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April 2008
Inhalt der Ausgabe
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„The Darjeeling Limited“, „Hotel Very Welcome“, und „Into the Wild“: Im Kino stehen Selbstfindungstourismus und Initiationsreisen gerade hoch im Kurs.
Autor: Joachim Schätz.
Wer auf Google „selbstfindungs-tourismus“ eintippt, bekommt läppische drei Suchergebnisse präsentiert. Kein Wunder: Die Wortkombination selbst ist bereits eine hämische Unterstellung, die das Hehre, Unmittelbare der spirituellen Reise mit dem Anruch kommerziellen Kalküls und vollklimatisierter Sicherheit beschmutzt: Zen-Meditation mit Sitzpolster, Slumming im Luxus-Wohnwagen. Dementsprechend könnte man die Filme, die von Selbstfindungsreisen handeln, danach unterscheiden, ob sie die Sehnsucht nach Selbsterkenntnis und Horizonterweiterung als legitimes Ziel gelten lassen oder sie als touristischen Werbeschmäh und verwöhnte Spinnerei hinstellen.
In Wirklichkeit sind die Dinge allerdings verwickelter. Zum Beispiel in „Hotel Very Welcome“, dem charmanten Langfilmdebüt der Deutschen Sonja Heiss. Einige der bösesten Seitenhiebe in dieser semidokumentarischen Rucksacktouristen-Komödie gelten der Fraktion Harmonie suchender Esoteriktripper: Verbissen feilt die Mittdreißigerin Marion (Eva Löbau) im indischen Meditationszentrum an innerer Harmonie und ihrem Sex-Chakra, aber die erhoffte spirituelle Klarheit will sich einfach nicht einstellen. Im Gemeinschaftssaal wird zu holprigen La-Le-Lu-Gesängen („I learn to love myself again“) ausdrucksgetanzt, am Swimmingpool mit frisch getanktem Selbstwertgefühl über bettelnde Einheimische gemotzt: „Bei denen spür’ ich kein aufrichtiges Interesse an mir als Person.“ Zugleich lassen Heiss und Co-Autor/Kameramann Nikolai von Graevenitz, beide selbst erfahrene Backpacker, an ihrer Sympathie für die verunsicherte, in den Trümmern einer Langzeitbeziehung gefangene Marion keinen Zweifel. Ihr Indienaufenthalt ist, ebenso wie die des irischen Slackers Liam (Chris O’Dowd), dem sie schließlich begegnet, eher eine überstürzte Flucht vor dem eigenen Leben als eine spirituelle Entdeckungsreise. Aber weil auf Reisen nichts sicher ist (noch nicht einmal das Scheitern), lassen Heiss und Graevenitz ihren Weltenbummlern trotzdem einzelne, unerwartete Momente der Einsicht widerfahren.
SPIRITUELLES SIGHTSEEING
Das sprichwörtliche emotionale Gepäck westlicher Sinnsuchender materialisiert sich in Wes Andersons Tragikomödie „The Darjeeling Limited“ in Form eines ganzen Stapels eigens entworfener Louis-Vuitton-Koffer. Diese sind erwartungsgemäß nicht die einzige Last, welche die Brüder Francis (Owen Wilson), Peter (Adrien Brody) und Jack Whitman (Jason Schwartzman) auf ihrer Indien-Reise mit sich herumschleppen: Auf einer spirituellen Sightseeing-Tour sollen familiäre Zwistigkeiten beigelegt, der Tod des Vaters verarbeitet, die Mutter in ihrem Kloster am Fuße des Himalaja besucht werden.
Wo „Hotel Very Welcome“ sarkastische Zweifel am Sinn wohlstandsbürgerlicher Selbstfindungstrips Zweifel anmeldet, da ist die Zugreise der Gebrüder Whitman von Anfang an ein einziger schlechter Witz: Statt Indien zu erkunden, verkriechen sich die verkrachten Brüder in ihrem hübsch dekorierten Eisenbahnabteil und betäuben ihre Seelenwehwehchen mit vertrauten Pop-Songs und verschreibungspflichtigen Sedativa. Die Darstellung der narzisstischen Brüder lässt sich unschwer auch als Selbstkritik
des Regisseurs entziffern, der sich in seinem erdrückend selbstverliebten Stil-Universum (frontale Tableaux, farbkodierte Kostüme, erlesener Pop-Soundtrack) inzwischen so eingesperrt fühlen mag wie seine Neurotikerfiguren in ihrem mit Klimbim zugestellten Zugabteil.
Wenn Anderson seinem lädierten Trio schließlich doch noch eine „authentische“ Begegnung mit Land und Leuten aufzwingen will, ist sein Vorgehen entsprechend brachial: Die Whitmans werden Zeugen eines Unglücks mit tödlichem Ausgang. Als sie an den folgenden Bestattungsfeierlichkeiten teilnehmen, läuft die von Francis minutiös geplante Reise endgültig aus dem Ruder – und findet damit erst ihr eigentliches Ziel.
DAS KINO, EINE REISE
Dass das Kino sich bei aller Skepsis den Reizen des Selbstfindungstourismus doch nie ganz entziehen kann, liegt wohl auch im Medium selber begründet: Als Apparatur zur Aufzeichnung der physischen Realität war der Film immer schon auf Reisen, angefangen mit den flinken Expeditionen, die den Lumière’schen Kinematographen bereits ein Jahr nach seiner Erfindung bis China führten und exotische „Reisebilder“ aus aller Welt auf Europas Leinwände brachten.
Sowohl Mainstreamkino als auch Kreativtourismus werben heute mit dem Versprechen außergewöhnlicher, neuartiger Erfahrungen (und nicht selten mit einer grenzesoterischen Rhetorik des sich selber Spürens) für ihre Dienste als Freizeitgestalter – und müssen sich gerade deshalb beide bemühen, tunlichst nicht zynisch oder kalkuliert zu wirken. Ein entscheidender Vorteil des Kinos gegenüber seinem Konkurrenten: Es kann Spontaneität und Risikofreude nach Herzenslust einmahnen, weil sein Publikum in jedem Fall sicher und weich bestuhlt im Trockenen sitzt.
Schlagend wird dieser Unterschied etwa in Sean Penns Außenseiter-Ballade „Into the Wild“: Der zweijährigen Amerikatrip des jungen Aussteigers Christopher McCandless (Emile Hirsch), der schließlich 1992 in Alaska verhungern sollte, stellt das kompromisslose Extrembeispiel einer Initiationsreise und Selbstsuche ganz ohne touristisches Sicherheitsnetz dar. In Penns bildgewaltiger Inszenierung fallen dabei die bewusstseinserweiternde Schönheit amerikanischer Landschaften und die Macht des Kinos eigenwillig zusammen: Mit seiner hyperaktiven Gestaltung aus Split-Screens, Überblendungen, zersplitterter Chronologie und Originalsongs von Eddie Vedder (Pearl Jam) mutet Penns Lobpreis auf die unberührte Natur bisweilen erstaunlich artifiziell an – und gerade in diesem Paradox bewegend.
Der Autor:
Joachim Schätz lebt in Wien, studiert dort Film- und Kulturwissenschaft und arbeitet als freier Filmjournalist (v.a. für Falter und the gap).