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SILVER 12

Juli 2007

Inhalt der Ausgabe


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Die Autorin

Linda Kreuzer studiert Katholische Theologie und arbeitet als freie Journalistin in Wien.

Noah als Gärtner

Artensammlung war in biblischen Zeiten schon der Garant für ihr Fortbestehen. Ein Streifzug vom Vater der „Defloration“ bis zum praktisch-politischen Anliegen der Gesellschaft zur Erhaltung von Kulturpflanzenvielfalt zeigt, was aus dem Pärchenprinzip von Noah auf der Arche geworden ist.
Autorin: Linda Kreuzer

    „Botanik war sexy, gefährlich und ein gutes Geschäft“, so das Resümee der Wissenschaftstheoretikerin Patricia Fara, die sich mit der Entstehung und Verbreitung des Linnéschen Klassifikationssystems beschäftigt hat. Dreihundert Jahre ist es her, da begann der Schwede Carl von Linné seine Theorien zur Pflanzentaxonomie zu verbreiten. Bis dahin war die Botanik eng an die Medizin gebunden, Pflanzen wurden nach ihrer Bedeutung in der Heilkunde oder als Nahrungsmittel klassifiziert, meist nach dem Alphabet geordnet und mit einer Beschreibung ihrer Erscheinungsform versehen. Das 18. Jahrhundert zeichnete sich, wie der Botaniker Thomas Martyn schon damals meinte, durch einen „Systemwahn epidemischen Ausmaßes aus“. Linnés Vorschlag zur Klassifizierung von Pflanzen, der bis ins 19. Jahrhundert hinein als der präziseste und geeignetste gefeiert worden war, basiert auf dem Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Teilen der Pflanze. Er teilte die Welt der „Vegetabilien“ in Klassen ein, die auf der Anzahl, den relativen Proportionen und Positionen der männlichen Teile oder Staubgefäße beruhten. Diese Klassen wurden dann in etwa fünfundsechzig Ordnungen unterteilt, die auf der Anzahl, den relativen Proportionen und Positionen der weiblichen Teile oder Stempel beruhten. Diese wiederum wurden in Gattungen, Arten und Varietäten eingeteilt. Mit diesem System hat er als einer der Ersten die biologische Bedeutung der geschlechtlichen Reproduktion von Pflanzen erkannt und durch eine buchstäblich blumige Sprache auch in der breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregt: „Die Blütenblätter ... dienen lediglich als Hochzeitsbetten, die der große Schöpfer so herrlich hergerichtet, mit so edlen Vorhängen versehen und mit so süßen Düften parfümiert hat, damit das Paar dort seine Hochzeit mit einer erhöhten Feierlichkeit begehen kann.“
(Linné, Die Hochzeit der Blumen)

DIE LIEBE DER PFLANZEN
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     Linnés Terminologie war höchst umstritten, vor allem als Erasmus Darwin, der Großvater und Vordenker von Charles Darwin, 1789 sein Gedicht „The Loves of the Plants“ in Fortführung und literarischer Umsetzung des Linnéschen Systems veröffentlichte. Konservative wie der Reverend Richard Polwhele liefen Sturm gegen die schamlose sexuelle Abgründigkeit von botanischen Texten und verboten vor allem jungen Menschen die Lektüre. Erwiesenermaßen reizen moralische Verbote mehr als sie verhindern, so entdeckten Menschen verschiedenster Herkunft, vom Weber bis zur Gräfin, ihre Liebe zur Botanik. Erste Pflanzensammlervereine mit regelmäßigen Stammtischen wurden gegründet, die „Damen der Gesellschaft“ parlierten bei Tee und Gebäck über Staubgefäß- und Stempelkunde.

     Für die heutige Wissenschaft hat die Taxonomie Linnés grundlegende Arbeit geleistet, wenn auch die Einteilung von Pflanzen und Tieren nach äußeren Merkmalen durch die Molekularbiologie starke Konkurrenz bzw. eine gewichtige Erweiterung erfahren hat. Der Taxonom Reinhold Leinfelder betont in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass es „auf der Erde Schätzungen zufolge 13 bis 100 Millionen Arten gibt; wir kennen aber nur einen Bruchteil davon. Es gibt also für Menschen, die Arten erkennen und klassifizieren, noch genug Arbeit“.
     Die Entdeckung und Erforschung der Reproduktion von Pflanzen war die Grundlage der modernen Landwirtschaft. War das 18. Jahrhundert noch im Entdeckungs- und Systematisierungfieber, so kühlte sich die botanische Stirn im Laufe der letzten Jahrzehnte durch Artensterben, aufgrund von Umweltverschmutzung und Monokulturwirtschaft, deutlich ab. Zwar laufen die Gespräche am Orchideenzüchtervereinsstammtisch wahrscheinlich noch genauso gelassen, die Entwicklungen in der Landwirtschaft, der Gentechnik und Umweltpolitik haben aber zu einer neuen Form des Sammlertums mit politischem Auftrag geführt.

