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SILVER 15

April 2008
Inhalt der Ausgabe

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SCHNELL MAL WEG

Es reicht mit dem Großstadt-Mief, genug von Lärm, Smog und Gestank, Schluss mit den ewig grantigen, z’wideren Stadtmenschen. Ein Tapetenwechsel muss her – schnell und unkompliziert. Am besten heute noch.
Autorin: Ursel Nendzig


EIN SCHIFF WIRD KOMMEN – BRATISLAVA
Schiffminuten von Wien: 75

Dem Wiener ist, und das ist kein Geheimnis, die Heimatstadt am nächsten. Und das ist nicht nur geografisch gemeint. Am liebsten ist er zu Hause, so ist das eben. Auch wenn ihn die immergleichen Hausecken, die tausendmal gefahrenen Straßenbahnstrecke, die seit Jahrmillionen gleichen Stimme der U-Bahn-Durchsage quält, selbst wenn eine Partnerstadt so nah, die nächste Bundesgrenze nur wenige Steinwürfe entfernt ist. Es ist eine kleine Überwindung, sich nach Bratislava zu begeben. Warum, das weiß er nicht so genau. Vor allem, weil der Transportweg in die slowakische Hauptstadt ein ganz besonderer ist: Auf der schönen blauen Donau. Seit einiger Zeit verbindet der „Twin City Liner“ die beiden EU-Hauptstädte mit der geringsten Entfernung. Nur sechzig Kilometer ist Bratislava von Wien entfernt. Dreimal am Tag kann also der Wiener sich mit dem Schiff in eine andere Welt katapultieren lassen. Am Schwedenplatz auf den Katamaran und im Zentrum von Bratislava wieder herunter. Schon geht sie los, die Reinwaschung von der lähmenden Monotonie: Menschen sprechen in fremder Sprache, der Bankomat spuckt unbekannte Scheine mit unbekanntem Wert aus – es ist herrlich! Die Straßenschilder sind unaussprechbar, das Hotel trotzdem irgendwie gefunden und eingecheckt. Das Gepäck des Kürzesturlaubers ist ohnehin kaum der Rede wert! Die Stadt erkundet er am besten zu Fuß, mit bequemen Schuhen und einem Stadtplan ausgerüstet. Die Innenstadt ist schnell abgehakt, dann erwacht der Erkundungstrieb: Wieso nicht mit der Straßenbahn nach „PetrÏalka“, Bratislavas Plattenbaudschungel? Die unfassbar riesige Schlafstadt ist garantiert touristenfrei und trotzdem absolut faszinierend. Ein eigener, abgeschlossener Mikrokosmos. Und wieso nicht einen Abstecher auf den uralten, verträumten jüdischen Friedhof wagen? Einfach nur an der Donau entlang spazieren und auf das Wasser schauen, das vor kurzem noch durch Wien geflossen ist? Oder durch die Gassen schlendern und sich von Schaufenstern, jungen Straßenkünstlern oder nur der warmen Frühlingsluft weitertreiben lassen? Irgendwo in einer Seitengasse findet der Wien-Flüchtling bestimmt ein verstecktes Lokal oder ein schummriges Beisl, bevor er sich und seine frischen Eindrücke zur Ruhe bettet. Am nächsten Tag geht seine Entdeckungsreise weiter, ehe er am Abend wieder am Schwedenplatz einläuft, in seinem guten, alten Wien. War er wirklich nur einen Tag weg?

