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SILVER 23

April 2010
Inhalt der Ausgabe

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DER SONNE ENTGEGEN

Wie SolarWorld USA mit deutschem Know-how den amerikanischen Solarmarkt aufmischen will.

Thomas Frank

Wenn man Energie und USA hört, gehen die ersten Assoziationen wohl eher in Richtung Klimasünder als Klimaschützer. Spritfressende Autos, allgegenwärtige Klimaanlagen und der ewige Hunger nach Erdöl haben die Nation mit dem weltgrößten Energieverbrauch in Verruf gebracht. Langsam gewinnt aber eine Bewegung an Bedeutung, für die Energie-Sparen nicht nur einen moralischen Fortschritt bedeutet, sondern sich langfristig auch rechnet.
Die Obama-Administration will die Not zur Tugend machen und mit spürbaren Subventionen den Umstieg auf erneuerbare Energieformen fördern. Im aktuellen Budget etwa sind 6 Mrd. Dollar für „Clean Energy Technologies“ vorgesehen, das meiste davon für Forschung und Entwicklung.
Das Verkaufsargument fürs kritische Publikum: Damit schrumpft nicht nur die Abhängigkeit von ausländischem Erdöl, es entstehen auch neue Arbeitsplätze.
SolarWorld USA ist eines jener Unternehmen, die vom Umdenken der Regierung profitieren. Im Zuge einer Clean-Tech-Initiative konnte sich das Tochterunternehmen der deutschen SolarWorld AG 92 Millionen Dollar (und damit einen der höchsten Beträge) sichern. Mit deutschem Know-how will SolarWorld USA den amerikanischen Markt erobern.
Der Zuschuss ist in den Bau einer neuen Produktionshalle am Firmensitz in Hillsboro, Oregon, geflossen. Dort steht jetzt die größte Solarproduktionsstätte Nordamerikas.
Der Nordwesten der USA zeichnet sich zwar eher durch Regen als durch Sonne aus. Dafür bietet Oregon aber einiges, das Photovoltaik-Hersteller zu schätzen wissen: Das Umweltbewusstsein ist ausgeprägter als anderswo, und damit sind auch die Förderungen höher. Nicht nur wegen Intel gilt Hillsboro als „Silicon Forrest“. Die Präsenz von Halbleiterunternehmen und ihren Zulieferern bedeutet fachkundige Arbeitskräfte, und diese braucht SolarWorld. Im den nächsten Monaten sollen bis zu 500 neue Leute angestellt werden. Auch mit den regionalen Universitäten ist die Zusammenarbeit eine gedeihliche, und damit gibt es Nachschub an qualifizierten Arbeitskräften. Das wahrscheinlich wichtigste Argument: Südlich von Oregon liegt der größte und bedeutendste Markt für Solartechnologien in den USA: Kalifornien.

