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SILVER 13

Oktober 2007

Inhalt der Ausgabe


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DIE VIELFALT IN ZEITEN DER COMPUTER

Internationale Softwareentwickler kommunizieren in Englisch. Internationale Anwender brauchen Programme in ihren Muttersprachen. Wie diese Brücke zu schlagen ist und ob die Computer-Verkehrssprache Englisch der Sprachvielfalt schadet, lohnt eine nähere Betrachtung.

Autor: Gerfried Fuchs

 

Vielfalt ist schön, kann aber auch schön verwirrend sein. Auf Sprache bezogen, kennen wir das von einem gescheiterten Hochbauprojekt her: dem Turmbau zu Babel, der zwar ob massiver Verständigungsprobleme nie vollendet wurde, uns aber – was für ein Paradoxon – als Sinnbild trotzdem erhalten blieb.

Dem verzweifelten Bauleiter von  einst hätten aber selbst ein paar Übersetzer nicht geholfen, und eine  künstliche Allgemeinsprache wie  Esperanto lässt sich auch nicht an einem freien Turmbauwochenende erfinden, geschweige denn erlernen.

Am ehestenhätte wohl so ein Medium wie das Fernsehen in den Bauarbeiterquartieren zu Babel Abhilfe geschaffen. Zumindest war das zirka 3750 Jahre später so, als in den USA das televisionäre Zeitalter begann und damit das Englisch auch in Winkel des Landes transportierte, wo sich immer noch andere Verkehrssprachen europäischer Einwanderer hartnäckig erhalten hatten.

Ein Medium als Treiber, Englisch als Lingua franca – das kennen wir auch heute noch, ja, besser denn  je.

Bildtext: Schüler im Deutschkurs, VHS Ottakring

 Im Informationszeitalter, speziell im Umfeld von Internet und Computer, wird Englisch gesprochen. Das geht auf die  "Steinzeit“ der Computer zurück,  hat sich im gewachsenen „Jargon“  der Entwickler und Nutzer eingebrannt. Bedingt dadurch, setzen auch alle gängigen Programmiersprachen auf Englisch auf. Eine Situation, die natürlich die Frage nach sichzieht, wie sich Englisch als Verkehrssprache auf die Sprachvielfalt der Entwickler und Nutzer auswirkt?


Aus Sicht eines Entwicklers wäre dazu zu sagen: Es gibt zu viele kluge Köpfe da  draußen, als dass man sie aufgrund ihrer Sprache ausschließen möchte. Zwar wird ein Großteil der Mailinglisten, die sich mit derEntwicklung von (freier) Software beschäftigen, auf Englisch geführt, sind Kommentare in den Programmen sowie  Dokumentation dazu ebenfalls primär in Englisch abgefasst, jedoch wird andererseits  innerhalb der Projekte sehr wohl versucht, die Benutzerbasis nicht auf Englisch  Sprechende einzuschränken. Das heißt, die Entwicklung findet daher zwar in Englisch,  aber nicht (nur) für Englisch Sprechende statt. Den Code zu übersetzen würde keinen  Sinn machen. Übersetzt wird nur, was der Endnutzer sieht. Mit dem grundsätzlichen Ziel, so viele Sprachen wir nur möglich zu unterstützen.

 

i18n – INTERNATIONALIZATION
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Zur besseren Erklärung dieser Sätze tragen sicherlich die Erfahrungen bei, die der Autor dieser Zeilen vergangenen Herbstbei einem i18n-Debian-Entwicklertreffen (Debian GNU/Linux ist einweit verbreitetes, freies Betriebssystem) in Extremadura gemacht hat. Als Internationalisierung (kurz i18n, von den 18 Zeichenzwischen i und n im Englischen) bezeichnet man den Prozess, ein Programm dahingehend aufzubereiten, dass es in anderen Sprachen angeboten werden kann. Dabei geht es nicht nur darum, Textteile  übersetzbar zu machen, sondern auch spezielle Unterstützung für Sprachen, die besondere Anforderungen an die Schrift stellen.
Wie zum Beispiel für Arabisch, das von rechts nach links verläuft,aber noch verhältnismäßig einfach umzusetzen ist. In Khmer werden etwa gleich mehrfache Schrifthöhen benötigt, da Zeichen sowohl oberhalb als auch unterhalb von vorangegangenen Zeichen gesetztwerden können.

