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SILVER 22

Jänner 2010
Inhalt der Ausgabe

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Herzensangelegenheiten

Die Stiftung Eurotransplant koordiniert die internationale Vermittlung von Spenderorganen. Rund 16.000 Menschen standen im Vorjahr auf ihrer Warteliste. Eine Innenschau zu Organisation und Tätigkeit.

Von Andrea Köhler-Ludescher

 

Wie oft liegt in unserer Welt des westlichen Überflusses das Angebot schon deutlich unter der Nachfrage? Und bei wie vielen dieser Fälle, spielt diese Diskrepanz dabei eine entscheidende Rolle? Bei Organtransplantationen ist es so. In Österreich werden rund 700 Organtransplantationen jährlich durchgeführt, aktuell warten 1.150 Patienten auf ein Spenderorgan. Den internationalen Austausch von Spenderorganen – Herz, Niere, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Dünndarm – Eurotransplant vermittelt und koordiniert dabei die Stiftung Eurotransplant mit Sitz in der niederländischen Stadt Leiden. Zu den an Eurotransplant beteiligten Ländern gehören Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Deutschland, Slowenien, Kroatien und Österreich – ein Einzugsgebiet von 124 Millionen Menschen. Die Stiftung wurde 1967 von dem Niederländer Jon J. van Rood gegründet und hat bis 2007 rund 120.000 Menschen durch die Vermittlung eines Spenderorgans ein neues Leben beschert.

 

Das doppelte Geschenk des Lebens

Wie dabei im Detail vorgegangen wird, erklärt ein Beispiel.

Deutschland, Helios-Klinikum Krefeld. Nulllinie. Bei einem Patienten, der einer Organentnahme zugestimmt hat, wurde der Hirntod festgestellt. Damit beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Vier Stunden beträgt die Ischämiezeit des Herzens, das heißt binnen dieser Zeit muss das Herz dem Spenderkörper entnommen und im Empfänger implantiert sein.

Im Klinikum Krefeld wird daher ein als Transplantationskoordinator fungierender Arzt aktiv. In Windeseile werden Laboruntersuchungen vorgenommen, um den Zustand des Herzens zu überprüfen. Danach verständigt der Arzt per Fax oder Telefon Eurotransplant vom Spenderorgan und übermittelt alle Spenderorgandaten an die zentrale Datenbank in Leiden. Erst für das laufende Jahr ist die Umstellung der Organisation auf Internetbasis geplant. So oder so ist die Zentrale Eurotransplants selbstverständlich rund um die Uhr besetzt. Rund 35 Mitarbeiter versehen dort tagsüber ihren Dienst, extra hierfür ausgebildete Medizinstudenten ergänzen das Team außerhalb der normalen Betriebszeiten.

 

Eurotransplant ermittelt also nun aus seiner Datenbank aufgrund von Kriterien wie Blutgruppe, Größe, Gewicht des Spenders, sowie Dringlichkeit und Wartezeit, 25 bis 30 potenzielle Organempfänger. Die jeweiligen Transplantationszentren werden umgehend informiert.

In einer adressierten Klinik in Wien erhält Dr. Eskandary, zuständiger Transplantkoordinator, per Fax ebenfalls das Spenderangebot. Umgehend verständigt er den verantwortlichen Herztransplantationschirurgen. Dieser eruiert den Zustand des Empfängers und trifft die Entscheidung über Annahme des Spenderorgans. Nach positiver Rückmeldung bekommt er das Herz von Eurotransplant zugesprochen. Die Uhr tickt weiterhin. Dr. Eskandary steigt mit dem Wiener Chirurgen, der die Organentnahme vornehmen wird, in ein bereitstehendes Flugzeug und holt das Organ in einer speziellen Kühlbox nach Wien. Das Implantations-Operationsteam aus Chirurgen, OP-Schwestern, Kardio-Technikern und Anästhesisten wartet bereits. Die Operation kann beginnen. Rund fünf Stunden später erwacht der Patient mit einem neuen Herzen.

 

Datenbanken – Herzstück der Logistik 

Die Datenbank der Eurotransplant ist wesentliches Herzstück der Organ-Logistik. „Alle Transplantationszentren melden bestimmte Patientendaten nach Leiden“, sagt Dr. Andreas Zuckermann, Leiter der Herztransplantationschirurgie am Universitätsklinikum im AKH Wien, einem der fünf Transplantationszentren in Österreich und Eurotransplant-Partner, wobei die Universitätsklinik am AKH eine eigene, 1985 begonnene Datenbank unterhält. Dr. Andreas Zuckermann: „Über 250 Variablen nehmen wir pro Patienten in diese eigens geführte Datenbank auf.“ Dabei handelt es sich um eine – in der Applikation Archi-Med verwendete – relationale Oracle-Datenbank. Anlassbezogen schickt die Wiener Datenbank Patientendaten an ihr unabhängig geführtes Pedant nach Leiden. Bei jeder Untersuchung des künftigen Empfängers werden die Daten vom Transplant-Koordinator aktualisiert. Die Datenmenge ist bei aktuell 1.150 wartenden Transplantationspatienten enorm; es existieren rund 100.000.000 Datensätze.

Sorgfältige Datenpflege ist nicht nur für das Matching von Spender und Empfänger Voraussetzung. Auch für den Schutz des Patienten vor Infekten, als Controlling-Tool für das Klinikmanagement sowie als Qualitätsmanagementinstrument für Wissenschaft und Forschung ist sie wichtig. Die Datenbank hält u.a. fest, wie hoch die Überlebenszahlen sind, wie viele Transplantationen mit welchem Erfolg durchgeführt wurden und wie die Nachmedikation jeweils auf den Patienten gewirkt hat.

Übrigens: Eine weitere Datenbank spielt eine zentrale Rolle für die Transplantationstätigkeit in Österreich. Das vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) geführte „Widerspruchsregister“. Per Krankenanstaltengesetz ist jeder in Österreich Lebende automatisch Organspender, außer er ist ausdrücklich in diesem Register vermerkt.

 

Ressource Mensch 

2006 betreute das Team von Dr. Zuckermann 25 Transplantationspatienten, im Jahr 2009 waren es bereits kurz vor Jahreswechsel 44 solcher Patienten. „Trotz weniger Spendermeldungen entspricht das fast einer Verdoppelung“, so Zuckermann. Laut Jahresbericht Eurotransplant wurde in Österreich 2008 mit 168 Spenderorganen ein Rückgang gegenüber 181 Organen 2007 verbucht.

Die fachlich so bezeichnete 1-Jahres-Überlebensrate liegt hingegen bei über 90 Prozent. Im internationalen Vergleich besehen ist das Team von Dr. Zuckermann hingegen mit acht Leuten relativ klein. „Amerikanische Teams haben alleine acht bis neun Sekretariatsangestellte, um die Datenmengen der Patienten aufzunehmen und zu verarbeiten.“

Es scheitert also nicht so sehr an der Technologie, sondern vielmehr an der Ressource Mensch, um alles Wissen in elektronische Daten aufzunehmen und zu verwalten. „Wir haben als kleines Team alle Hände voll zu tun, um uns um die Patienten zu kümmern. Es ist sehr schwierig, daneben auch noch die Datenbanken – über gesetzliche Dokumentationspflichten hinaus – optimal zu betreuen.“

 

 

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