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April 2010
Inhalt der Ausgabe
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Natur und Plastik muss kein Widerspruch sein, wie das Wiener Neustädter Kleinunternehmen NaKu zeigt.
Von Christa Hager
„Jute statt Plastik“, dieser Slogan war einmal. Heute zählen natürliche Kunststoffe zu den viel versprechenden Alternativen. Schlüssel dazu sind die Biopolymere, das sind Riesenmoleküle wie zum Beispiel Kautschuk, Pflanzenöle, Stärke oder Zellulose. Vor fünf Jahren hat sie der Kunststofftechniker und Betriebswirtschafter Johann Zimmermann für sich entdeckt; zwei Jahre später gründete er mit seiner Frau Ute Zimmermann in Wiener Neustadt das Zwei-Personen-Unternehmen Naturkunststoff (NaKu). „Durch Biopolymere lassen sich Kunststoffe herstellen, die den herkömmlichen Plastiksorten sehr ähnlich sind, sich in einem Punkt aber deutlich unterscheiden: natürlicher Kunststoff kann verwittern“, so Johann Zimmermann über seine Faszination dafür. Gelangen Bakterien an den natürlichen Kunststoff, beginnt dieser Stärke zu zersetzen. Je nach Temperatur, Anzahl und Dicke der Bakterien dauert dies zwischen einigen Wochen und Monaten. Der Unterschied zu herkömmlichen Kunststoffen ist enorm, denn diese brauchen bis zu 500 Jahre, bis sie zerfallen sind.
Zwei weitere Vorteile: Bioplastik ist nicht von Erdöl abhängig und verbraucht bei der Erzeugung und Entsorgung weniger CO2. „Im Vergleich zu einem Polyethylensack werden bei der Herstellung einer NaKu-Tragtasche mit demselben Gewicht 30 Prozent weniger CO2 ausgestoßen“, betont Johann Zimmermann. Allerdings kann der natürliche Kunststoff nicht alles, was Plastik kann: er ist beschränkt haltbar und teurer herzustellen.
Duftnote Popcorn
Kunststoffe aus nachwachsenden Materialien haben mit rund 250.000 Tonnen pro Jahr derzeit nur einen Anteil von 0,1 Prozent der weltweiten Kunststoffindustrie; Tendenz steigend. Mittlerweile werden bereits Computergehäuse und Handys – zumindest zum Teil – damit hergestellt. Bei NaKu dreht sich im Moment hingegen noch alles um Bioplastiktaschen. Diese seien am schwersten herzustellen, weil sie dünn und zugleich reißfest sein müssen, betont NaKu-Geschäftsführerin Zimmermann. Für ein kompostierbares Bioplastiksackerl braucht man je nach Größe zwischen vier und acht Gramm Maisstärke. NaKu kauft diesen gentechnikfreien Rohstoff in Form von harten Kügelchen aus der Europäischen Union an. Diese werden dann in verschiedenen österreichischen Betrieben weiterverarbeitet. Wie die Herstellung im Detail funktioniert, wollen die Zimmermanns aber nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: „In den Produktionsstätten riecht es immer angenehm nach Popcorn.“ Das Endprodukt selbst unterscheidet sich nur unwesentlich von den altbekannten Plastiktaschen. Wenngleich: es hält Nahrungsmittel länger frisch, seine Farbe ist matter, es fühlt sich weicher an und raschelt weniger als die gewohnten Tragtaschen aus Polyethylen. Und außerdem ist es ein ausgezeichnetes Produkt: schon zweimal hat NaKu damit Innovationspreise des Landes Niederösterreich gewonnen.
Wer interessiert sich außerdem für die Produkte von NaKu? „Der Handel zögert, einige Ketten beobachten noch den Markt. Aber viele Bio-Bauern und Bio-Läden sind schon längst auf unsere Taschen aus Naturkunststoff umgestiegen,“ sagt Ute Zimmermann. Durch den Endverbraucher auf den Handel Druck machen, lautet daher vorerst noch die Devise von NaKu. Auf lange Sicht will das Unternehmen in Österreich aber zum führenden Ansprechpartner für Naturkunststoffe werden. Geschäftsführerin Zimmermann: „Wir entwickeln neue Produkte, kaufen das Material und helfen, die Maschinen umzustellen. Durch unser Know-how werden wir die Verarbeitungsbetriebe an uns binden.“
In der Testphase hat das Unternehmen mittlerweile auch Bioplastikflaschen aus Polymilchsäure, die aus pflanzlicher Stärke gewonnen wird. „Eine Flasche braucht ungefähr 90 Tage, bis sie komplett verrottet ist, erklärt die Geschäftsführerin. Doch eines, betont sie, möchte NaKu mit den neuen Produkten nicht erreichen: „dass die Leute auch Bioplastik einfach achtlos wegwerfen“. Wild entsorgte Plastikabfälle gibt es ohnehin schon genug. Im Meer schwimmt bereits mehr Plastik als Plankton herum. Unsere Erdkugel ist ein „Plastic Planet“, bringt es der österreichische Filmemacher Werner Boote in seinem gleichnamigen Dokumentarfilm auf den Punkt. Tonnenweise Plastikmüll an den Stränden, verendete Tiere, die Plastikteilchen mit Nahrung verwechselt haben, selbst in unserem Blut ist Plastik: der Film zeigt die Folgen unseres „Plastikzeitalters“. Außerdem hat Boote rund 700 Studien gesammelt, um die gesundheitsschädliche Wirkung vieler Bestandteile, allen voran der Chemikalie Bisphenol A, zu belegen.
Vorbild Ostafrika
Immerhin: Manche Regierungen haben die Gefahr von Plastikkunststoffen nicht nur erkannt, sondern auch darauf reagiert. Vorreiter ist unter anderem Ostafrika. Dort sind dünne Plastiksackerln bereits verboten, ebenso wie zum Beispiel in Australien, Papua-Neuguinea Bangladesch oder Bhutan. In Europa will Frankreich noch in diesem Jahr ein Verbot von Polyethylentaschen umsetzen, Großbritannien und Italien setzen verstärkt auf Forschung und Entwicklung von Alternativen. Österreich hingegen hinkt hinter den internationalen Trends nach. Laut Umweltbundesamt werden hier pro Jahr rund 7.000 Tonnen Sackerln aus Polyethylen in Umlauf gebracht. Ein Verbot ist vorerst nicht in Sicht. „Auch Biopolymere werden hier noch stiefmütterlich behandelt. Es fehlt öffentliches Bewusstsein und politische Anstrengung“, kritisiert Unternehmensgründer Zimmermann. Noch ist NaKu ein kleines Pflänzchen. Doch Biokunststoffe haben eine große Zukunft vor sich, weiß er. Je eher diese Zukunft zur Gegenwart wird, desto besser – auch für den „Plastic Planet“ samt seinen Bewohnern.
Die Autorin: Christa Hager ist Historikerin und freie Journalistin. Sie lebt in Steyr und Wien.