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SILVER 24

Juli 2010
Inhalt der Ausgabe

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Trockenfutter – gut gegen Kannibalen

Ging auf Expeditionen früher der Proviant aus, blieb nur noch der Kannibalismus. Durch gefriergetrocknete Hightechlebensmittel hat sich das geändert. Die modernen leichten Trekking-Mahlzeiten enthalten viele Kalorien und sind gut zu transportieren. Ein Testessen.

Von Dr. Wolfgang Pennwieser

„Träume leben.“ Viel versprechend preist das weiß-orange Klebeband auf dem eingelangten Paket die postalische Lieferung an. Wobei Skepsis durchaus angebracht ist. Bezieht sich der Slogan wirklich auf den Inhalt der Sendung oder gibt er nur die Devise für jene Menschen vor, die ihren Urlaub gern zum Abenteuer machen und die Natur gerne hautnah erleben?

Träume leben“ – eine Devise, der der Reisehungrige und Erlebnisorientierte gerne folgt und wofür er keine Strapazen scheut. Outdoor ist eine Bewegung. Globetrotter, Jack Wolfskin, Mammut, Bergfuchs, patagonia, The North Face sind die Markennamen dazu. Und keiner, der heute einen Berg besteigt oder eine Steppe durchwandert, kommt daran vorbei. Das Wettrüsten am Freizeitmarkt ist voll im Gang. Das Equipment ist Hightech, technisch ausgeklügelt ist inzwischen auch der mitgeführte Proviant. Der zeitgenössische Wandersmann hat keine Kantwurst mehr im Rucksack. Bei Globetrotter kann er aus knapp 200 verschiedenen Produkten wählen, die leichter, gesünder und praktischer sein sollen. „Gefriergetrocknete Lebensmittel helfen, Gewicht beim Transport und Zeit beim Kochen zu sparen. Egal ob mit Fleisch, vegetarisch oder als Grundnahrungsmittel zur Beilage. Sie schmecken, geben Kraft und sind abwechslungsreich“, heißt es auf der Homepage des Anbieters. Über den Punkt Geschmack könnte man streiten, sofern man über Geschmack streiten könnte. Gustatorisch bleibt die „Fruchtsuppe Blaubeeren“ jedenfalls unvergesslich.

Skorbut und Paranoia

Die Geschichte der Reiseverpflegung ist so alt wie das Reisen selbst. Seit jeher versucht man Lebensmittel möglichst lange zu konservieren um sie mit auf den Ausflug zu nehmen; Salzen, Räuchern, Trocknen und Säuern sind die ältesten Verfahren zum Haltbarmachen.

Schiffszwieback wurde „panis nauticus“ genannt und war seit der Antike das Grundnahrungsmittel der Seefahrer. Richtig gelagert wäre er beinahe unbegrenzt haltbar gewesen, meist transportierten ihn die Seeleute jedoch in kaputten Fässern, wo er feucht und schimmelig wurde – Ungeziefer nistete sich ein. „Der Zwieback, den wir aßen, war kein Zwieback mehr, sondern nur noch Staub, der mit Würmern und Unrat von Mäusen vermischt war …“ schrieb Antonio Pigafetta, der Chronist des portugiesischen Seefahrers Ferdinand Magellan auf einer seiner Schifffahrten.

Gesalzenes oder gepökeltes Schweine- oder Rindfleisch war neben dem Brot die andere Hauptkalorienquelle. Das Einsalzen entzieht den Bakterien das Wasser, die Keime sterben ab. Pökelsalze wie Kaliumnitrit wirkten zudem sterilisierend – und krebserregend, aber das wusste man erst später. An den Kalorien hätte es mit Zwieback und Pökelfleisch also nicht gemangelt. Was fehlte, waren die Vitamine. Skorbut hieß die Krankheit der Seefahrer, weshalb James Cook seiner Besatzung schon im Jahr 1796 Vitamin-C-reiches Sauerkraut verordnete.

