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SILVER 19

April 2009
Inhalt der Ausgabe

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Blätterst du noch, oder klickst du schon?

Statistiken über Mediennutzung sind aufschlussreich, aber abstrakt. SILVER hat deswegen vier Personen aus dem Schatten der Zahlen treten lassen. Um uns ihren tagtäglichen Medienkonsum zu beichten.
Von Lisa Mayr


Andreas Wildberger, 39, Generalsekretär von ISPA – Dachverband der österreichischen Internet-Service-Anbieter, lebt in Wien.


Er sieht seinen Kindern beim Rodeln zu, während er im Büro in der Währinger Straße sitzt: Andreas Wildberger ist Familienmensch mit Vorliebe für mediale Mobilität. Er macht vor, wie sich moderne Medien in den Alltag integrieren lassen und dabei Freiräume erzeugen. Er ruft Mails zwischendurch am Handy ab – das erste Mal um sieben Uhr, wenn das Morgenjournal läuft und Kaffee in die Tasse gurgelt. Das stresst ihn nicht, er findet es befreiend. Denn durch die mobile Telefonie entfällt der Druck, an einen Computer zu müssen, um in irgendeiner Angelegenheit am Laufenden zu bleiben. "Ich kann mich dadurch im Augenblick aufhalten. Obwohl es für Außenstehende vielleicht gegenteilig wirkt." Wildberger lässt sich von Medien durch den Tag begleiten. Am Weg zur Arbeit in Bus, Bahn oder Bim avanciert er zum "Analogen", liest Bücher und Zeitungen. "Bei Zeitschriften bin ich eher sparsam – den Economist bringe ich mit Mühe in einer Woche durch." Im Netz liest er täglich – auch arbeitsbedingt. Vor allem die Web- und IT-Ressorts von ORF und Online-Zeitungen, "Internet übers Internet", wie er sagt. Das Netz ist in sein Leben integriert, im Vordergrund steht es nicht. "Tausend Dinge sind möglich, aber beherrschen lasse ich mich von nichts." Die Leichtigkeit, mit der Wildberger Medien in den Alltag einbaut, teilt er mit seiner Familie: Während er im Wohnzimmer am PC sitzt, macht seine Frau neben ihm einen Pharmaziekurs. Auf ihrem iPod. Es ist ein ruhiger Abend, von den Kindern ist nichts zu hören. Die sitzen im Zimmer nebenan vor der Mattscheibe – "Es war einmal der Mensch" läuft auf DVD. Denn Fernseher haben die Wildbergers schon seit 20 Jahren keinen mehr.

 

Barbara Braun, 32, Schauspielerin, lebt in Wien.


Der Tag beginnt für Barbara Braun mit einem Ritual: Frühstück und Ö1. Bis das Frühstücksgeschirr weggeräumt ist, ist auch das Radio-Kolleg zu Ende. Auch der Mail-Check gehört zum morgendlichen Standard-Programm, vor allem des Jobs wegen. Barbara ist Schauspielerin. "Zu fast allen Aufträgen komme ich online", sagt sie. Unabhängig davon, ob es sich um Rollen für Film oder Theater handelt. Die Netzpräsenz ist für Schauspieler vor allem in der freien Szene ein Gebot, wer keine eigene Website oder keinen Personality-Blog hat und in keiner Agentur-Datenbank aufscheint, muss schon sehr viel Sohn oder Tochter sein. Offene Stellen in der Branche werden auf den virtuellen schwarzen Brettern von Theater- oder Filmseiten ausgeschrieben. So bringt das Job-Screening Barbara täglich auf die Site der oberösterreichischen Kulturplattform kupf.at oder auf die Webpage der IG Theater. Ein großer Teil der Bookmarks auf ihrem Laptop führt zu Kino- und Filmsites – zu film.at, der Website des österreichischen Filmmagazins Ray oder dem Film- und Kinomagazin More. Sie verfolgt regelmäßig die Kultur- und Filmberichterstattung in den österreichischen Tageszeitungen, wochentags ausschließlich online. Die Printausgaben sind Wochenendprogramm. Oder sie verkürzten die Zeit beim Warten auf einen Casting-Termin. Online ist Barbara nicht ununterbrochen, sie steigt gezielt und immer aus einem konkreten Anlass ins Netz ein. "Das schützt vor virtuellem Verzetteln." Und das echte Leben spielt sich für sie immer noch außerhalb des Netzes ab.

