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SILVER 24

Juli 2010
Inhalt der Ausgabe

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Medien – Coffeetablet

Ab Anfang Juli ist es auch in Österreich erhältlich, das Gerät mit den Attributen „magisch“, „unglaublich“, „revolutionär“ (Ausschnitte aus Steve Jobs Erstvorführung): das iPad. Eine 25 Zentimeter breite Projektionsfläche für alle, die sich vom offenen Internet der letzten 15 Jahre geschunden fühlen, also hauptsächlich für Medienmanager und Verlagsbesitzer.

Hierzulande kann man vor der Kaufentscheidung auf die gesammelten Erfahrungsberichte der zwei Millionen US-Käufer und europäischen Privatimporteure zurückgreifen. Deren Grundton könnte ambivalenter nicht ausfallen: Auf jeden Fall ein nettes Gerät, unglaublich schön, eigentlich richtig geil. Aber anders als beim iPhone (telefonieren) und beim iPod (Musik hören) kristallisiert sich diesmal keine Nummer-1-Tätigkeit für die neue Anschaffung heraus: Nebeneinander stehen Mail, Web, Fotos, Videos, Spielen. Musik weniger – als Walkman ist das iPad zu klobig. Beim Schreiben geht einem nach dem zweiten Absatz die richtige Tastatur ab. Fotos kriegt man nur mit Zusatzperipherie von der Kamera aufs Gerät (dafür schauen sie am Display dann besser aus als auf jedem anderen Medium, Hochglanzpapier inklusive). Zum Arbeitsgerät fehlen dem iPad noch die ausgereiften Programme. Für das nötige Apps-Bündel werden wohl gut 100 Dollar fällig werden, Copy/Paste und Drucken kann man dann aber immer noch nicht. Tatsächlich verändern der große Touchscreen und das intuitive Gesten- und Wisch-Interface den Umgang mit Computern: Selbst Zweijährige finden sich am iPad zurecht. Noch nie war Scrollen so angenehm.

Es bleibt der Eindruck eines Geräts, das vieles kann, aber für eines eher ungeeignet ist: Lesen. Das leuchtstarke Display kann zwar nächtens den Weg durch einen dichten Wald weisen, lässt aber auch entsprechend rasch die Augen ermüden. Und dann ist da die Konkurrenz um Aufmerksamkeit mit allem, was online läuft: Angeblich gibt es Menschen, die in eiserner Disziplin stundenlang lang am Computer lesen können, ohne jemals ihre E-Mails checken zu müssen. Doch die meisten fallen irgendwann auf die permanente, hübsche Ablenkung rein. Nebenbei: Die hierzulande eigenartig belächelten E-Book-Reader wären dagegen ausschließlich aufs Lesen fokussiert, ohne Webbrowser und mit einem völlig anderen, extrem lesefreundlichen Display.

Springer-Chef Mathias Döpfner meinte im April, jeder Verleger „sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs für das iPad danken“. Es ist ein Rätsel, warum jemand, der davon lebt, gedruckten Text zu verkaufen, alles auf ein Gerät setzt, das eine lesefeindliche Umgebung bildet. Für fotolastige Magazine wie GEO und das selige Life ist das iPad optisch perfekt. Bei Tageszeitungen bleibt bisher die Frage unbeantwortet, wie eine kostenpflichtige App beliebter werden soll als das werbefinanzierte Gratisangebot im Webbrowser einen Wisch weiter. Die bisherigen Zeitungs- und Magazin-Apps entlarven verlegerisches Wunschdenken: Die Print-Struktur wird fast seitengleich nachgebaut (löbliche Ausnahme: Time Magazine). Mit Gewalt wird die analoge Seiten-Metapher digital reproduziert. Manchmal muss man 100 Seiten blättern, weil im Inhaltsverzeichnis zwar eine Seitennummer steht, aber kein Direktlink zum Artikel eingebaut wurde. Eine solche App kostet trotzdem oft mehr als die entsprechende Druckausgabe im Abo. Man muss kein Medienexperte sein, um sich zu fragen, wie das funktionieren soll.

Was könnte also bleiben von dem hübschen Gerät? Als Fotoalbum genial, als Videoplayer fast perfekt, als Spielegerät mit großer Zukunft, als mobiler Browser brauchbar. Darüber hinaus wird sich die Community der App-Programmierer schon nicht lumpen lassen, die eine oder andere Killer-App einzustellen. Falls nicht bleibt dem iPad als Nummer-1-Tätigkeit immer noch das Herumliegen. Am besten oben auf einem Stapel dekorativer Coffee-Table-Bücher. Das sind jene schweineteuren Bildbände, sich manche als Zierde auf den Wohnzimmertisch legen. Ein Coffeetablet sozusagen.

Der Autor: Stefan Pollach ist Kommunikationsberater bei media consult in Wien.

 

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