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SILVER 13

Oktober 2007

Inhalt der Ausgabe


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Cockney Rebels

Seit den gröbsten Exzessen des Austropop sind Mundart und Popmusik in Österreich überaus heikle Bettgesellen. doch selbst im britischen Mutterland des Pop barg das  Singen im lokalen Zungenschlag immer schon ein Risiko der Peinlichkeit.

Autor: Robert Rotifer

 

Nach exakt einer Minute und fünfzig Sekunden von „LazySunday“, einem der zu Tode gespieltesten Songs der Popgeschichte, ereignet sich eine erstaunliche Transformation. Bis dahin hat uns Small-Faces-Sänger Steve Marriott in farbenfrohem Cockney geschildert, wie er und seinesgleichen wegen ihres bekifften Lebensstils von der Nachbarschaft angefeindet werden:„They make it very clear, they’ve got no room for ravers.“

Am Ende jedes Refrains entflieht der Erzähler dem öden LondonerSonntag, indem er die Augen schließt und seine Gedanken treibenlässt. Immer wieder wird er aus seinem Tagtraum gerissen,doch schließlich siegt das THC, „and no one can stop me from feeling this way“. Genau an diesem Punkt, wo Marriott endgültig in die Traumwelt entflieht, verflacht das Ost-Londoner „ai“ in„lazy“ („laisi“ in improvisiert eingedeutschter Lautschrift) zueinem neutralen „ej“ („lejsi“), und das „a“ des „afternoon“ neigt sich weit über den Atlantik in Richtung „e“. Marriotts Stimme verliert dabei ihre outrierte Komik, und er findet seinen natürlichen Ausdruck als Popsänger wieder.

Die Small Faces nahmen „Lazy Sunday“ 1968 eigentlich nur zum Scherz auf und waren schwer erzürnt, als ihre Plattenfirmadie Nummer ohne Rücksprache als Single veröffentlichte und damit ihren Image-Wandel vom Teenie-Bopper-Act zur ernsthaften psychedelischen Soul-Rock-Band sabotierte. Ähnlich wie jeder Anflug österreichischer Mundart in der New-Wave-SzeneAnfang der 1980er als Brandmal des überkommenen Austro-Pop geächtet wurde, verströmten gesungene britische Dialekte zu jener Zeit noch den Mief einer Welt vor der Popkultur, ehe die verschiedenen Derivate des amerikanischen Blues, Country oder Folk eine zeitgenössische jugendliche Ausdrucksform definiert hatten. Der in der Music-Hall-Tradition der Vorkriegszeit von britischen Stars wie dem Ukulele spielenden George Formbygeprägte Stereotyp des im pseudonaiven Dialekt freche Anzüglichkeiten singenden „cheeky chappy“ war bereits zum hofnärrischen Klischee erstarrt.

Keiner wusste das so gut wie Marriott, der in seiner Kindheitselbst in „Oliver!“, der Musical-Version von Oliver Twist, die Parade-Cockney-Rolle des eine Gang von Straßenkindern anführenden Artful Dodger verkörpert hatte. Die bis heute definitive Vorlage zu diesem Part hatte kurz nach dem Krieg AnthonyNewley gespielt und im Verlauf seines Erwachsenwerdens zu einer Art Lebensrolle ausgebaut. Zu Newleys Verehrern zählte auch ein gewisser Davie Jones, der 1964 auf der Debüt-Singleseiner Band The King Bees einen R&B-Song namens „Liza Jane“mit eindeutig cockneyesken Zwielauten sang. Unter seinem späteren Künstlernamen David Bowie sollte Jones Anfang der Siebziger Londoner Lautverschiebungen zum glamourösen Stilmittel erheben, ehe sie via Pub-Rock-Bands wie Ian Durys erster Inkarnation Kilburn & High Roads im Punk-Kontext zur Metapherfür – echtes oder gespieltes – Gossen-Rebellentum mutierten.

Genau genommen hatte sich wohl bereits unter den Amerikanismen der Beatles ein neckisches Spiel mit charmanten Liverpooler Untertönen verborgen, siehe etwa Lennons von einem koketten Lächeln gefolgtes, rollendes „r“ in „night-timebright“ („It’s Only Love“). Syd Barrett wiederum hatte schon 1967mit seiner unaffektierten Middle-Class-Umgangssprache der Home Counties eine natürliche Alternative zur standardisierten Pop-Lingo gefunden.

Trotzdem sind britische Lokalismen in der Popmusik selbst heute noch ein heikles Thema. Wer immer Jamie T, Lilly Allenoder – ganz schlimm – Kate Nash als unauthentisch entlarven will, braucht nur auf ihren mutmaßlich übertriebenen Slang zuverweisen. Der aus Birmingham nach London gezogene MikeSkinner alias The Streets erscheint dagegen mit seinen aufgesetzten Cockneyismen umso glaubhafter. Schließlich pflegengerade die Jugendlichen der Midlands ihre Version des hauptstädtischen Dialekts, weil sie den vom Rest des Landes veräppelten Zungenschlag ihrer eigenen Provinz selbst zu uncool finden.

Auch die Schotten neigen beim Singen immer noch zu genaujenen „anglified vowels“, über die sich ein in dieser Hinsicht selbst kaum unbefleckter Alex Kapranos in Franz Ferdinands „Shopping For Blood“ lustig gemacht hatte, bzw. zu neutralem Dosenamerikanisch (siehe z.B. Sharleen Spiteri von ähm... Texas)– vielleicht ja nur, um nicht wie die Proclaimers zu klingen. Selbstbewusste nordenglische Städte wie Liverpool oder Manchester kennen derlei Credibility-Probleme längst nichtmehr, und seit Maximo Park und den Arctic Monkeys klingen selbst Newcastle und Sheffield so cool, dass selbst Londoner Bands oft schon peinlicherweise das Wörtchen „but“ mit einem kurzen „u“ singen. Das Einzige, was aus britischer Perspektive heutzutage ganz sicher nicht mehr durchgeht, ist just jener ausgelutschte Wortschatz bastardisierter Blues-Phrasen, in dem sich weiße Rocksänger wie Steve Marriott einst so instinktiv zuhause fühlten. Aber auch das kann sich wieder ändern. Wer weiß,woran die nächste Generation britischer White-Stripes-Fans bereits im Hinterzimmer werkt.

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Der Autor:

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Robert Rotifer lebt seit 10 Jahren als freischaffender Journalist und Musiker in Großbritannien, moderiert die Sendung FM 4 Heartbeat, schreibt unter anderem für Falter, Profil, Berliner Zeitung und brachte 2006 sein drittes Solo-Album „Before The Water Wars“ bei WohnzimmerRecords heraus.

 

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