. Es ist nicht unser Hauptthema.

Bist Du als Musiker, durch die Art eurer Musik, immer noch mit dem Identitätsbegriff konfrontiert?

Das ist schon seit Jahren kein Thema mehr. Anfang der 1990er gab es eine Debatte über „deutschsprachig singen“, bei der auch der Begriff der Identität immer wieder aufgetaucht ist, aber heute geht es um die Fragen „Was machen s’ denn da?“, „Wie machen s’ denn das?“.

Wenn Du mit traditionellen Themen arbeitest und auch mit Mundartgesang, dann neigt man wahrscheinlich dazu, viel mehr hineinzuinterpretieren, als dem Musiker lieb ist.

Neulich ist mir eine Zeile eingefallen: „Was war, ist nicht wahr“. Sprich Tradition. Wenn sich zehn Leute mit dem beschäftigen, was uns in den Anfängen beschäftigt hat – Dialekt, Volksmusik –, wird jeder seine eigene Interpretation daherbringen. Als wir letztens in Bayern gespielt haben, sind wieder ganz interessante Artikel erschienen. Die haben geschrieben, dass wir quasi die Idee des Techno ins Spiel bringen und auf dem dahinsurfen. Das sei das Interessante im Vergleich zu uns selbst früher oder zu anderen, die sich mit volksmusikalischen Thematiken beschäftigen. Es sind Rudimente davon dabei, aber wir steigen nicht hinein, ins Fett, sondern wir surfen auf dem dahin.

Jetzt hat beim Crossing Europe-Festival in Linz bereits euer zweiter Film Premiere. Der erste, auch so benannte „attwengerfilm“ von Wolfgang Murnberger und Florian Flicker erschien bereits 1995. Was gibt es nun im neuen „Attwenger Adventure“ von Markus Kaiser-Mühlecker zu sehen?

Das ist eine Begleitung des Duos Attwenger im Jahr 2006. Markus Kaiser-Mühlecker hat bei uns angerufen, weil er ein Konzert filmen wollte. Ich habe ihn gefragt, wie es wäre, wenn er öfter mitfährt? Filmen, auch was rundherum passiert. Sagt er: „Okay, hätte ich sowieso vorgehabt.“ Dann ist er immer wieder aufgetaucht, das ganze Jahr über. In Bern, München, Ebensee, Innsbruck. Aber nicht so, dass er sich dir in den Weg gestellt hätte, sondern als sehr aufmerksamer Beobachter. Was man im Film merkt. Er hat Schnitte, die nur jemand so machen kann, der das Material gut kennt. Er hat ja sicher 100 Stunden gefilmt und sehr assoziativ geschnitten. Meines Erachtens ist der rote Faden des Films die Schnittweise. Etwa, ich stehe auf der Bühne und sage: „Ma, jetzt ist mir das Staberl hinuntergefallen“, und dann siehst du den Hans, wie er sich einen Tschick in den Mund stecken will, und der fällt ihm auf den Boden.

Ein filmisches Tourtagebuch, sozusagen.

Nicht nur. Es wurden noch die verschiedensten Leute zu Attwenger befragt. Der Austrofred, Josef Hader, Stermann und Grissemann, Hans Söllner, Jochen Distelmeyer von Blumfeld und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag in Berlin. Der sagt eine sehr interessante Sache, die jetzt zum Thema Identität nicht unpassend ist: „Wenn die zwei kapieren würden, was sie machen, dann würden sie es nicht machen können.“ Gefällt mir gut.

 

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