http://www.twincityliner.com
http://visit.bratislava.sk/de


TUNNELBLICK – IM PARKHOTEL
Fahrradminuten von Linz: 45

Mit dem Fahrrad ein Wochenende weg? Das hört sich an wie in den achtziger Jahren. Und so fühlt es sich auch an: den Fahrtwind im Haar, auf dem Gepäckträger (oder dem Rücken) alles, was für einen Schnell-mal-weg-Urlaub notwendig ist. Das ist nicht viel, das einzig Wichtige ist ohnehin nur das Picknick-Equipment. Das ist auch schon alles, was an frühere Camping-Urlaube erinnert – das Zelt, das ist zu Hause geblieben. Denn das Kurzurlaubsziel für dieses Wochenende ist zugleich die Übernachtungsmöglichkeit: das Parkhotel in Ottensheim. So radelt es sich den Treppelweg entlang, mit frischer Luft in der Nase und nichts als Vorfreude und ein bisschen Nostalgie ob des Fahrradausfluges im Kopf. Die zehn Kilometer sind rasch abgeradelt, die eine oder andere unnötige und ausgedehnte Pause natürlich eingeplant. Der Stress ist nämlich auch zu Hause geblieben, in der Stadt. So schaut man einfach mal wieder ein paar Minuten auf die Donau, in den Himmel oder ins Nichts. Und versucht sich zu erinnern: Wann haben wir das das letzte Mal gemacht? Es muss ewig her sein. Das Parkhotel ist erreicht. Es sieht nur überhaupt nicht wie ein Hotel aus. Riesige Kanalrohre sind hier zu Suiten umfunktioniert worden. Rezeption? Hotelbar? Großküche? Fehlanzeige. Die Hotelzimmer beschränken sich sehr sympathisch aufs Wesentliche. Ohne Schnickschnack bieten sie das, was wir auf unseren Fahrrädern gesucht haben: frische Eindrücke, ungewöhnliche Atmosphäre, neue Ideen, ein unkonventionelles Konzept, um unsere nur noch halbvollen Batterien wieder aufzuladen. Und es funktioniert. Nach dem Bezug der Suite (den Sicherheitsode, der nach der Onlinereservierung vergeben wurde, haben wir statt einem Schlüssel an der runden Tür eingetippt, unsere wenigen Sachen im unerwartet reichlich vorhandenen Stauraum deponiert, die künstlerisch gestaltete Wand bewundert, den Blick aus dem runden Dachfenster geprüft) sind wir angekommen in einer anderen Welt. Und jetzt ist unsere Reisebegleitung, die totale Entspannung, endgültig angekommen. Wir liegen im frühlinghaften Gras, picknicken und freuen uns auf die Nacht in der Röhre. Das sollten wir wirklich öfter machen!

http://www.dasparkhotel.net

 

RITTERSPIELE – SCHALLABURG
Bahnminuten von Wien: 96

Etwas über eine Stunde braucht der Zug vom Wiener Westbahnhof bis Melk. Das reicht gerade, um in Ruhe die Zeitung zu lesen. Vielleicht auch, um ein mitgebrachtes Frühstückspaket aufzuessen. Oder wahrscheinlich die beste Einstimmung auf das, was kommen wird, um sich zurückzulehnen, aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft ganz von alleine vorbeifliegen zu sehen. Denn die kann sich sehen lassen: Langsam wandelt sie sich nämlich von der Stadt zur Vorstadt, dann zu frühlinghafter Wachaustimmung. Und schon ist der Bahnhof von Melk erreicht. Das berühmte Stift schaut herab, doch das bleibt vorerst links liegen. Denn der Shuttlebus wartet. Und der führt direkt zum Ziel, der Schallaburg. Fünf Kilometer geht es dahin, bis zum Renaissanceschloss, dessen älteste Mauern bis ins Mittelalter ragen. Vom weißen Torbogen über dem Haupteingang verschluckt, geht das Burgwochenende so richtig los: Nach einer Runde durch den Arkadenhof, dem Blick von einem der Türme, ist spätestens im großen Turnierhof die Lust groß, sich mit Holzschwert und Schild zu wappnen und ein bisschen Ritter zu spielen. Oder Indianer. Von Ende März bis Oktober widmet sich eine Ausstellung auf der Schallaburg den Ureinwohnern Amerikas. Von all den Zeitreisen hungrig geworden? Kein Problem, es gibt ein Schlossrestaurant. Bis die Dämmerung sich über den Burgmauern breit macht, gibt es einen gemütlichen Garten, hübsch mit Blumen und Wegen aus Kieselsteinen, wie gemacht, um ein bisschen abzuschalten und durchzuatmen. Wer jetzt am liebsten in ein Burgfräuleinzimmer, hoch oben im Turm, einziehen würde, muss enttäuscht werden. Übernachten kann man hier leider nicht. Dafür gibt es im nahen Melk genügend Möglichkeiten. Von der kleinen Pension bis zum schicken Hotel. Die Innenstadt gibt einen Bummel her, ein Schlummertrunk ist sowieso in Reichweite. Wer tags darauf noch nicht genug von altehrwürdigen Mauern hat, ist in Melk goldrichtig: Das Stift, oft schon von der Autobahn aus bewundert, ist aus nächster Nähe noch viel schöner. Leider hilft alles nichts, ein Kurzurlaub ist nun einmal kurz, die Rückfahrt nach Wien noch viel kürzer. Und die Hofburg ist ja auch ganz nett.

