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SILVER 20

Juli 2009
Inhalt der Ausgabe

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Blasen mit Versionsnummer

Ende der Neunziger glaubten alle an das Internet – und pumpten x-beliebige Start-up-Firmen an der Börse groß auf. Bis die Blase platzte. Zehn Jahre später werden für Social-Networking-Plattformen schon wieder Millionen ausgegeben. Aber gibt es deren Geschäftsmodelle überhaupt?

 

Von Andreas Kump

 

Die Party dauerte nicht lange, aber sie war heftig. Gespielt wurde „New Economy“, und als Tanzboden fungierten die Börsen. Die amerikanische Technologiebörse NASDAQ und ihr im März 1997 gestartetes deutsches Pendant „Neuer Markt“. Hier wurde hoch gehandelt, was eine zu der Zeit passende Euphorie über neue Technologien, Geschäftsideen Firmengründungen und Börsengängen hergab. Dieser Optimismus kam Mitte der 1990er nicht von ungefähr. Sowohl Mobiltelefon als auch Internet setzten als neue Kommunikationsformen gerade ebensolche Standards. Es stand zu vermuten, dass alles bald ganz anders sein würde: die Kommunikation, die Arbeit, die Wirtschaft.

Zur „New Economy“ passte die Vorstellung vom „schnellen Geld“ mit Aktien von Technologiefirmen des „Neuen Marktes“. „Die Anlegerschaft kaufte nahezu alle Aktien, die auch nur in entferntester Weise etwas mit der Telekommunikations-, Medien- oder Technologiebranche zu tun hatten. Der Zusatz „Tec“ im Unternehmensnamen reichte für viele Anleger aus “ , wie das Börsenportal Onpulson retrospektiv die Stimmung beschreibt.

Und der „Neue Markt“ floriert vorerst auch. Sein Nemax-Index erreicht am 10. März 2000 mit einem Gesamtwert von 234 Milliarden Euro sein Allzeithoch. Dann aber geht es schlagartig bergab. Kurstreibende Faktoren hinter diversen Unternehmungen haben sich als Luftschlösser erwiesen, viele geldgepolsterte Geschäftsideen als unprofitabel. Die negativen Folgen: Insolvenzen, Kursstürze etc. Die „Dotcom-Blase“ platzt – und übrig bleiben neben einer Menge betrübter Klein- und Großanleger auch etliche Biografien und Firmengeschichten, die rückblickend abenteuerlich wirken.

 

KURSPLUS 16.600 PROZENT

 

Etwa die des deutschen Medienunternehmens EM.TV. Vom Börsengang 1997 bis Sommer 1999 erreichte dessen Aktien ein Kursplus von 16.600 Prozent, wie Der Spiegel errechnet hat. Dann investierte man milliardenschwer in die Vermarktungsrechte der Formel 1 und in die Jim Henson Company („Muppetshow“), was den vormaligen Nemax-Primus aufgrund der hohen Ausgaben und des rapide sinkenden Aktienwertes erneut zum Vorzeigeunternehmen machte – wenn auch nur als Symbol für das Ende der Party. Im Juni 2003 war dann selbst für das Segment „Neuer Markt“ Schluss. Die Deutsche Börse stellte es ein, installierte aber mit dem TecDAX einen ähnlich gearteten Nachfolger.

In Österreich fällt einem in Verbindung mit der „„Dotcom-Blase“ sofort der Internetbuchhändler lion.cc ein. Im Boomjahr 1999 vom damaligen expansiven Libro-Chef Andrè Rettberg als Online-Tochterunternehmen gegründet, wurde es den hoch gesetzten Erwartungen nie gerecht und aufgrund anhaltender Verluste zwei Jahre später verkauft. Ebenso in Erinnerung blieb die Wiener Internetfirma YLine. Anfänglich hohe Börsewerte kollidierten bald mit der Wirklichkeit. Das Fachblatt Monitor schrieb: „Worin der tatsächliche Gegenstand des Unternehmens bestand, war indes weit weniger klar.“

Dass bei weitem nicht alles platzte, was in den Dotcom-Jahren erdacht wurde und anfänglich ein klar erkennbares Geschäftsmodell vermissen ließ, beweist das Unternehmen der Internet-Ära selbst: Google. An der Wettbewerbsfähigkeit des 1998 gestarteten Unternehmens zweifelt heute niemand mehr. Was bekanntlich nicht immer so war. Selbst als man bei Google schon 4 Millionen täglicher Seitenaufrufe verzeichnete, war aus den eigenen Reihen immer noch zu hören: „Wir werden noch herausfinden, wie man damit Geld verdienen kann.“ Die Lösung des Problems hieß dann Suchmaschinenmarketing, die Einführung von Adwords anno 2000.

