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Juli 2009
Inhalt der Ausgabe
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„Wir sind im Grunde genommen von der psychischen Struktur her Schatzsucher.“
Gutgläubigkeit ist dem Menschen angeboren, doch in Zeiten der Krise ist das oberste Prinzip der Gesellschaft die Hypokrisie, die so genannte Heuchelei, von der wir lernen, mit Widersprüchen leben zu müssen.
VON JIMMY DEIX
Groß war die Ernüchterung, als entdeckt wurde, dass Mensch und Affe zu 95 Prozent dieselbe DNA haben. Dass der Affe jedoch im direkten Homologievergleich bis zu 30 Prozent die selbe DNA wie eine Banane hat, wurde nie kommuniziert. Auch nicht, dass das Erbgut des Menschen einer Gemüse-gurke vielleicht ähnlicher ist, als ihm lieb sein kann. Vieles, das einem gesagt wird, stimmt eben gar nicht. Oder nur die Hälfte davon, wonach man genauso klug ist wie zuvor. Zu jeder Meldung in den Medien gibt es eine Gegenmeldung, die wiederum das genaue Gegenteil besagt: Kaffee ist schlecht fürs Herz/Kaffee schadet dem Herz nicht.
Zu den Auswirkungen der Hypothekenkrise, wenn keiner mehr Rat weiß, werden in den Medien neuerdings wieder Intellektuelle zu Wort gebeten, in der Hoffnung, dass sie etwas Aufschlussreiches von sich geben. Leute, auf die man nicht so gerne hören wollte, als es allen noch rosig ging. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk – der als Vertreter der Phänomenologie weiß, dass Rot genauso gut Grün sein kann – widerlegte, dass die Finanzkrise auf die Gier einzelner Manager zurückzuführen sei, wie folgt: „Wir sind im Grunde genommen von der psychischen Struktur her Schatzsucher. Das ist aber nicht eine Sache der Gier, sondern es ist die Bereitschaft, allen Ernstes daran zu glauben, dass das Leben dir einen Schatzfund schuldig ist.“ Aussagen wie diese bringen uns zumindest einen humanistischen Lacher ein. Doch hat sich da der Humanismus nicht selber bei der Nase zu nehmen, in dessen Grundprinzipien an oberster Stelle steht: „Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bildet den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll“. Im Prinzip wollen Kapitalismus und Kommerz ja nichts anderes.
In einer unterhaltsamen Liste der 500 führenden deutschsprachigen Intellektuellen des Magazins Cicero rangiert Peter Sloterdijk nur auf Platz 20., weit hinter Harald Schmidt, aber noch knapp vor Hellmuth Karasek.
WORTE KLAUBEN – SCHWACHSINN GLAUBEN
Doch auch die geistige Elite ist nicht davor gefeit, schreierische Methoden zu praktizieren, um den Regeln des Marktes gerecht werden. Nicht jeder Intellektuelle fühlt sich dabei sichtlich wohl, weshalb auch viele nur mit Zurückhaltung das Medienparkett betreten. Wenn sie doch eingeladen werden, wird im Fernsehen in möglichst pointierten Sätzen formuliert, oft sogar mit griffigen One-Linern, womit sie unter Beweis stellen, dass sie auch als Dialogschreiber in Hollywood gute Figur machen würden. Der Werbeslogan hat demnach Einzug in die Philosophie gehalten. Nietzsche war wenigstens wortgewaltig. Doch seine Adlaten sind besten-falls um eine gute Pointe bemüht. Gusto-Stückerln eben für unsere Häppchen-Kultur. Der Nietzsche-Sager „Gott ist tot“ – wahrscheinlich die zentrale Formel der Philosophie überhaupt – darf offensichtlich bis heute nicht im deutschen Fernsehen diskutiert werden und bleibt als Thema ausgespart. Schließlich sind die Deutschen ja auch Papst.
Wenn sogar intellektuelle Instanzen nicht davor zurück-schrecken, in erster Linie erfolgreich sein zu müssen, wo führt das noch hin? Manche beichten der Öffentlichkeit, dass sie früher bei der Waffen-SS waren, zeitgerecht zum Erscheinen ihres neuen Buches, um für dieses „Die Blechtrommel“ zu rühren, damit es sich gut verkaufe.
Richard David Prechts Bestseller „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ operiert mit einem Titelspruch, der genaugenommen auch ein Werbeslogan von McDonald’s sein könnte und Hühner-Nuggets beschreiben – oder gebackenen Käse. Und das soll ein Philosophie-Lesebuch sein? Genaugenommen ist das Hooligan-Style. Das ist der Preis für den kommerziellen Erfolg. Ist alles nur mehr populärwissenschaftlich zu betrachten? Nietzsche verkaufte zu Lebzeiten von seinen Büchern nicht mal 100 Stück.
Die bewusste Vortäuschung falscher Tatsachen fällt zu-mindest unter Hochstapelei, als die mindeste Form von Betrug, und der ist, wie wir wissen, alles andere als ein Kavaliersdelikt. Manche Täuschungsmomente beruhen jedoch auf keinem Vorsatz, sondern passieren unbeabsichtigt.
In der Philosophiestunde des Zweiten Deutschen Fernsehens („Das philosophische Quartett“) wurde Charles Darwins Lehre „The Survival of the Fittest“ diskutiert. Übersetzt wurde dies angenommenerweise mit „Der Stärkere überlebt“. Darwin hat jedoch nie behauptet, es wäre der Stärkere, der überlebt, sondern vielmehr der „Angepassteste“. „Fit“ heißt nämlich „angepasst“ und nicht „stark“. Lässt sich in jedem Englisch-Wörterbuch für Hauptschüler nachschlagen, wer’s nicht glaubt. Wo bleibt da das Niveau? Auf Confetti-TV?! Dass der ORF eine Krise hat, war bekannt, aber das deutsche Fernsehen lässt auch etwas nach.
Der Autor
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Jimmy Deix ist Künstler, Journalist und Freiheits-
kämpfer.
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