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SILVER 23

April 2010
Inhalt der Ausgabe

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Alle zusammen, dass die Räder sich drehen

Wie die Windräder ins Weinviertel kamen – Oder was alles aus einem Hirngespinst entstehen kann
Von Michaela Kampl

Fritz Herzog hat eine Mission. Er will die Welt verändern. Und weil das nicht alles auf einmal geht, muss man irgendwo einfach anfangen. Vor der eigenen Haustür zum Beispiel. Genau dort, in Wolkersdorf in Niederösterreich, hat er gemeinsam mit Franz Stoiber und Erich Hahn vor mehr als 14 Jahren mit dem „Drahdiwaberl“ die erste Windkraftanlage im Weinviertel in Betrieb genommen.
Was mit einem Windrad begonnen hat, ist mittlerweile zum Unternehmen ÖkoEnergie Gruppe geworden, das fünf Windkraftanlagen, ein eigenes Biomasseheizwerk, ein Kleinwasserkraftwerk und drei Photovoltaikanlagen umfasst. Und es sind mehr als 500 Menschen daran beteiligt.
Die Erfolgsgeschichte beginnt im Jahr 1994. Zu diesem Zeitpunkt haben die drei das dringende Bedürfnis, dass sich bei der Energieversorgung etwas ändern muss. „Die Motivation und die Auseinandersetzung mit dem Thema alternative Energie hat bei mir schon mit Tschernobyl angefangen“, sagt Herzog. Der 49-Jährige ist begeistert von den Möglichkeiten der erneuerbaren Energie. Eine spezifische Ausbildung auf diesem Gebiet hatte er nicht. Herzog war Techniker bei Waagner-Biro. Auch die anderen beiden Initiatoren waren keine Energieexperten. Hahn war Naturwarengreißler, und Stoiber verdiente sein Geld bei der Berufsfeuerwehr.
Aber was man nicht kann, kann man lernen. Frei nach diesem Motto ging es an die Umsetzung. Die Windradpioniere aus dem Weinviertel besuchten eine bereits bestehende Anlage in Niederösterreich und machten sich schlau. Der Plan: eine eigene Windenergieanlage in Wolkersdorf. Dann ging es darum, die Gemeinde von dem Plan zu begeistern. Es gab Informationsabende, um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

WINDBEGEISTERTE WOLKERSDORFER

Der Bürgermeister hat zumindest nicht gleich nein gesagt“, beschreibt Herzog die Reaktion der Lokalpolitik. Die Wolkersdorfer waren interessiert. Bei den Veranstaltungen war „die Bude voll“, erzählt Herzog. Und die Wolkersdorfer waren nicht nur diskussionsfreudig, sondern von Anfang an daran interessiert, mitzumachen.
Für 10.000 Schilling konnte eine so genannte Abschnittserklärung erstanden werden. Im Gegenzug dafür gab es jährlich 1000 Kilowattstunden Energie aus der Windkraftanlage – das deckt ungefähr den Energiebedarf einer Person. Familien waren mit 35.000 Schilling dabei. Das Geld war für zehn Jahre gebunden. Es gab eine minimale Verzinsung. Es beteiligten sich 230 Privatpersonen. Damit waren 85 Prozent des benötigten Kapitals beisammen. Die restlichen 15 Prozent übernahm die Gemeinde. Außerdem wurden 30 Prozent der Investition mit Fördergeldern gestützt, und die Windanlagenbetreiber konnten den Strom zu einem erhöhten Einspeisetarif verkaufen, dem doppelten Großhandelspreis. Das waren um die zehn Cent pro Kilowattstunde.

