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SILVER 23

April 2010
Inhalt der Ausgabe

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Neulich in Socialmediahausen

Ein deutsches mittelständisches Unternehmen entdeckt, dass sein Firmennamen seit neuestem auch von einer Einzelperson genutzt wird. Die trägt zufälligerweise den gleichen Nachnamen und arbeitet in der gleichen Branche. Zuerst versucht es das Unternehmen auf der informellen Schiene, dann steht eine Unterlassungsklage im Raum. Anders als bei den meisten Namens- und Markenstreitigkeiten aber keine Abmahnung, auch die Anwaltskosten werden nicht abgewälzt. Trotzdem bricht, als die Sache bekannt wird, der Social Media Mob mit voller Wucht los.

Die Geschichte ist wegen eines ähnlich gelagerten, aber deutlich absurderen Falles gut anschlussfähig: Vor ein paar Monaten war Jack Wolfskin gegen eine semiprofessionelle Heimarbeiterin vorgegangen, die Tatzen in der Art des Wolfskin-Logos gehäkelt hat. Damals lachte und empörte sich die Blogosphäre tagelang, am Ende stand die Geschichte im Spiegel. Auch diesmal empört man sich über Goliath gegen David – da ist fast egal, was eigentlich Sache ist. Schon bald nimmt aber die Metadiskussion mehr Platz ein als die Aufregung an sich: Es wird über den nächsten „Social Media #fail“ getwittert und gebloggt. Am Wort sind jetzt die Social-Media-Experten: Wieder einmal hätte jemand nicht verstanden, worum es in sozialen Netzwerken geht, hätte man direkt mit den Leuten einen „echten Dialog“ führen müssen.
Ungefähr so tönt es seit Jahren auf Kongressen vom eDay bis zu den Medientagen. Alle Jahre wird hier die gleiche Kuh in neuen Farben durchs Dorf gejagt: Foren, Blogs, Social Networks, Videos, Twitter, demnächst wohl Foursquare oder ein ähnlicher Dienst. Die reale Größe von YouTube soll genauso wenig unterschätzt werden wie die Userkartei von Facebook (weit über eine Million Accounts aus Österreich). Bei den Blogs aber fehlen im deutschen Sprachraum trotz übersehbar vieler Autoren weiterhin die Opinion Leader à la Huffington Post und Politico.
Oder Twitter? Schon mal eine Twitter-Wall gesehen außerhalb von Veranstaltungen, bei denen auch über Twitter geredet wird? Vor einigen Monaten gaben bei einer Umfrage über 50 % der deutschen Twitterer an, beruflich „etwas mit Kommunikation“ zu machen. Manchmal denkt man sich: Wenn sich dieser ganze Komplex vollständig vom realen Leben abkoppelt und selbständig macht: Man würde es nicht bemerken.
Die Selbstreferenzialität der deutschsprachigen Twitterei zeigt, wie methodenfixiert der ganze Social-Media-Diskurs ist. Als ob es nur auf das „Wie“ ankäme, auf Form, Stil und Augenhöhe. Einfach nur „besser“ kommunizieren, und schon geht der Namensstreit gut aus? Wohl kaum. In einer Welt, in der beharrlich jedes Jahr neue Kommunikationskanäle hinzukommen (Sie wissen schon: Angeblich verdrängt kein neues Medium ein altes – das diskutieren wir bei anderer Gelegenheit), in einer solchen Welt wird aber letztendlich das „Was“ immer wichtiger.
Der Autor: Stefan Pollach ist Kommunikationsberater bei media consult in Wien.

 

 

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