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Domaincheck! Internet-Adressen einrichten und verwalten.
Oktober 2009
Inhalt der Ausgabe
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Die Verwaltung des Internet geht von der ICANN aus. Weil diese private Stiftung aber direkt dem US-Handelsministerium untersteht, gerät der offene Grundgedanke des Internet zunehmend in Schieflage.
Autor: Bert Estl
Zeitgleich mit dem Erscheinungstermin dieser SILVER-Ausgabe laufen Verträge aus, deren simple Verlängerung weit reichende, unerfreuliche Folgen für die Zukunft des Internet haben könnten. Diese Verträge wurden zwischen der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, kurz ICANN, und dem US-Handelsministerium geschlossen. Sie regeln die Aufgaben der ersteren Organisation und räumen letzterer Behörde eine Aufsichtsfunktion ein.
Die ICANN gilt als die eigentliche Verwaltung des Internet. Sie ist einerseits die zentrale Stelle für Vergabe von Internetnamen und -nummern, andererseits werden von der ICANN auch wichtige technische Aspekte des Internet koordiniert. Dazu zählt etwa die Verwaltung der heute 270 Top Level Domains – wie net, com, org – und die Koordination der 13 Root-Nameserver. Diese publizieren die „Root-Zone“ des Domain Name Systems (DNS) im Internet. Diese rund 2500 Einträge umfassende Datei bildet die Grundlage für das Funktionieren des hierarchisch aufgebauten Domain Name Systems. In den Aufgabenbereich fällt somit auch die Delegation der IP-Adressen-Registrierung an die Regional Internet Registries, wie etwa der RIPE für Europa.
Weshalb die Verlängerung des auslaufenden Vertrages nun heiß diskutiert wird, hat folgenden Grund: Die ICANN untersteht dem US-amerikanischen Handelsministerium (Department of Commerce) und ist somit der US-Regierung unterstellt. Für das Tagesgeschäft heißt das, dass alle Entscheidungen der ICANN von einer Instanz in Washington bestätigt werden müssen. Das betrifft selbst Hinzufügen und Ändern von Nameservern einer Top Level Domain.
Speziell der EU-Kommission ist das zunehmend ein Dorn im Auge. Sie wünscht sich eine Verlagerung der ICANN-Aufsicht, weg von der unmittelbaren Einflusssphäre der amerikanischen Regierung. Ihrer Idee nach sollte ein überstaatliches Forum gebildet werden, zur gemeinschaftlichen Verwaltung des multinationalen Netzes. Vordergründig wird dabei nicht mit Einflussnahme argumentiert, sondern rationell mit Zahlen. Die EU stelle nun einmal 19 Prozent der weltweiten Internetnutzer, was sich auch in der Verwaltung dieses Netzes niederschlagen sollte. Eine Verwaltung durch eine der US-Regierung unterstellte Privatstiftung sei nicht mehr zeitgemäß.
NICHT MEHR ZEITGEMÄSS
Gegründet wurde die ICANN im Oktober 1998 auf Betreiben verschiedener Interessenverbände aus Wirtschaft, Technik, Wissenschaft sowie Nutzern. Rechtlich handelt es sich dabei um eine private Stiftung. Ihr Sitz ist in Marina del Rey im amerikanischen Bundesstaat Kalifornien. Die ICANN konzentrierte die Verantwortung für internetrelevante technische Belange, die zuvor von der Internet Assigned Numbers Authority (IANA) und verschiedenen anderen Gruppen getragen wurden, auf sich. Die rasante Entwicklung des Internet hat dann dazu beigetragen, diese Verwaltungsstruktur mehr und mehr zu hinterfragen. Schon während der Clinton-Administration war angedacht, dass man die Aufsicht privatisiert und aus der US-staatlichen Aufsicht nimmt.
Damit sollte dem Grundgedanken des Internet auch auf dieser Ebene Rechnung getragen werden. Der Erfolg des Internet beruht schließlich auf seiner offenen und interoperablen Architektur. Lange Zeit wurden die wesentlichen Entscheidungen für die Gestaltung des Internet von Wissenschaftern und Technikern getroffen, für die eine einfache, effiziente und zuverlässige Funktion im Vordergrund stand. Ausgehend vom universitären Bereich wurde in der Folge auch der private Sektor ein wichtiger Player in der Weiterentwicklung des Internet und seiner Standards und Protokolle. Diese Standards wurden in Request for Comments (RFC) dokumentiert bzw. demokratisch zur Diskussion gestellt. Über 30 Jahre wurden die RFC von Jon Postel herausgegeben, der als Wegbereiter der Internetverwaltung – er initiierte die IANA-Gründung – gilt. Berühmt wurde sein im RFC 793 niedergeschriebenes Robustheitsprinzip, das Postelsche Gesetz: „Be conservative in what you do, be liberal in what you accept from others“.
Auch das ist Wasser auf den Mühlen der ICANN-Skeptiker des Jahres 2009. Liberale Tendenzen waren in der Internerverwaltung zuletzt nämlich kaum zu bemerken. Im Juni dieses Jahres wurde Rod Beckstrom als Nachfolger des derzeitigen ICANN-Geschäftsführers Paul Twomey vorgestellt. Beckstrom fungierte zuvor als Direktor des National Cybersecurity Center (NCSC), also des US-Heimatschutzministeriums. Er pflegte dabei engste Kontakte zu den führenden Stellen des US-Sicherheitsapparats, auch zu Militär und Geheimdiensten. Vor dem NCSC war Beckstrom zudem hochrangiger Berater des zentralen Geheimdienstkoordinators (Director of National Intelligence; DNI). Nicht zuletzt nährte diese Personalentscheidung den Zweifel an der notwendigen Unabhängigkeit und der zukünftigen Ausrichtung der ICANN.
Aber auch ohne dem Damoklesschwert Beckstrom herrscht in puncto Internetverwaltung ein Bedarf nach Klärung und sorgfältiger Planung. Immerhin gibt es eine Reihe anstehender Probleme, die einer fundierten Lösung harren. Das uneingeschränkte Wachstum des Internet etwa (vgl. „Techtalk“ in SILVER Nr. 20), das durch die immer weniger werdenden verfügbaren IPv4-Adressen gefährdet ist. Eine Vergrößerung des Adressraums durch eine Umstellung auf das Netzwerkprotokoll IPv6 wäre sicherlich eine weit dringlichere Aufgabe als sich durch Personalien und machtpolitische Ränke um Zeit und Reputation zu bringen.