 

WORTSPIEL BLASE ZWEINULL

 

Der rasante Aufstieg von Google ist natürlich vor allem auch auf die exponenziale Internet-Nutzung der letzten Jahre zurückzuführen. Diese sorgte auch dafür, dass sich die Katerstimmung nach dem Dotcom-Crashs bald wieder verzog. Das Schlagwort Web 2.0 macht seither die Runde, ein phänomenologischer Sammelbegriff für neu aufgetauchte Websites und Anwendungen. Der User oder dessen Communities stehen im Mittelpunkt, vom „Mitmachweb“ wird geredet. Mit etlichen neuen Services, die allesamt brauchbar oder unterhaltend bzw. in einigen Fällen mittlerweile sogar unverzichtbar erscheinen: Myspace, YouTube, Flickr, Skype, Facebook, Twitter – um nur die bekanntesten zu nennen. Dass viele hinter Twitter & Co gleich eine neue Blase wittern, ist ihnen nicht zu verdenken. Bei aller Begeisterung über das Web 2.0 bleibt nämlich häufig unklar, wie sich denn dessen Nutzung versilbern lässt. Gehen wir nur ein paar Jahre nach der Dotcom-Ernüchterung schon wieder in die Falle fehlender Geschäftsmodelle? Immerhin waren alle oben genannten Gründungen etablierten Playern des Marktes viel Geld wert. Google gab etwa für YouTube 1,65 Mrd. Dollar aus, während Twitter kürzlich ein Kaufangebot in der Höhe von 500 Mio. Dollar durch Facebook ausschlug. Viel Geld für Gratis-Dienste, was Fragen nach eigentlichen Werten und Refinanzierbarkeit derartiger Deals nach sich zieht. Das Web 2.0 also eine Blase 2.0? 

Nein, sagen Finanzexperten und Analysten (siehe Interview mit Christian Hinterwallner/RZB auf den nächsten Seiten). Keineswegs, behaupten aber auch Web-Apologeten wie der Autor Sascha Lobo („Wir nennen es Arbeit“), der gegenüber dem Medien-Portal Meedia bekundete: „In 12 bis 18 Monaten zweifelt niemand mehr daran, dass mit den Diensten (Anm.: Facebook und Twitter) Geld zu verdienen ist. Twitter steht da, wo Google im Jahr 2000 stand.“ Zu diesen rosig gezeichneten Aussichten passen Meldungen wie die Twitter-Nutzung durch den amerikanischen Computerhersteller Dell[1]. Dieser definiert den Kurznachrichtendienst erfolgreich zur Marketingplattform um. Exklusive Nachlässe, Aktionspreise und Produktneuheiten werden via Twitter an mittlerweile gut 500.000 Interessierte („Follower“) direkt und schnell kommuniziert. Im Weihnachtsgeschäft 2008 soll der dadurch erzielte Umsatz schon über eine Million Dollar betragen haben, bei noch deutlich weniger Followern wohlgemerkt.

Trotz solcher kreativen Aneignungen leistet sich Twitter selbst noch Zurückhaltung bezüglich des eigentlichen Geschäftsmodells. Die Firmenwebsite vermeldet frank und frei, man gebe derzeit noch mehr Geld aus als man einnehme, hätte Wichtigeres zu tun als die vielen sich bietenden Möglichkeiten einer Monetarisierung gleich umzusetzen und befinde sich diesbezüglich in einer Analysephase.

 An solche von treuherzigen Community-Grundgedanken getriebenen Aussagen knüpft aber zweifelsfrei an, was auch die Finanzexperten für das Web-2.0-Feld konstatieren: Infrastrukturen lassen sich heute im Gegensatz zur Dotcom-Ära mit ungleich geringeren Kosten schaffen, gleichsam wird eine eher bescheidenere Firmenphilosophie gelebt. Kursräusche an den Börsen spielen dabei trotz oft unerklärlicher Einschätzungen keine Rolle. Börsengänge wie der von Xing sind keinesfalls mehr die Regel. Das eingesetzte Geld hinter den Übernahmen kommt vielmehr von den finanzstarken Branchengrößen wie Microsoft, Google oder Yahoo, die es sich nicht leisten können oder wollen, die Zukunft des Internet zu verschlafen. Damit laufen die vielen Web-2.0-Entrepreneure aber nicht Gefahr, dem ohnehin angeschlagenen Finanzsystem einen weiteren Heißluftballon zu bescheren. Blase abgesagt, auch wenn die Frage zur Lukrativität des Treibens bleibt. 

Ob es sich mit Gratis, Traffic, Credibility und der Umwegrentabilität doch noch irgendwie ausgeht, wird auch an der Entwicklung des Werbemarkts und der Akzeptanz eines diesbezüglichen Umbaus der Formate liegen. Das Beispiel Google hat bewiesen, dass Derartiges möglich ist. Ein anderer häufig genannter Wert sind die Informationen, die Plattformbetreiber über ihre Anwender bekommen – samt deren Verwertung. Was sich einerseits auch mit einem gewissen Unbehagen lesen lässt, andererseits aber ebenso wenig vielversprechend klingt wie das Geschäftsmodell von Second Life. Falls es das jemals gab.

 


 

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