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April 2010
Inhalt der Ausgabe
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Der traditionsreiche Wiener Textilfabrikant Backhausen setzt auf die neue Material-Philosophie „Cradle to Cradle“ – die Formel einer Umweltbewegung des 21. Jahrhunderts. Ihre Anhänger schwärmen von einer neuen industriellen Revolution, die unseren Planeten aus der Müll-Misere befreien soll.
Autor: JIMMY DEIX
Die rund 800 Kongressteilnehmer im Grand Hyatt in Dubai lauschen gebannt den Ausführungen über „Nachhaltiges Design“. Es ist ein sehr leidenschaftlich gehaltener Vortrag. Reinhard Backhausen ist Feuer und Flamme und referiert beim World Interior Design Congress über seine neue Schutzmarke „Returnity“. Ein Patent für einen Dekorstoff, dessen Qualität und Schönheit nicht nur glamouröse Wohnträume erfüllt – an ihm sollen auch in ferner Zukunft die Kinder und Kindeskinder dieser Erde noch viel Freude haben.
„Wir erleben eine Begeisterung, die weit über unsere Branche hinausgeht“, strahlt der Wiener Textilfabrikant im Interview mit diesem Magazin. „Wie es scheint, haben wir mit unserem Produkt den Zeitgeist getroffen“.
Der Grund für die Euphorie scheint nicht ganz unbegründet: „Returnity“ – ein Kofferwort aus „return“ (zurückkehren) und „Eternity“ (Ewigkeit) – ist der erste umweltfreundlich produzierte Textilstoff aus Trevira CS, der zu 100 Prozent recyclebar ist. Aus einem Ballen Stoff wird wieder ein Stoffballen, und nichts geht dabei verloren. Diese vollkommen verlustfreie Wiederverwertbarkeit ist eine Weltneuheit und basiert auf dem Prinzip „Cradle to Cradle“ (C2C), einer neuen Denkweise aus der Umwelt- und Wirtschaftswissenschaft, die unserer Wegwerfgesellschaft endgültig den Riegel vorschieben will. Das Sympathische an der Bewegung: Sie richtet sich nicht mit mahnenden Belehrungen an den Endverbraucher, sondern an die produzierende Industrie selbst.
Nicht wenige Traditionsunternehmen aus Österreich mussten in den letzten Jahren ihre Werke schließen. Eine glorreiche Vergangenheit ist kein Garant mehr für starke Absätze. Nur jene Familienbetriebe meistern den wirtschaftlichen Fortbestand, denen die Verbindung von Tradition mit Innovation gelingt. Reinhard Backhausen pocht mit Nachdruck auf das Selbstverständnis seiner Firma: „Wir waren schon immer Pioniere“. Der ehemalige k.u.k. Hoflieferant feierte im Vorjahr sein 160. Bestandsjubiläum und war immer Hersteller von hochwertigen Möbel- und Vorhangstoffen. Auch die rote Tapete in der Wiener Hofburg – der so genannte Ananas-Damast – ist eine Kreation des Hauses. Besonders fruchtbar verlief die Zusammenarbeit mit den Wiener Werkstätten, dem Zusammenschluss der Jugendstil-Erneuerer Wiens um 1900. Im Archiv lagern 3500 Stoffentwürfe, darunter Arbeiten von Josef Hoffmann oder Koloman Moser. Sie begründen den Weltruhm der Firma, die heute in 40 Länder exportiert. Innovationsgeist und eine enge Zusammenarbeit mit Künstlern bestimmen seit je her ihr Credo. Vor vielen Jahren brachte man die ersten flammhemmenden Textilien auf den Markt. De, „dreidimensionale Faltenwurf“, für besonders changierende Effekte ist ebenso eine Erfindung aus dem Werk in Hoheneich im Waldviertel.
Ein Kinobesuch mit der Familie – Al Gores Aufklärungsfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ – wurde zum Schlüsselerlebnis, wie ein sinnvolles Anknüpfen an die Tradition des Hauses im Heute aussehen könnte: „Beim Reflektieren über den Film konnte ich auf die bohrenden Fragen meiner Töchter – Was machst Du eigentlich für die Umwelt? – zunächst gar keine Antwort geben“, gesteht Backhausen und murmelt etwas von „Mülltrennung“ oder „Stand-by-Modus“. Maßnahmen, die einer Einzelperson würdig sind – aber für einen Industriellen?!
VON DER WIEGE BIS ZUR WIEGE
In Hamburg lernte Backhausen den Verfahrenstechniker und Umweltaktivisten Michael Braungart kennen, ein beredter und viel beachteter Ökovisionär, der mit markigen Sprüchen und frappierenden Vergleichen („Abfall ist Nahrung“) alles auf den Kopf stellt, was wir bislang über Umweltschutz zu wissen glaubten. Er ist Begründer der „Cradle to Cradle“-Formel, die sich der gänzlichen Vermeidung von Müll verschrieben hat. Die Umkehrung der Redewendung „From the cradle to the grave“ (Von der Wiege bis zur Bahre) soll als treffende Beschreibung für den Lebenszyklus von Produktionsgütern dienen, deren Materialien ohne Substanzverlust immer wieder neu verwendet werden können. „Von der Wiege zur Wiege“ im ewigen Kreislauf. In Zusammenarbeit mit seinem Umweltforschungsinstitut EPEA entwickelte Backhausen den Stoff der vielen Leben „Returnity“ und stellte nunmehr seine gesamte Produktion darauf um. „Es wird in Zukunft keine Innovationen mehr geben, die nicht umweltorientiert sind“, schätzt Backhausen.
