Silver Server

Silver Server


Domaincheck! Internet-Adressen einrichten und verwalten.

SILVER 22

Jänner 2010
Inhalt der Ausgabe

SILVER erscheint vierteljährlich auch in gedruckter Form. Bestellen Sie ein kostenloses Abo per E-Mail an: silver@sil.at

Operation Maschine

In den Operationssälen der Spitäler halten neuerdings ferngesteuerte Roboter Einzug, die chirurgische Eingriffe optimieren und den Heilungsprozess beschleunigen. Wird der Spitalsaufenthalt dank Science-Fiction-Medizin künftig zum Boxen-Stopp?

Von Jimmy Deix


Die Vorstellung ist erschreckend, zugleich aber faszinierend. Wann immer Maschinen die Arbeit von Menschen übernehmen, naht die Aura des Unheimlichen. Diese natürliche Angst vor Kontrollverlust ist jedoch unbegründet hinsichtlich neuester technischer Errungenschaften in der modernen Chirurgie. Im Allgemeinen Krankenhaus in Wien-Michelbeuern hat vor einiger Zeit ein Roboter vom Operationssaal Besitz ergriffen. Er hört auf den universalen Namen Da Vinci und ist mindestens genau so genial.
„Der Operationsroboter Da Vinci eröffnet für die Herzchirurgie neue Dimensionen“, schwärmte Dr. Ernst Wolner, Wiener Herzspezialist von internationalem Ruf, anlässlich der Anschaffung des Gerätes. Der Da Vinci besteht aus fahrbaren Stativen mit drei Armen, von denen zwei mit auswechselbaren Spezialinstrumenten bestückt werden. Am dritten Arm ist eine Kamera angebracht, die endoskopische Einblicke in das Innere des Körpers der Patienten liefert. Der Operateur sitzt dabei an einer Konsole, in unmittelbarer Nähe des Patienten, und steuert die Roboterarme unter visueller Kontrolle über einen 3-D-Monitor, in bis zu zehnfacher Vergrößerung. Wie mit einem hochsensitiven Joystick bewegt der Chirurg die Manipulationsarme. Die Operationsschritte können mittels Miniaturisierung im Mikrobereich erfolgen, so klein, dass es mit einfachen Händen gar nicht möglich wäre. „Das sind technologische Voraussetzungen, die äußerst präzise Arbeit ermöglichen“, sagt Dr. Günther Laufer, Leiter der klinischen Abteilung für Herz-Thorax-Chirurgie am Wiener AKH. Mit dem neuen Operationsroboter können Herzoperationen minimalinvasiv, also ohne großräumige Öffnung des Brustkorbes, durchgeführt werden. Extrem verkleinerte Instrumente dringen durch Mini-Schnitte von maximal einem Zentimeter in den Körper ein. Ein enormer medizinischer Fortschritt – man spricht nicht zu Unrecht von der „Schlüsselloch-Chirurgie“.
Diese bringt Vorteile für den Patienten mit sich: weniger Wundheilstörung, Blutverlust und Transfusionen; weniger Narben, minimales Gewebstrauma, verringerte Infektionsgefahr und die kürzere Verweildauer im Krankenhaus. Es erfolgt eine schnellere Erholung nach dem Eingriff und eine raschere Rückkehr ins normale Leben.
Ein Nachteil sind hingegen die enormen Investitionskosten. Die Gemeinde Wien und der Bund investierten 1,2 Mio. Euro in den Da Vinci. Die Adaptierung des Operationssaales in der Höhe von mehr als 400.000 Euro wurde wohlwollend vom Unternehmer und Euro-Milliardär Karl Wlaschek übernommen, dem reichsten Mann Österreichs.