Anfang 2009 standen in Österreich insgesamt 618 Windräder, die rund 570.000 Haushalte mit Strom versorgen konnten. Heute bekommen die Betreiber von Windenergieanlagen 9,7 Cent für jede Kilowattstunde Strom, die sie ins Netz einspeisen.
Aber das auch erst wieder seit Februar dieses Jahres. Vorher lag der Energiepreis, den die Windenergieerzeuger für ihr Produkt bekamen, bei rund 7,5 Cent. Die Preissteigerung ist dem Inkrafttreten der Novelle des Ökostromgesetzes zu verdanken. Das vorherige Ökostromgesetz, das 2006 beschlossen wurde, brachte die Betreiber von Windkraftanlagen auf die Palme. Damals wurden die Förderungen für Ökoenergie um 80 Prozent gekürzt. Die Anbieter alternativer Energien bekamen weniger Geld für ihren Strom. Herzog: „Der Tarif war so niedrig, da ist nichts gegangen.“ Aus- und Neubauprojekte blieben in den Schubladen liegen. An Umsetzung war nicht zu denken.
Deswegen hat sich die ÖkoEnergie Gruppe um internationale Alternativen gekümmert. An Projekten in Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Kroatien wird gearbeitet. Schon 2011 ist Baubeginn.
Natürlich gab es anfangs auch kritischen Gegenwind. „Wenn etwas so groß und unübersehbar wie Windräder ist, gibt es natürlich immer jemanden, der dagegen ist“, erzählt Herzog. Es gab Argumente, dass das doch technisch nicht funktionieren könne. Einige konnten sich nicht vorstellen, wie das gehen soll, wenn wir Energie aus dem Wind holen. Windenergie war Mitte der 1990er noch kaum im öffentlichen Bewusstsein. Herzog erzählt schmunzelnd: „Da haben einige sogar gemeint, dass Strom aus den Windrädern die Glühbirnen zerreißen könnte, oder dass hunderte Vögel gehäckselt werden.“

KEIN VERGLEICH MIT KATZEN

Tatsächlich gab es ein einjähriges Vogelmonitoring, um die Gefahr für die Tiere abzuschätzen. Das Ergebnis: Pro Jahr sterben ein bis eineinhalb Singvögel durch die Windkraftanlage. Herzog zieht den Vergleich mit einer anderen Naturgewalt: „Das ist im Vergleich mit einer Katze eine Kleinigkeit.“ Auch die Ablenkung der Autofahrer durch die Windräder wurde durch einen Gutachter geprüft. Der damalige Gutachter zweifelte anscheinend an der Sinnhaftigkeit seines Tuns. „Der hat damals gesagt‚ jedes Palmers-Plakat hat den gleichen Effekt‘“, erinnert sich Herzog.
Trotz der Erfolge der ÖkoEnergie Gruppe könnte immer alles noch besser sein, meint Herzog. Wie schnell das gehen wird, da hat er aber seine Zweifel. „Umweltschutz hat derzeit vor allem einen moralischen, aber noch keinen finanziellen Wert. Die Politik richtet sich aber auf den wirtschaftlichen Erfolg.“
Die Erzeuger von Ökoenergie aus dem Weinviertel sind allerdings auch wirtschaftlich erfolgreich. Mittlerweile sind 30 Arbeitsplätze bei der ÖkoEnergie Gruppe entstanden. „Und das sind zukunftsfähige Arbeitsplätze“, bemüht sich Herzog zu betonen. Er selbst arbeitet erst seit eineinhalb Jahren Vollzeit als technischer Geschäftsführer – vorher musste die Arbeit für die Windkraftanlage in der Freizeit erledigt werden. Herzog war Verkäufer bei Enercon, einem Hersteller für Windkraftanlagen.
„Wir haben uns einfach gedacht: Probieren wir das!“, erzählt Herzog. Vor dem Büro in Obersdorf stehen ein Elektroauto und zwei Elektroscooter. Die Fahrzeuge werden für kürzere Wege in der Region genutzt. Öko auf allen Gebieten. Alternative Energie ist für Herzog nicht ein Geschäft, sondern eine Lebenseinstellung. Zweiflern erklärt er seine Theorie von der Glasglocke über Österreich und wie lange es bei unserem derzeitigen Energieverbrauch dauern wird, bis uns die CO2-Emmissionen die Luft zum Atmen nehmen. Mit diesem Modell will Herzog erklären, dass es gilt, unsere Energieproduktion auf eine andere Basis zu stellen. Und weil Herzog nicht darauf warten wollte, dass jemand dieses Problem für ihn löst, hat er selber angefangen. Vor der eigenen Haustür. In Wolkersdorf. Wo sich die Windräder drehen. Dank ihm und einigen anderen.

 

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