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SILVER 11

April 2007

Inhalt der Ausgabe


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Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?

DAS ICH IN VIRTUELLEN WELTEN

Am digitalen Rand der Welt ... ... die virtuelle Realität von Papermint.

MANCHE SÄTZE SIND AUTARK WIE STONEHENGE. SO AUCH DIE PRESSEINFORMATION EINER NEUEN VIRTUELLEN WELT: „PAPERMINT IST MINDESTENS DAS GANZE LEBEN!“ FILMEMACHER FLORIAN FLICKER BESUCHTE SIE. WER BIN ICH? UND WENN JA, WIE VIELE? 

Die Welt ist bunt, der Einstieg kostenlos, ihr Heimathafen: Wien. Georg Gschwend alias Lev Ledit erschuf seine „Spaßwelt“, er ist Gott des Papermints. Und Claudia Kogler? Sie hat diese Welt programmiert. Und: sie hat mich als Beta-Tester akzeptiert. Sie ist mir sympathisch, hat hart gearbeitet für meinen Spaß, nun ist es soweit, mein erster Einstieg: Ich kreiere mich selbst. Ich bin ein risikobereiter Fleisch fressender Rationalist mit heterosexuellen Ambitionen. Ich trage von Geburt an ein weißes Nachthemd mit blauem Mittelstreifen, und mein Gesichtsausdruck ist dämlich, bis ich erlerne, ihn zu wechseln. Es ist Donnerstagvormittag, die Welt ist bunt, aber leer. Bleibt mir (schlanker Typ, glatte Haut, männlich) endlich einmal das bestätigte Gefühl, allein zu sein in einer Welt. Ich wandere ziellos, der Exploration-Faktor meiner Seele steigt. Ich durchschwimme Ozeane und stoße ans Ende der Welt. Schmerzlos kann ich gegen dieses Ende anschwimmen, bis ich alt werde, und Türen suchen, die es nicht gibt. Also zurück auf die einzige belebte Insel „Vienna Cool“, Leguanfelsen meines Aufenthalts. Ich betrete meine Wohnung, noch kahl und fremd. Ich kleide mich ein, bezahle mit meinem Geburtsvorschuss. Und: ich sammle redlich Minze. Diese grünen Blätter am Wegesrand wachsen heute noch überall. Sie sind Futter meiner Seele, ihr innerer Vorrat: mein Ablaufdatum. Durch sie altere ich und werde irgendwann zeugungsfähig. Mein zukünftiges Kind: ein mir zugeteilter neuer User, für den ich Verantwortung werde tragen müssen, der Preis der Liebe. Zuvor muss ich noch einen Zeugungspartner finden, auch hier. Noch bin ich erst 6 Jahre alt. Mit einem riesengroßen Minze-Vorratsbalken in meiner Seele treffe ich auf Papyrus, einen alten Haudegen. Vor lauter Aufregung vergesse ich, seine Seele abzurufen, aber schon laufe ich mit diesem Fremden durch ein Steinlabyrinth um die Wette. Als ich verliere, tanzt er mir was vor. Ich beantrage „Beste Freunde“-Status und erhalte ihn bedingungslos. Mein weithin ablesbarer Sozialstatus steigt ungemein. Ich bin sozial, ich habe eine Wohnung und Minze zum Saufüttern. Papyrus schreibt, er habe Hunger. „Wo gibt’s hier was zum Essen?“, frage ich. Der betretenen Stille folgt ein „Ähm“ und eine Einladung in Papyrus’ Wohnung. In ihr stehen wir nun herum, das Thema Essen hält uns am Chatten. Wir schreiben es an sein Haus, so dass jeder weiß: In diesem Haus kann und wird über Essen geredet werden. Allein das Reden stillt den Hunger nicht, ich muss mich verabschieden – mein erster Ausstieg aus der Welt, von Schuldgefühlen begleitet. Meinen besten Freund habe ich allein gelassen für ein Kebab-Sandwich, das irgendwo auf mich wartet. Auf der Mariahilfer Straße gehe ich nun, schlanker Typ, männlich, glatte Haut, risikobereiter Fleisch fressender Rationalist mit heterosexuellen Interessen und realem Hunger. Meine Seele ist unlesbar, und ich bin 41. Peter Weibel meint: Second Life wäre die Arche Noah unserer Welt. – Aber was gab Noah den Viechern zu fressen? Und wohin wollte er eigentlich