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Jänner 2008
Inhalt der Ausgabe
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In Augsburg bringt man Cirruswolken zum Klingen. In Wien hört man aufs Geschäft: „The Sound of Shopping“ macht aus Ihrem Einkaufskorb ein Konzerthaus. Strichcodes musizieren. Florian Flicker hörte ihnen zu.
Mit drei Jahren wurde Christoph Pickl erstmals vor einen Computer gesetzt, einen Commodore 64, englisches Betriebssystem. Diesen Computer kannte er bald besser als seine Familie. Aus Langeweile, wie er sagt. Heute ist Christoph zweiundzwanzig, spricht dreißig Computersprachen, ist Lektor an der TU Wien und nebenbei Mitglied der HipHop Band „Hörspiel Crew“. Vor einem halben Jahr sah er am Schwarzen Brett der TU eine Suchanzeige und meldete sich. Es ging darum, simple Strichcodes zum Musizieren zu bringen. Aber was ist schon simpel?
„Funktionieren tut ein Programm schnell einmal“, sagt er, „aber Schönheit ist etwas anderes.“ Das Sound-of-Shopping-Programm sei schön geworden, sagt Christoph, und Schönheit definiert sich in seinen Augen durch Flexibilität. Und Flexibilität erfordert das „Sound of Shopping“-Projekt. Sein Erfinder Thomas Hirt, ein erfahrener Tausendsassa in Sachen Kunst, entwickelte folgende Idee: An der Supermarktkassa bekommen wir bald nicht nur die Rechnung präsentiert, sondern auch noch deren individuelle Melodie – Einkauf mit Musik. Anlässlich meines Besuchs hat er in seinem Büro eine pittoreske Versuchsanordnung vorbereitet. In Kürze wird der Inhalt eines simulierten Einkaufskorbs musikalisch, werden die Strichcodes folgender Produkte gemeinsam musizieren: Ein Roman („Veronika beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho, 24. Auflage), ein halbes Kilo Dinkelburger-Mehl der Marke Rauchhof sowie eine Dose Basic-Tomatenmark. Und tatsächlich: Sowie die Strichcodes eingescannt sind und Christophs Programm aktiviert, hören wir achtzehn Sekunden lang eine eingängige Melodie, melancholisch und überraschend menschlich klingt sie auch. Veronika beschließt zu sterben und nicht nur Coelho, auch Tomatenmark und Dinkelburger wissen, warum.
„Bist du zufrieden?“, frage ich Belush Korenyi, anwesender Musiker und jener Mann, der bereits den Prototyp des Programms in Komposition unterrichtete. „Ja“, sagt Belush, „das war interessant.“ Auch der Informatiker Christoph Pickl grinst zufrieden: „Ich gebe dem Computer stupide Anweisungen, und er macht Schönes daraus.“ Ich bitte um ein Solo des Tomatenmarks. Dieses bremst meine erste Euphorie. Es klingt wie ... Tomatenmark. „Nun, es ist nicht als konsumförderndes Werkzeug gedacht“, kontert Thomas Hirt, „Es kann durchaus sein, dass ein Kunde einen Sound Of Shopping bekommt, den er gar nicht will. Dann ist er für einen Moment aus dem Shopping-Alltag herausgenommen, und das ist okay. Will er den Sound aber doch, so kann er ihn mitnehmen, als Klingelton am Handy oder als simple Musik-Datei.“ Der Clou des Projekts: Jeder „Sound of Shopping“ ist einzigartig wie der Einkauf auch. Nicht nur die in den Strichcodes erfassten Produktinformationen bestimmen die Komposition, auch Datum und Uhrzeit sowie Anzahl der gekauften Produkte entscheiden über Tonfolge, Rhythmus und Instrumentierung.
„Die Idee bestand darin, pure Zahlen-Informationen hörbar zu machen und auch noch eine kulturelle Ebene darüber legen.“ Diese „kulturelle Ebene“ liefern Komponisten wie Belush Korenyi, die dem Programm gleichsam eine individuelle Leit-Kultur vermitteln. Korenyi: „Zugegeben: manchmal entsteht Mist, manchmal entsteht aber auch etwas Besonderes, an das ein Komponist nie gedacht hätte. Aus musikalischer Sicht geht es um Mathematik, wie schon bei Bach. Die Goldberg-Variationen zum Beispiel sind in Pyramidenform gebaut, in sehr komplexer, mathematischer Struktur. In der Musik des Barock war vieles ,verboten‘, und Bach hat viele dieser Verbote einfach ignoriert. Wie unser Programm auch.“
„Was ist das Ziel des Projekts?“ frage ich. Christoph Pickl weiß es gleich: „Wir werden reich und berühmt.“ Thomas Hirt weiß es nicht: „Manche Dinge muss ich einfach machen“, sagt er, „und dann soll die Welt damit spielen. Ich spüre intuitiv, wenn in Ideen etwas drinnen steckt und will sie dann gar nicht erklären oder philosophisch begründen. Bullshitologie nenne ich diesen Erklärungsdrang.“ – Gibt es vergleichbare Projekte? Belush verweist auf die alten Griechen. Sie legten Notenblätter über die Sternbilder des Nachthimmels und brachten so das All zum Klingen. In Augsburg wiederum transformierte man vor zwei Jahren die Messdaten von Cirruswolken in Musik. Da und dort hört man auf die Natur – in Wien aufs Geschäft? – „Geschäft ist doch auch Natur“, kontert Thomas Hirt, „die Natur des Menschen. Aber jetzt lassen wir diese Bullshitologie“, sagt er ertappt.
The Sound Of Shopping wird am 14. Februar ’08 im Kunstsupermarkt M-Ars, 1070 Wien, erstmals öffentlich präsentiert, ein Monat später soll es zum Prix Ars Electronica eingereicht werden, dann kann die Welt damit spielen.
Der Autor
Florian Flicker ist Regisseur & Drehbuchautor
www.florianflicker.com
STRICHCODE (ENGL. BARCODE, FRÜHER BALKENCODE), aus unterschiedlich starken, parallelen Strichen bestehender Code, der von einem Zeichenleser (Lichtstift, Scanner) erfasst und einem Computer zugeleitet wird; in den USA vor allem auf Druck der Supermarktkette Wal-Mart in den frühen 70ern eingeführt. Das erste Produkt, das im regulären Warenverkehr durch Barcode erfasst wurde, war eine 10er-Packung Juicy-Fruit von Wrigley (26. Juni 1974 in Ohio).1976 folgte die Einführung des Strichcode-Systems EAN in Europa. Drei Jahre später waren es zwei Billa-Filialen in Wien, die erstmals in Österreich mit Strichcode-Lesegeräten ausgestattet wurden.