ALLES AUS EINER HAND

SolarWorld setzt auf eine vertikale Integration im Produktionsablauf. Alle Arbeitsschritte finden im eigenen Unternehmen statt: das Züchten der Kristalle, das Schneiden der Silizium-Platten (Wafer), das Herstellen der Solarzellen und das Zusammenbauen der Module. Dadurch verspricht sich das Unternehmen mehr Qualitätskontrolle.
Das Magazin Photon International attestierte den Modulen von Solarworld im Branchenvergleich die beste Umwandlungsrate von Sonnenenergie in Elektrizität. Dadurch erhofft sich das Unternehmen nun, einen Preisaufschlag verlangen zu können.
SolarWorld hat keinen Direktvertrieb, sondern verlässt sich auf einzelne Vertragspartner, denen Trainings und Weiterbildungen angeboten werden. Diese Elektroinstallateure haben direkten Kontakt mit den Kunden und können bei SolarWorld Systeme bestellen, die auf die jeweilige Situation angepasst sind.
Mit der Erweiterung der Produktion will SolarWorld bis 2011 jährlich Module erzeugen, die insgesamt eine Kapazität von 500 Megawatt erreichen. In absoluten Zahlen ist das zwar gering – ein kleineres US-Atomkraftwerk kommt in einer Stunde auf diese Leistung. Dem Unternehmen geht es aber darum, überhaupt mehr Nachfrage zu entwickeln.
Das erfordert in den USA etwas Zähigkeit. Anders als in Europa kann die Regierung nicht einfach ein bundesweites Gesetz erlassen, um beispielsweise Einspeisungen ins Stromnetz oder Netto-Vergütungen zu regeln. 50 Bundesstaaten haben 50 unterschiedliche Gesetzgebungen.
Das öffentliche Bewusstsein für den Nutzen der Sonnenenergie ist zwar gestiegen, aber immer noch nicht sehr stark ausgeprägt, wie das Energieministerium festgestellt hat. Und selbst wenn sich Hausbesitzer Module aufs Dach montieren lassen wollen, müssen sie sich erst durch einen Dschungel an Finanzierungsmöglichkeiten kämpfen.
Bei Förderungen hatte Oregon immer wieder eine Vorreiterrolle eingenommen. Seit den 1970ern gibt es Steuererleichterungen für die Installation von Solarmodulen, und seit kurzem müssen bei öffentlichen Gebäuden ein Prozent der Baukosten in Photovoltaik-Anlagen investiert werden. Im Juli soll ein Pilotprojekt gestartet werden, bei dem die Einspeisung von Solarstrom gefördert wird. Damit will der Bundesstaat mehr Leute dazu bewegen, sich Solarmodule anzuschaffen. Der Umfang des Projekts ist vorerst beschränkt: 5000 Haushalte oder 500 Unternehmen könnten von der Regelung profitieren. Nach 15 Jahren würden sich die ursprünglichen Installationskosten wieder eingespielt haben.
Governor Ted Kulongoski hat das Modell bei einigen Reisen nach Deutschland kennen gelernt und nun für Oregon adaptiert. Ironischerweise kopiert er damit eine Regelung, die von der deutschen Regierung gerade wieder zurückgefahren wird. Die Veränderung hat auch den Aktien der SolarWorld AG zugesetzt und könnte letztlich auch noch für das Tochterunternehmen in Hillsboro spürbar werden.


PLATZ AN DER SONNE

Amerikanische Experten klagen nicht selten, dass die USA den Anschluss bei der Entwicklung erneuerbarer Energien verschlafen haben. Aber auch wenn sie neidisch einen Blick nach Europa werfen, die neue Herausforderung könnte weiter im Osten liegen. China ist mittlerweile zum weltweit größten Hersteller von Solarmodulen aufgestiegen – eine Entwicklung, die bei manchen Unbehagen auslöst. Langfristig könnten damit die Preise zwar sinken, die Solarmodule müssten dann aber aus China importiert werden.

Auch sonst muss sich die amerikanische Solarindustrie auf mehr Konkurrenz einstellen. Anleger von Risikokapital haben im letzten Jahr die Hälfte ihres Vermögens aus kapitalintensiven Solar- und anderen Clean-Tech-Unternehmen abgezogen. Sie investieren lieber in Firmen, die Technologie entwickeln, um generell den Energieverbrauch von Systemen zu kontrollieren oder zu minimieren. Diese Firmen benötigen meist weniger Geld und bringen es auch schneller wieder herein.
SolarWorld USA zeigt sich davon unbeeindruckt. Das Unternehmen konzentriert sich erst einmal auf die Kostenreduktion. Mehr Produktion bedeutet geringere Stückkosten, und damit sollen die Module langfristig billiger werden. Und selbst wenn die Konkurrenz lieber abwandert, SolarWorld sieht dabei für sich einen Vorteil. „Made in USA“ lautet der Leitspruch, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.
„Viele Leute fühlen sich noch nicht wohl mit Solarenergie. In Amerika herrscht zu viel Bequemlichkeit“, sagt Frank Vignola von der University of Oregon. „Wir brauchen ein Umdenken.“
Vignola ist ein Veteran der Solarbewegung und forscht seit vierzig Jahren zu Themen der Photovoltaik. In Oregon sieht er einige Anzeichen für einen Meinungswandel. „Wenn sich Leute hier Solarmodule anschaffen, hat das wenig mit dem Preis zu tun. Sie wollen ein Zeichen für mehr Umweltbewusstsein setzen.“

Autoreninfo:

Thomas Frank ist freier Journalist und studiert „literarischen Journalismus“ an der University of Oregon in Eugene.

 

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