http://www.schallaburg.at
http://www.stiftmelk.at
http://www.melk.gv.at

WANDERN MACHT SEXY – LEISER BERGE
Autominuten von Wien: 50

Ja, das mag stimmen – ein Kurzurlaub im Naturpark klingt wahnsinnig unsexy. Und in einem so unbekannten wie dem Naturpark Leiser Berge umso mehr. Trotzdem: er hat sich eine Chance verdient. Weil er nur eine knappe Stunde von Wien entfernt ist. Weil man ihn fast für sich alleine haben kann.
Und weil so ein kleiner Ausflug in die Natur etwas Altmodisches, Erdiges, Echtes hat. Alles, was man braucht, ist trockenes Wetter, ein bisschen wärmende Frühlingssonne, gute Schuhe und ein Auto, mit Schiebedach, oder vielleicht sogar ein Cabrio. In dem wird der Wanderrucksack, bestückt mit Jause und Thermosflasche und das bisschen Gepäck verstaut. Über die Donauuferautobahn geht es mit Wind in den Haaren und lauter Musik im Autoradio Richtung Korneuburg, dann Richtung Weinviertel. Je schmäler die Straßen werden, desto breiter wird das Grinsen im Gesicht. Hurra, wir fahren aufs Land! Felder breiten sich rechts und links aus, alte Häuser und Höfe, kleine Dörfer, ein Vogelschwarm, die Sonne scheint. Da sieht man schon die Leiser Berge sich erheben, was wirklich guter Beobachtungsgabe bedarf. „Berge“ ist etwas irreführend, den Gipfel des Buschberges mit seinen knapp fünfhundert Metern markiert ein Holzkreuz.
Es gibt einige Orte rund um den Nationalpark, in denen man ein Quartier finden kann: Ernstbrunn, Großmugl, Ladendorf oder Asparn. Dort ist im Übrigen auch das bekannte Freiluftmuseum für Urgeschichte. Sobald das Quartier bezogen ist, gibt es kein Zurück mehr, die Wanderung geht los! Möglichkeiten gibt es viele, zum Beispiel vom Parkplatz Oberleis weg auf den Oberleiser Berg, den Buschberg und zurück. Über sanfte Hügel, Feldwege, zwischen Feldern und Wiesen geht es entlang. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Aussicht über das Weinviertel macht das wohl mit jedem, also keine falsche Scham – die Natur hat sich ganz leise den Weg durch die Augen in die Herzen und
schließlich dorthin gebahnt, wo die Entspannung herkommt. Am Ende des Tages wird man gerne zugeben, dass es schön ist, sich endlich mal wieder hinaus in die Natur, an die frische Luft gewagt zu haben. Und, dass es eigentlich gar nicht kompliziert ist.

http://www.naturparke.at/index2.html?leiser/home.html
http://www.leiserberge-mistelbach.at

http://www.urgeschichte.com

Die Autorin:
Ursel Nendzig ist Journalistin, Redakteurin und im Herzen Wienerin. In Wien lebt die gebürtige Schwäbin so gut wie schon immer. Dank ihrer Reportagen ist sie aber ständig auf Reisen: In ferne Länder, an den Rand der Gesellschaft oder gleich vor die Haustür. Sie schreibt unter anderem für das Universum Magazin und Die Presse.

 

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