mit seinem Kahn? Eine Stunde später hat sich ein Suchtfaktor bemerkbar gemacht. Ich möchte nicht real funktionieren, mein Leo: Papermint. Ich rufe meinen echten besten Freund an, er bestätigt mir, dass es mich gibt. Muss Claudia noch fragen, wie ich hier sterben kann. Zweiter Einstieg, Samstagnachmittag. Mein Passwort ist falsch oder der Server überfordert. Mein Ich steht auf dem Spiel, ich kann mich nicht finden. Ein Berater fordert mich auf, ein neues Ich zu schaffen, aber das bring’ ich nicht übers Herz. Mein altes Ich zurückzulassen kommt nicht in Frage. Es ist ja nicht tot, nur verschüttet unter Datenmengen. Ich werde mich finden. Da bin ich schon und winke mir zu. Ein gutes Gefühl, bei sich zu sein, und schon ist die Hölle los: Schlanke Typen beiden Geschlechts gehen an mir vorbei, sammeln Minze und springen. Ich springe mit. Das erfrischende Gefühl körperlicher Gemeinsamkeit. Einer von uns springt am höchsten, und der gewinnt. Bald hab’ ich den Trick heraus. Vom Siegen beflügelt frage ich, ob ein „Bester Freund“ gesucht wird. Ein „Nein“, so kurz und bündig, schmerzt. Woran es liegt? – „An deinen Haaren.“ – „Ich werde mir neue kaufen.“ „Liebe machen?“, klicke ich an. – „Du bist noch nicht alt genug.“ – „Wie alt bin ich denn?“ – „Du bist erst acht.“ Wir springen weiter. „Warum tun wir das eigentlich?“, frage ich. – „Damit wir älter werden.“ Wir springen uns Seele und Minze aus dem Leib, alles aus Liebe. Mein Handy läutet, ein Produzent ruft an. Ich möchte mit ihm springen, aber er verlangt einen Termin. Und wieder dieser Hunger. Schlanker Typ, männlich, glatte Haut, frisst sich zurück in die Realität. 3. Einstieg, Sonntagvormittag. „Guten Morgen!“ rufe ich in die digitale Stille. – Ja, da ist jemand. Elfe will mit mir shoppen gehen. Elfe fragt, ob ich eine Wohnung habe. Elfe fände es schön, wenn ich eine Wohnung hätte. Ihre Seele ist unbeschrieben, sie trägt ein Nachthemd wie ich und fragt, ob sie mit mir „Liebe machen“ darf in ihrer Wohnung. Ich soll ihr folgen. Ich tue es und bin nervös. Ich stehe in Elfes Bett, sie hat sich ihre Haare abgenommen, wir sind bereit für Liebe und klicken auf „ok“. Unsere Hoffnungen werden jäh enttäuscht: Wir sind zu jung. Also: Springen. Da kommen drei Damen, wir springen zu viert. Lore ist bald erschöpft, muss Frühstücken gehen, sagt sie, „in die Realität“. Das Hunger-Problem. Wo ist ihre Realität? Ihr Frühstück steht in Mainz. Wo ist Rickys Realität? Sie wisse es nicht, tippt sie. Sie will mit Christiane shoppen gehen. Elfe will mit mir Minze suchen, um älter zu werden. Elfe kann am Wasser gehen. Elfe ist 29, schreibt für eine österreichische Tageszeitung und sucht Minze an einem wetterlosen Sonntagvormittag. Aber ich muss sie verlassen, habe eine Verabredung: Mein Körper und ich werden verreisen, samt dem meiner Freundin, ganz real, und nicht nach Mainz. Ich wünsche Elfe ein schönes Leben und bitte um einen Abschlusssatz. Sie schreibt: „Ausbaufähig.“s und hängt einen Minuspunkt hintendran: „Für Dicke gibt’s nichts zum Anziehen zu kaufen, deshalb habe ich eine neue Figur, seit gestern.“ Ich bin gerührt, klicke an, dass ich in die Knie gehe. Lange Reden sind hier nicht opportun. Hat man lange Sätze erst mal zu Ende getippt, spricht die Welt bestimmt schon über anderes. Elfe winkt ein letztes Mal und marschiert los Richtung Shopping- Center. Ich bin allein. Zeit zu gehen. Ein stiller Tod, unbemerkt. Hinter mir, ich sitze im Papermint-Showroom an den Testkonsolen dieses Spiels, finden Business-Gespräche statt: Die Realität sucht nach Möglichkeiten, für sich zu werben.