Der Begriff Chirurgie bedeutet eigentlich „Handwerkskunst“ und stammt aus dem Griechischen. Schon in der Steinzeit oder im Alten Ägypten kamen dabei Instrumente zum Einsatz. Manchmal überlebte der Patient diese Eingriffe sogar. Die Wiege der modernen Chirurgie waren aber die Kriegslazarette, die gute Organisation und effiziente Umsetzung erforderten. Später kamen Verbesserungen in der Hygiene hinzu, danach der Computer. Als Behelfsmittel ist er in der Medizin nunmehr nicht neu. Man denke etwa an die Computertomographie, die dreidimensionale Bilder aus dem Inneren des Körpers ermöglicht und damit das traditionelle Röntgenbild aus seiner beschränkten Zweidimensionalität befreite. Die computergestützte Medizin-Robotik wird heute durch kontinuierliche Weiterentwicklung vorangetrieben und lässt durch erreichte Marksteine aufhorchen. Eine komplette endoskopische Bypass-Operation an einem schlagenden Herzen konnte erstmals vor zehn Jahren durchgeführt werden, ohne hierfür den Brustkorb öffnen zu müssen, wofür früher Knochenbrüche erforderlich waren. Im Vorjahr gelang Dr. Stuart Geffner am Saint Barnabas Medical Center in Livingston/New Jersey sogar eine vollkommen robotergestützte Nierentransplantation. Ob Roboter auf diese Art bald das Feld der Chirurgie übernehmen?
„Wunder darf man sich keine erwarten“, bremst Dr. Laufer jedwede Euphorie, ausgelöst durch Techno-Verherrlichung. „Das Gerät ist immer nur so gut wie die operative Technik, die der Chirurg damit umsetzen kann“. Um seinen hochdotierten Job bangt der 50-jährige Spitzenchirurg derweil noch nicht. Der Da Vinci ist sicher ein High-Tech-Gerät, das sehr viel kann. Doch eigene Entscheidungen trifft er keine. Auch den Begriff „Roboter“ findet Laufer nicht unbedingt zutreffend. Das Gerät besitzt keine Sensorik und tut demnach nur, was der am Gerät ausgebildete Chirurg vorgibt. Die Bezeichnung „Telemanipulator“ gefällt Laufer weit besser. Und wie weitreichend Telepräsenz durch Fernsteuerung in der Chirurgie sein kann, veranschaulichte schon die so genannte „Lindbergh-Operation“ im Jahr 2001. Einer Patientin in Straßburg wurde operativ die Gallenblase entfernt, während der zuständige Chirurg im 7000 Kilometer entfernten New York saß und den Eingriff ferngesteuert über eine transatlantische Glasfaserverbindung ausführte. In Anlehnung an den ersten Transatlantikflug erhielt die medizinische Pioniertat später die Bezeichnung „Lindbergh-Operation“. Die Ironie dabei: Nicht die Gerätschaft selbst stellte den größten Risikofaktor dar, sondern die geforderte Schnelligkeit des Datenhighways, die keine Latenzzeiten duldete, um eine OP in Echtzeit zu ermöglichen. Mittels Tele-Chirurgie über weite Strecken könnten nun Operationen in Regionen durchgeführt werden, in denen es mitunter an spezialisiertem Personal mangelt.

Hergestellt wird der Da Vinci von der Firma Intuitive Surgical aus Sunnyvale/Kalifornien. Er kommt auch in der Urologie und in der Gynäkologie zum Einsatz. Einschulung und Training des ausgebildeten Chirurgen nehmen mindestens sechs Monate in Anspruch. Weltweit sind 350 Da Vincis im Verkehr, die meisten davon in den USA, wo das Gesundheitswesen vor allem eines ist: Business. „Viel anders ist das bei uns auch nicht“, wirft Günther Laufer ein. „Auch wir müssen wirtschaftlich denken, weil es wenig Sinn hat, viel Geld für Verfahren auszugeben, die nur wenige Patienten benötigen, während auf der anderen Seite etwa die Mittel fehlen, die Masse der Bevölkerung mit Impfstoffen zu versorgen.“ Laufer spielt auf die vermessen teure Anschaffung eines Da Vinci in Rumänien an, wo ein Großteil der Patienten andererseits keine einfachen und billigen Operationen bekommen kann, die weit dringender gefordert wären. Die Rentabilität eines OP-Roboters hängt somit von der Abwägung des gesamtmedizinischen Spektrums ab. „Wir wissen, dass der Roboter für gewisse Anwendungen sehr effektiv sein kann“, erklärt Laufer. „Wo das hinführt, wird man aber erst in einigen Jahren sehen.“

Nicht länger warten möchte aber Dr. Carlo Pappone vom Hospital San Raffaele in Mailand. Er glaubt an die Zukunft einer vollautomatisierten Roboterchirurgie, dank künstlicher Intelligenz. Pappone hat eine Software entwickelt, die den OP-Roboter mit einer Datenbank speist. Im Mai 2006 führte ein Roboter eine nichtassistierte Operation an einer 34-jährigen Frau durch, um eine Herzarrhythmie zu korrigieren. Das Ergebnis wurde sogar für besser befunden als die Arbeit eines überdurchschnittlich guten Chirurgen. Die Maschine war mit Erfahrungswerten aus 10.000 ähnlichen Operationen programmiert und demnach „mehr als qualifiziert, jeden Patienten zu operieren“, so die Hersteller. Sie spekulieren, dass bereits in 15 Jahren die Hälfte aller chirurgischen Eingriffe von Robotern durchgeführt werden könnten. 2007 gelang Pappone sogar die erste telechirurgische Herzoperation via Satellit.

„Die Faszination hält sich vom Effekt her in Grenzen“, ist sich Laufer sicher. „Sie können den gleichen Behandlungserfolg auch mit einer einfachen, herkömmlichen Operation erzielen – deswegen leben Sie nicht länger oder kürzer“, so Laufer lapidar. Der Professor an der medizinischen Universität Wien ortet zwischen der verfeinerten Technik und der Biologie des Menschen eine Gratwanderung. Zwar könnten ausgefeilte Instrumente – wie es auch Schrittmacher und Defribillatoren sind – Was verbessern? bis zu einem gewissen Grad verbessern. Der Mensch sei aber kein technisches, sondern ein biologisches Gebilde. „Das Geheimnis, um Krankheiten zu heilen und die Lebensdauer zu verlängern, steckt in der Biotechnologie, nicht in der Robotik“, meint Laufer. Ein Meilenstein wäre etwa die Züchtung von Herzklappen oder Organen aus körpereigenem Material. „Das sind die wahren Visionen der Medizin“, so Laufer, denn „unheilbare Krankheiten wird ein Roboter nie beheben können.“

 

Kontakt