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SILVER 24

Juli 2010
Inhalt der Ausgabe

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Global Heuriger – World Wide Wine

Der Weinhandel hat sich mit dem Internet eine zusätzliche Vertriebsmöglichkeit geschaffen. „Ab Hof“ lautet heute „ab Website“. Mithilfe spezialisierter Logistikfirmen verschicken heimische Winzer edle Tropfen in alle Welt. Ausg’steckt ist im Internet.

Von Jimmy Deix

Tausend standfeste New Yorker stürmten vergangenen Mai das Tribeca Rooftop in Manhattan, um an der Weinverkostung „Austria Uncorked“ teilzunehmen. Es war die bisher größte Präsentation österreichischer Weine in den USA. Robert de Niro hat dem Stadtteil Tribeca mit seinem Filmfestival zu neuem Ansehen verholfen. Der raue Charme der früheren Industriezone gilt heute als todschick. In den umliegenden Blocks wurden Teile von „Sex and the City“ gedreht. Die Bundeswirtschaftskammer hat für die Initiative keine Kosten und Mühen gescheut. So sexy war Wein aus Österreich noch nie.

Auf der Terrasse quietschen Korken. Weit hinter New Jersey versinkt die Abendsonne und spiegelt sich im Hudson River und in gut eingeschenkten Gläsern mit Riesling oder Grüner Veltliner. Die New Yorker nennen ihn „Gruner“ oder „Greener“ ...

Unter den 100 Ausstellern befinden sich auch Paul Darcy und Carlo Huber, zwei Wiener, die in den 90er Jahren nach New York auswanderten und nun Wein aus Österreich in die USA importieren. Die riesigen Flaschen, mit denen beide an ihrem Stand schwenken, erwecken zunächst leichtes Misstrauen: „Der Doppelliter ist bei Wiener Familienessen die gebräuchliche Flaschengröße“, erklärt Paul Darcy und verabreicht den verblüfften New Yorkern weitere Test-Achtel aus einem Doppler.

„This wine is fantastic!“, schwärmt Weinliebhaber Seymour Stern. Der Psychoanalytiker bestellt spontan acht Kisten in seine Praxis in der Park Avenue. Natürlich online und weil es den modernen Zeiten entspricht, auch gleich mit dem Mobile Phone. Alles geht ganz einfach. Die Logistikfirma verspricht prompte Lieferung innerhalb von fünf Werktagen.

TRINKEN WIE DIE WIENER

 Noch nie wurden so viele Weinflaschen um die Welt geschickt wie heute. Und vielleicht ist das Internet sogar mit ein Grund, warum in den USA der Weinkonsum kürzlich den von Bier überholt hat. Die Darcy & Huber Selections sind nicht ganz unbeteiligt daran, dass Wiener Weißweine – insbesondere der Gemischte Satz – an der Ostküste ein kleiner Hype wurden. Eric Asimov – renommierter Weinkritiker und Neffe des berühmten Science-Fiction-Autors Isaac Asimov – schrieb in der New York Times: „Sie sind zwar nicht billig, aber es sind überaus ehrliche Weine“.

Das nennt man Regionen-Marketing. Wien ist die einzige Hauptstadt der Welt, wo Hundert Jahre alte Weinfelder im Stadtgebiet zu finden sind. Dass Weinmacher hier die öffentliche Straßenbahn nehmen können, um in die Arbeit zu fahren, entlockt den Amerikanern ein Schmunzeln. Und wenn sie erfahren, dass der Wein, den sie gerade trinken, von jenem Heurigen stammt, wo Ludwig van Beethoven an seiner 9. Sinfonie schrieb – Mayer am Pfarrplatz in Heiligenstadt –, dann sind das genau die Geschichten, die der geneigte Weinkonsument hören will, um Kaufentscheidungen zu treffen. Auch online.