 

Georg Maißer, 31, Geschäftsführer von "WriteFlow", schreibt derzeit seine Dissertation in Philosophie, lebt in Wien.


Eine halbe Stunde. So lange hat Georg Maißer untertags in seiner Wohnung Internet. Seiner Dissertation zuliebe, wie er sagt. E-Mails kann er aber jederzeit empfangen und schreiben. Anders wäre die Geschäftsführung der vor zwei Jahren gegründeten Firma "WriteFlow" wohl nicht möglich. "WriteFlow", von der Stadt Wien als innovative Idee in den Creative Industries gefördert, entwickelt Konzepte für effiziente Textproduktion – vor allem in Wissenschaft und Journalismus. Eine Art virtuelle Schreibhilfe also. Überhaupt ist Text Georg Maißers Thema. Die Printausgaben der Zeitungen liest er kaum noch, umso mehr aber im Netz. Rund 30 RSS-Feeds hat er abonniert. Die Hälfte etwa von internationalen Tageszeitungen – darunter New York Times, Libération, Guardian. Die andere Hälfte sind diverse Blogs und Kolumnen zu Web- und IT-Themen, Umwelt, Politik und Wirtschaft. "In einer Kolumne der Financial Time Deutschland wird schon seit langem mit schwarzem Humor und Pessimismus – oder eher Realismus – auf die Risiken der wirtschaftlichen Situation hingewiesen", erzählt Maißer. Dass dieser Blog "Das Kapital" heißt, dürfte Zufall sein. Podcasts sind nicht sein Ding, schon eher die US-amerikanische Hörbuch-Datenbank Audible.com. Von dort holt er sich regelmäßig Sachbücher auf den MP3-Player – am liebsten zu zeitgeschichtlichen und philosophischen Themen. "Das ideale Medium zum Laufen", findet Maißer. Firmenbelange wickelt er fast ausschließlich übers Netz ab – via E-Mail und Skype. Aber manchmal lässt ihn seine Dissertation vor dem Netz flüchten. Dann zieht er sich ins Haus eines Freundes an den Attersee zurück, für ein oder zwei Wochen. Denn bei der Dissertation hört sich mediales Multitasken auf: "Philosophisches Arbeiten erlaubt nichts daneben." Und im Haus am Attersee gibt es nur ein Radio.

 

Paola di Mauro, 33, Universitätsprofessorin für Germanistik an der Universität Messina (Italien), lebt in Catania und Wien.


Der zerschlissene Parkettboden der Altbauwohnung knirscht, als Paola di Mauro zum aufgeklappten Laptop hastet. Skype meldet soeben melodiös den Anruf einer Freundin. Paola hält mit Familie, Freunden und Fachkollegen in Italien und anderswo via Netz-Telefonie Kontakt, wenn sie selbst in Wien ist. Und das ist ziemlich oft der Fall: Ihr Zimmer in einer Wohngemeinschaft in der Judengasse, mitten im Wiener Bermuda-Dreieck, gibt sie nicht auf. Obwohl es dort manchmal richtig laut ist. Vor allem an Sommerabenden, wenn die Fenster weit geöffnet sind und die Partys der Judengasse nach oben pulsieren, fällt es schwer, einen germanistischen Gedanken zu spinnen. Paola arbeitet viel zuhause – und an Wochenenden. In der Wissenschaft lassen sich Arbeit und Freizeit kaum trennen, Lehrveranstaltungen wollen übers Wochenende vorbereitet, Arbeiten bis zum nächsten Tag korrigiert sein. Das Netz hilft – unabhängig vom Aufenthaltsort. "Der Computer ist für meine Arbeit unverzichtbar", sagt Paola. Skype ebenso. Bei Präsentationen setzt sie auf Power Point. Beim Schreiben ist sie traditioneller – da verwendet sie gerne so genannte Pizzini. Also kleine Papierzettel, auf denen sie Gedanken zur laufenden Arbeit notiert, um sie nicht zu vergessen. Das Netz nutzt sie täglich – auch, um sich privat mit anderen auszutauschen. Social-Network-Plattformen braucht sie dazu nicht, Facebook ist ihr ein Gräuel: "Ich halte das für Energieverschwendung. Man produziert einen Überfluss an belanglosen Informationen über sich, die anderen machen dasselbe. Ich habe das Gefühl, dass sich das letztendlich annulliert."

 

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