NOAHS KOLLEGEN
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     „Grandpa Ott’s Mornig Glory and German Pink Tomato“ gründen der Legende nach die Non-Profit-Organisation „Seed Savers“. Diane Ott Whealy und Kent Whealy begannen 1975 in den USA mit diesen beiden Samen eine Sammlung von Kulturund Nutzpflanzen anzulegen, die vom regionalen Aussterben bedroht sind. Das Verschwinden zahlreicher Sorten wird, neben der Umweltverschmutzung, der industriellen Landwirtschaft und der Entstehung von Saatzuchtbetrieben und deren Hybridsamenvertrieb angelastet. Der Zwang zur Produktionssteigerung hat im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr Landwirte veranlasst, die Eigenzüchtung und Kultivierung ihrer Nutzpflanzen zu Gunsten von Samenbelieferung durch Saatzuchtbetriebe aufzugeben. Diese wiederum erreichten durch Forschungsinvestitionen in die Hybridzucht, also die Pflanzenzucht aus nicht reinerbigen „Mischlingen“, z.B. bei Mais, die doppelte Ernteertragssteigerung und eine Abhängigkeit des Bauern vom Unternehmen, weil die Hybridpflanzen oft keinen Samenertrag zum Wiederanbau abwerfen und nicht weiterzüchtbar sind. Die Kulturtechnik des Pflanzenzüchtens ist auf Großunternehmen ausgelagert worden, die sich, ihrer Umsatzsteigerungslogik folgend, wenig um den Erhalt der Artenvielfalt oder einer nachhaltigen, ökologischen Landwirtschaft bemühen. Zusammenschlüsse von Landwirten, Hobbygärtnern und ökologisch engagierten Menschen wie die Seed Savers oder das österreichische Pendant „Arche Noah“, die Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihrer Entwicklung, wollen einerseits mit ihren Samensammlungen die regionale Vielfalt an Pflanzen bewahren und andererseits Bauern und Gärtnern die Möglichkeit der Eigenzucht wiedererschließen.

VON DER ZUCHT VON ZÜCHTERN
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     „Wir bieten diverse Kurse und Ausbildungen sowohl für Hobbygärtner und -gärtnerinnen als auch für Landwirte an. Im Lehrgang Samengärtnerei werden Vermehrung- und Selektionstechniken vermittelt“, erklärt Beate Koller, Geschäftsführerin der „Arche Noah“, ein praktisch-politisches Ziel des Vereins. Bei ihrer Arbeit gehe es weniger um die Katalogisierung, sondern „um das Wiederbeleben und Sichern der heimischen Pflanzenvielfalt im landwirtschaftlichen Alltag“.

     Die Samensammlung des Vereins entstand vor 15 Jahren auf der Basis heimischer Pflanzen aus staatlichen Genbanken. Nach und nach vergrößerte sich das Sortiment durch Sammelreisen und private Spenden auf aktuell 6.000 Sorten, vor allem von Gemüse, Kartoffeln und anderen landwirtschaftlichen Kulturen. Der Kernsammlung von heimischen, vom Aussterben bedrohten Pflanzen kommt höchste Erhaltungspriorität zu, nächste Stufe ist der pädagogische Bereich, der auch außereuropäische Pflanzen mit einschließt, und der dritte Teil des Archiv schützt speziell für die Landwirtschaft interessante Sorten. Die „Arche Noah“ versteht sich selbst als Lobby- Organisation und ist Teil eines internationalen Saatgutnetzwerkes, das sich als Interessengemeinschaft mit Mitte Mai neu gegründet hat und in Ungarn eine Koordinierungsstelle einrichten wird. Kooperationen mit „SOS – Save our Seeds“, einer Anti- Genpflanzen-Organisation, oder der Slow-Food-Bewegung machen klar, dass die Philosophie des Vereins in ökologischnachhaltiger Aufklärung fußt.

www.arche-noah.at

 

 

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