„Ich kreiere mich selbst. Ich bin ein risikobereiter Fleisch fressender Rationalist mit heterosexuellen Ambitionen.“

 

VIRTUELLE SPIELPLÄTZE

WORLD OF WARCRAFT
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Willkommen bei der größten Schlachtplatte der „Massive Multiplayer Online Roleplaying Games“ (MMORPG) – Rollenspiele, die zehntausende Spieler gleichzeitig zusammen über das Internet spielen. Wer seinen „Herr der Ringe“ mit Begeisterung gelesen hat, fühlt sich in der Fantasywelt Azeroth, dem Schauplatz von World of Warcraft, sicherlich sofort zuhause. Kann man sich doch hier als Zwerg, Nachtelf, Gnom, Ork, Troll usw. ein episches Gemetzel liefern. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung stand: „Wer weniger als neun Stunden pro Tag in Azeroth verbringt, wird in Internetforen als passiv bezeichnet.“ Offenbar ein Spiel, uns ins Dunkle zu treiben und ewig zu binden. – http://www.mmorpg.com

 

SECOND LIFE
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Seit 2003 online und mittlerweile von über vier Millionen registrierten Nutzern bevölkert. Der Sinn des zweiten Lebens? Seinen Avatar durch aufwändig gestaltete Szene-, Party- und Konsumwelten laufen zu lassen. Umsonst ist das nicht. Wer in dem von Linden Lab in San Francisco entwickelten Spiel gute Figur machen will, braucht Spielgeld (Linden-Dollars). Das gibt es gegen realen Cash, funktioniert aber auch umkehrt. Die Geschichte der Second-Life-Millionärin Anshe Chung kennt fast jeder. Wie sagte dazu Peter Weibel im Spiegel: „Die Hoffnung auf ein zweites, neues Leben ist die wichtigste Heilserwartung der Christen. Sie wird nun, zugespitzt gesagt, technologisch eingelöst.“ Mon Dieu! – http://www.secondlife.com

 

THE MATRIX ONLINE
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Fühlen Sie auch schon Ihr ganzes Leben lang, dass mit dieser Welt etwas nicht stimmt? Dann suchen Sie bitte nicht nach einem gewissen Morpheus, wie der Filmheld Neo im Science-Fiction-Film „Matrix“, sondern zelebrieren Sie die Vorstellung, dass die Menschheit von Maschinen an ein Computerprogramm angeschlossen ist, in welchem wir unser Leben verbringen, mit Matrix- Online (MxO). Dort lässt sich die Grundidee der Filmtrilogie seit 2005 weiter spinnen. Die Handlung des Spiels beginnt, wo „Matrix Revolutions“ endet. Bei vielen MMORPG-Fans hält sich die Begeisterung über MxO jedoch in Grenzen.

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Der Autor 

Florian Flicker ist Regisseur & Drehbuchautor („Halbe Welt“, „Suzie Washington“, „Der Überfall“). http://www.florianflicker.com/

 

 

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