Arnold Schwarzenegger hat C2C bereits in sein Regierungsprogramm für Kalifornien einbezogen. Die Niederlande richten heuer ihre gesamte öffentliche Beschaffung an Nachhaltigkeitskriterien aus und in Limburg ist die erste C2C-Modell-Region im Entstehen.
Als Vorbild dient dem Prinzip die Natur. Sie kennt keinen Abfall. Das einzige Lebewesen, das Müll produziert, ist der Mensch. Zugleich ist die Natur aber äußerst verschwenderisch. Der materielle Aufwand, den etwa ein Kirschbaum betreibt, um sich fortzupflanzen, ist geradezu überbordend. Dies schade aber nicht, weil alles was vom Baum fällt, wiederverwertet werden kann. Dies sei der richtige Weg, meint Baumgart, in Umkehrung der üblichen Anschauungsweise, immer reduzieren, minimieren und sparen zu müssen, weil wir nun mal schädliche oder giftige Dinge herstellen.
Die Wirtschaft nimmt Braungart ganz einfach bei den Hörnern – bei ihrer Orientierung am Profit. Er kann jedem Wirtschaftstreibenden plausibel erklären, dass die Investition in C2C durchaus lukrativ sein kann. Dafür sorgt u.a. die Zertifizierung und Qualitätssteigerung der C2C-Produkte. Der Kampf um den billigen Preis sei ohnehin an den Fernen Osten verloren.
Mit seinem Buch „Cradle to Cradle“ hat Chemiker Michael Braungart bereits eine große Schar an Anhängern gefunden. Es liest sich wie ein Manifest einer neuen, ökoindustriellen Revolution und ist für jeden verständlich. Brad Pitt hat es am Nachttisch liegen und Steven Spielberg will einen Dokumentarfilm zu diesem Thema drehen.
Kritik schmettert Braungart von dem renommierten Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek entgegen. Er hält die Umsetzbarkeit des Konzeptes C2C ohne Schädigung der Natur in großem Rahmen, für „völlig ausgeschlossen“. Für den neuen Airbus A380 entwarf Braungart kompostierbare Sitzbezüge, die man sogar essen könnte. Dazu Schmidt-Bleek lapidar: „Ich warte aber noch immer auf den detaillierten Vorschlag, die anderen 99,99 Prozent des Airbus A380 nach seinen Prinzipien zu gestalten“. Zumindest konnte Airbus 20 Prozent der Kosten einsparen, weil die Entsorgung der alten Sitzbezüge als Sondermüll wegfällt. Sie sind kompostierbar und werden zu Torf. Braungart will als nächstes beweisen, dass auch Abgase eines Autos wertvolle Rohstoffe liefern, und arbeitet an einer neuen Technologie, die aus den Stickoxiden Dünger herstellen soll. Not macht eben erfinderisch.
KREISLAUFMETER
„Wir wissen, dass die Ressourcen der Welt in Zukunft nicht ausreichen werden“, ist sich Backhausen sicher. „Deshalb muss generell etwas geschehen. In 20 Jahren werden wir 9 Milliarden Menschen sein und bräuchten drei Planeten – wir haben aber nur einen“. Die kompromisslose Entscheidung für C2C war für Backhausen durchaus mit Aufwand verbunden. Man stellt eine Produktion mit 200 Mitarbeitern nicht so einfach um. Doch es ist ein Herzensanliegen der Familie und macht die Stoffe noch edler. Schließlich kaufen bei Backhausen nicht irgendwelche Leute. Vor einiger Zeit tauchte Barbra Streisand im Geschäft in der Wiener Schwarzenbergstraße auf. Sie war auf der Suche nach gediegenen Bezügen für ihre Villa in Malibu. Auch in künstlerischer Hinsicht knüpft Backhausen an die Vergangenheit an und verpflichtete zeitgenössische Künstler mit der Gestaltung von modernen Entwürfen: Hans Hollein, Ernst Fuchs, Peter Kogler, Gerwald Rockenschaub, Hermann Nitsch … Es fällt einem besonders auf, wenn man länger darauf blickt: Stoff- oder Tapetenmuster zeichnen sich durch die stete Wiederkehr ihrer Motive aus, ineinanderfließend, übergangslos, dort beginnend, wo es endet. Laufmeter für Laufmeter ein ewiger Kreislauf. Und es hat den Anschein, als wäre diese Begehrlichkeit der Objekte bei Backhausen längst in Fleisch und Blut übergegangen – auf jeder Ebene. Denn das ist die wahre Tradition.
L I N K S :
www.backhausen.com
www.epea.com