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Oktober 2007
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Ich weiß, dass ein Fötus ab dem siebten Monat die Stimme seiner Mutter erkennt. Hört er oder sie eine fremde Stimme, verlangsamt sich sein oder ihr Herzschlag. Mehr weiß ich nicht. Zwecks ausführlicher Recherche empfiehlt mir die SILVER Redaktion als ergiebigen Gesprächspartner einen Wiener Spracherkennungsexperten, anerkannte Koryphäe auf diesem Gebiet.
Als ich ihn endlich erreiche und ihn um ein Gespräch bitte, blockt er rüde ab: Er sei seit Jahren nur mehr in der Forschung tätig und habe keine Zeit. Zwei Wochen später weiß ich, warum. Sprach-
erkennungsprogramme gehen dem alten Traum nach, dass unsere Stimmen Computer, Wohnung, Welt beherrschen: „Licht an! Licht aus!“ oder im Fall von Textprogrammen: „Mach das fett! ... Streich das! ... Diktatmodus starten!“
1984 war es endlich so weit. IBM benötigte noch einen Großrechner, Dragons System punktete bereits mit einem tragbaren PC. Dragon ist heute laut Eigenwerbung Marktführer mit „Naturally speaking 9“. Zusätzlich besprochen werden hier „iListen 1.6.8“ und „Voice Pro USB edition 11“.
Bildtext: Who killed Bambi?
-Bassistin Nina am diesjährigen Volksstimmefest
Jedes der drei Programme verlangt zur Eingewöhnung an Ihre Stimme Leseproben. Je mehr, umso besser.
Ich verbringe ein halbes Wochenende mit Leseproben, meine Freundin verbringt diese Zeit mit Lachkrämpfen. Dragon bietet zur Beruhigung Dornröschen an. Mit iListen lese ich Kafkas Hungerkünstler. Voice Pro verspricht die Schatzinsel, ich entscheide mich aber für einen Text zum Thema Spracherkennung. Niemals wieder setze ich mich vor einen Computer und versuche ihm das Wort „Spracherkennung“ beizubringen. Auch die Simulation eines bayerischen Dialekts (Hersteller Linguatec sitzt in München) bringt keine Besserung, „Spracherkennung“ bleibt ein Fremdwort und ich unerhört.
Zurück zu iListen: Reden Sie ganz normal PUNKT Machen Sie keine unnatürlichen Pausen PUNKT Im Gegenteil GEDANKENSTRICH Sie können sich mit Ihrem Computer ganz normal wie mit einem Freund oder einer Kollegin unterhalten AUSRUFEZEICHEN – Tatsächlich ist es Beziehungsarbeit. Schweigen löst keine Probleme. Lassen sie Ihr Headset am Kopf und reden Sie drüber. Im Fall von iListen empfehle ich vorab: Schließen Sie alle Fenster, schicken Sie eventuelle BürokollegInnen nach Hause und Ihre Kinder zu den Nachbarn. Sobald alle störenden Nebengeräusche verstummt sind, lesen Sie weiter, aber möglichst laut: „Neue Kommunikationstechnologien verändern sowohl unser Privatleben als auch unsere Arbeit PUNKT"
DIE GETESTETEN PROGRAMME
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Als Scotty 1986 zurück in die Gegenwart und auf die Erde kam, um Wale zu retten, sprach er, wie er es gewohnt war, auch mit den irdischen Computern. Als diese nicht reagierten, verstand er die Computermaus als Mikro und sprach da hinein. Im Falle von Voice Pro war ich fast so weit, auch wenn Stiftung Warentest darin seinen Testsieger sieht. Abends ist meine Stimme heiser und den Programmen bekannt, meine persönlichen Stimmprofile angelegt. Diktatmodus starten AUSRUFEZEICHEN. Im Fall von iListen würde ich und auch das Handbuch zuvor empfehlen, Backups Ihres Stimmenprofils anzulegen. Bei erzwungener Deund Neu-Installierung des Programms geht dieses naturgemäß verloren, und Sie können den Hungerkünstler bald auswendig. „Niemand kann sich dieser Entwicklung entziehen KOMMA weder die Erfinder noch die Verbraucher PUNKT“
Ich entscheide mich für einen klassischen Text: Die Bürgschaft von Schiller. Hier in aller Kürze die Ergebnisse: Von Oskar Werner zwar genial gelesen (aber mangels erstellbarem Stimmprofil zugegebenermaßen ein Test außer Konkurrenz), entstehen Ernst-Jandl-Texte. Ernst-Jandl-Texte werden zu bisher unbekannten Ernst-Jandl-Texten. Auch vom Autor gelesen scheitert iListen an Schiller oder der Autor an iListen, auf jeden Fall katastrophal. Voice Pro nähert sich interessant ans Original: „Die Stadt vom Türrahmen befreien! – Das sollst du am Kreuze bereuen!“ Allein Naturally Speaking wirkt, als kenne es Schiller persönlich. „Und blickt sie lange verwundert an, darauf spricht er: es ist euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen, und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn – so nehmet auch nicht zum Genossen an. Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der dritte.“ Der Tester zieht sich beschämt zurück und setzt sich stimmlos vor seine Tastatur.
Später bricht sich ein Freund den Arm. Das ist schlimm. Seine Röntgenologin diktiert ihren Befund mittels Philips SpeechMike Pro. Sie sagt: Das ist gut. Ich öffne meine Fenster und atme durch. Eine Beziehung ist genug.
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Der Autor
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Florian Flicker ist Regisseur & Drehbuchautor
http://www.florianflicker.com/