In Extremadura trafen sich daher rund 20 Entwickler, die darüber sprachen, wie man die Internationalisierung vorantreiben und den Übersetzern ihre Arbeiterleichtern kann, ohne dabei an Qualität zu verlieren. Schließlich ist, was an automatisiert übersetzten  Texten durch die Gegend geistert, schon schlimm genug. Das Treffen ging über drei Tage miteinem recht umfangreichen Programm[1]. Kommuniziert wurde einmal mehr ausschließlich in Englisch – kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Leute aus allen Teilen der Welt kamen:Bangladesh, Brasilien, Israel, Rumänien, Litauen, Japan und natürlich auch aus Spanien. Trotz der bei dem Treffen verwendeten Verkehrssprache kamen alle mit dem Vorsatz, an einer  verbesserten Unterstützung für ihre Sprache mitzuarbeiten. Etwa wenn es galt, bei  einigen Textteilen Probleme mit Platzhaltern auszumerzen, diein manchen Sprachen  entstehen, wenn sich der Platzhalter aufPersonen oder Zahlen bezieht. Bei Personen  gibt es aber nicht nurdie Unterscheidung zwischen weiblicher und männlicher Person, sondern in manchen Sprachen auch zwischen gemischten Gruppen bzw.reinen Frauen- bzw. Männergruppen. Andererseits gibt es bei Zahlennicht nur die Unterscheidung  zwischen eins und mehreren, imTschechischen ist z.B. die 11 eine Spezialform, im  Slowakischendie zwei und drei. Da wäre sie also wieder, die babylonische Sprachverwirrung, die den Entwickler quält und von der der Enduserbei „seiner  Anwendung“ dann aber nichts mehr mitkriegen soll.
 

SPRACHE UND SCHRIFT
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Ein zentraler Workshop in Extremadura handelte vom bereits erwähnten Schriftproblem.  Speziell, da es nicht nur graphische Programme gibt, sondern auch  solche, die im Textmodus ablaufen, sind hier teilweise Kompromisse zu machen, um die Schriftenunterstützen zu können. Das Problem der Schriften umfasst jedoch nicht nur  die Darstellung, sondern auch deren Verfügbarkeit: Mit Schriften, die eine gute  Unterstützung für spezielle Sprachen bieten, lässt sich gerne ebenso gut Geld  verdienen. Damit werdenaber jenen Endusern in teilweise kleinen Sprachräumen, die damit unterstützt werden sollten, oftmals kommerzielle Steine in den Weggelegt, die  nicht notwendig sein sollten. Es mag zwar sein, dass uns diese Probleme nicht direkt betreffen, doch sollte man sich des Problems durchaus bewusst sein und nicht von Anfang an schon eine Umgebung schaffen, in der es gar nicht mehr – beziehungsweise nur mit großem Aufwand – möglich ist, diese Länder zu unterstützen.

Im kommerziellen  Umfeld wird hier immer der Aufwand dem Nutzen gegenübergestellt, wodurch es schon  vorgekommen ist, dass ein kommerzieller Anbieter eines Betriebssystems in  einem kleineren Land oder Sprachraum keinen Gewinn sieht, und die Anwender daher auf freie Software setzen müssen. Dies birgt zweierlei Vorteile: Erstens profitieren natürlich die Endnutzer kleinerer Länder davon, die sonst zwangsweise Programme in anderen „Weltsprachen“ verwenden müssten; zweitens sind diese vermeintlichen Nischen für die Etablierung, Verbreitung und Perfektionierung freier Software ideal, und das zeigt ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf.

Dazu ein Beispiel aus dem mit etwa 300.000 Sprecherinnen und Sprechern verhältnismäßig kleinen Sprachraum Island, wo Computer Tölva heißen. Als dort 1998 Microsoft die Bewahrung der isländischen Schrift in der digitalenWelt bei ihren Produkten wegen eines zu kleinen Marktes für nicht rentabel erachtete, hatte man bei dem Global Player die Rechnung ohne die isländische Renitenz gemacht. Die Sprachunterstützung wurde in GNU/Linux umgesetzt, was zur Folge hatte, dass die öffentliche Verwaltung und viele Bürger auf Linux umstellen.

Nicht aufgegangene Rechnungen, die Liebe zu Muttersprachen, der Idealismus der polyglotten freien Software-Szene – all dies darf als Votum für die Bewahrung der Sprachenvielfalt in Zeiten der Computer angesehen werden. Ob Englisch als Verkehrssprache in diesem Zusammenhang schadet oder nützt, kann hingegen nur mit einem eindeutigen Jein beantwortet werden.

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Der Autor

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Gerfried Fuchs ist Mitarbeiter von Silver Server.

 

 

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