Sauerkraut hätte auch dem Engländer John Franklin geholfen. Der Abenteurer zog im Mai 1845 mit 129 Mann in die Arktis; erklärtes Ziel war es, die Nordwestpassage ausfindig zu machen. Franklins Expedition scheiterte – wie so viele andere – an der Verpflegung. Hunger, Skorbut, Kälte und eine massive Bleivergiftung führten zu Verfolgungswahn und Kannibalismus bei den Teilnehmern. 1986 wurde die Bleivergiftung an den Toten nachgewiesen und durch unzureichend verlötete Konservendosen erklärt. Eine solche Intoxikation kann dem zeitgenössischen Abenteurer nicht mehr passieren. Niemand würde mehr schwere Konserven mit auf den Berg oder durch das ewige Eis schleppen. Anstatt dessen stehen heute ultraleichte und mehrfach beschichtete Beutel, die zur „Expeditionssicherheit unter Schutzatmosphäre verpackt“ sind, zum Lebensmitteltransport bereit. Die Tüten werden unter OP-Saal-ähnlichen Bedingungen versiegelt. „So ist sichergestellt, dass Sie abseits der Zivilisation keine böse Überraschung im Hinblick auf verdorbenen Proviant erleben“, garantiert Wolfgang Höfer von Globetrotter. Kinderleicht ist dann auch die Zubereitung, obgleich sich die Kochinformation liest wie eine Anleitung zu einem Experiment im Chemieunterricht: „350 Milliliter kochendes Wasser bis zum Eichstrich in den Beutel füllen, Beutel schließen und acht Minuten quellen lassen. Zwischendurch umrühren oder den Beutel durchkneten, damit die Zutaten sich besser vermischen können.“ Das Menü lässt sich praktischerweise gleich aus dem Beutel löffeln, und man spart obendrein den Abwasch.

Energiehaushalt ohne Kochtopf

Die Blaubeersuppe zum Beispiel besticht durch ihren außerordentlich hohen Kohlenhydratanteil. Und genau darum geht es: Die durch die körperliche Anstrengung geleerten Glykogenreserven müssen möglichst rasch wieder aufgefüllt werden. Bei Ausdauersportlern soll die Energie zu etwa 80 % über Kohlenhydrate zugeführt werden. Wichtig ist, dass der Athlet genau weiß, wie viel Energie er verbrauchen wird. Das lässt sich errechnen. Der Gesamtenergiebedarf setzt sich aus Grundumsatz und Leistungsumsatz zusammen. Der Grundumsatz ist jene Energie, die notwendig ist, um die Maschine Mensch am Laufen zu halten. Ein junger Mann benötigt dafür etwa 1800 kcal/Tag – nur die Hälfte hingegen verbraucht eine alte Frau. Jede zusätzlich erbrachte Leistung benötigt weitere Energie. Für die Abenteurer heißt es deshalb: vor der Expedition muss man wissen, welche Anstrengungen einen erwarten, wie lange die einzelnen Etappen sind, welche Außentemperaturen vorherrschen, wie viel Energie deshalb zur Wärmeregulation benötigt wird und vieles andere mehr. Je nachdem kann der Leistungsumsatz zwischen 2000–6000 kcal/Tag betragen. Weiß der Wanderer um seinen Gesamtenergiebedarf Bescheid, kann er seinen Rucksack mit der richtigen Menge an Proviant vollpacken. Niemand will zu viel Ballast herumschleppen, auch wenn die Trekking-Mahlzeiten noch so leicht sind. Durch die Gefriertrocknungstechnik können immer mehr Kalorien in immer kleineren Lunchpaketen mitgenommen werden. Das verköstigte Paprika-Soja-Ragout beispielsweise überzeugt durch leichte 125 Gramm bei knapp über 400 kcal pro Mahlzeit. Daneben lassen sich Outdoorgerichte extrem lange lagern: der Sojateller etwa bis März 2013.

Der Romantiker unter den Trekkingmenschen wird allerdings weiterhin seine fette Bergsteigerwurst mit auf die Wanderung nehmen und daraus zusammen mit den am Wegesrand gefundenen Schwammerln und Kräutern ein feines Gericht über dem Lagerfeuer zaubern. Der Sportler unter den Bergfuzzis erspart sich hingegen Gewicht und die Gefahr einer Verdauungskolik, greift zur leichten Edelpilzpfannentüte, erhitzt Wasser am Gaskocher und kann dabei zwänglich-genau ausrechnen, wie viele Kalorien er pro Löffel zu sich nimmt. Letztlich erübrigt es sich, danach zu fragen, wer von den beiden dem Motto „Träume leben“ näher kommt.

 

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