„Das Weinwissen steigt“, erklärt Gottfried Sorf, zuständig für Online-Marketing bei Österreichs größter Weinhandelskette Wein & Co. „Im Durchschnitt kennt sich der Konsument bei Wein heute besser aus als früher“. Monatlich treffen beim Online-Shop des österreichischen Parade-Unternehmens für Wein etwa 1000 Bestellungen ein. Weit über 20 Prozent davon bereits aus Deutschland. Der Online-Shop dient in erster Linie dazu, mehr Leute zu erreichen, die keine direkte Möglichkeit haben, eine der 18 Filialen aufzusuchen. Gottfried Sorf: „Der Weinkauf im Internet bringt durchaus Annehmlichkeiten mit sich – man braucht die Kisten nicht zu schleppen.“

Mitbewerber Interspar hat mit weinwelt.at ein Online-Portal geschaffen, das mit 1300 Weinen im Angebot längst über das seiner eigenen Hypermarkt-Filialen hinausreicht: „Online-Shopping wird die echten Marktplätze nicht ablösen, aber sinnvoll ergänzen“, erläutert Interspar-Geschäftsführer Markus Kaser. Internet-Plattformen bieten dem Kunden „ein zusätzliches, bequemes und im Trend liegendes Einkaufserlebnis“. Wie heiß der Online-Markt mit Weinen umkämpft ist, verdeutlicht ein Gerichtsprozess, der zwischen Interspar und Wein & Co geführt wurde: Interspar hatte bei Google für sein Angebot dreist „Wein & Co“ als Adword gebucht und wurde dafür beim Oberen Gerichtshof auf Unterlassung geklagt.

Der Weinhandel ist weniger behäbig als früher. Internet ist für viele Unternehmen aus der Wein-Branche gleichbedeutend mit „Online-Shop“. Das ist zu wenig, denn dort läuft mal mehr, mal weniger. Weinmarketing ist heute beinahe ebenso diffizil wie die Herstellung des Weines selbst. Namhafte Herkunft oder prächtige Etiketten reichen nicht mehr aus, um die Flaschen an den Mann zu bringen. Für engagierte kleine und mittlere Unternehmen eröffnen sich jedoch neue Perspektiven durch einen direkten Kanal mit ihren Kunden. Der Online-Handel ermöglicht große Spezialisierung. Hinzu kommt, dass in den USA nahezu jeder Weinkritiker auch Blogger ist und seine Einschätzungen und Empfehlungen jederzeit abrufbar sind. Die Crux bei der Sache: Um größtmöglich rentabel zu wirtschaften, sind dann doch wieder massentaugliche Absätze erforderlich.

Weltweit wird heute mit Wein ein Umsatz von 90 Mrd. Euro erzielt. Das ist so viel wie die vier Internet- und Computer-Riesen Google, Yahoo, Microsoft und eBay zusammen erwirtschaften. „Der Gesamtumsatz durch Online-Verkauf ist in Europa sicher ebenfalls beträchtlich“, erklärt Michael Pöltl, Betreiber von weingrube.com (mit 2300 Produkten das umfassendste Weineinkauf-Portal Österreichs). „Dennoch ist der Online-Verkaufszweig mit fünf bis acht Prozent noch immer Nischenmarkt. Im Vergleich mit anderen Branchen wirke sich das anteilig noch eher bescheiden aus. Tatsachen, die zielgruppenbedingt seien, so Pöltl. Wahre Kenner würde sich davor hüten, wertvolle Wein mit der Post schicken zu lassen, und weniger Kundige wüssten wiederum nicht, was sie bestellen sollen. Dennoch wird der Online-Weinhandel steigen. „Die meisten wissen ja noch gar nicht, dass man Wein im Internet überhaupt kaufen kann“, so Pöltl.

Logistikfirmen haben mittlerweile ein eigenes Department für das Verschicken von Weinen eingerichtet. Marktführer Rail Cargo transportiert mittlerweile 6 Millionen Flaschen jährlich. Seit 2007 gelten in Österreich die gesetzlichen Bestimmungen aus dem Lebensmittelrecht auch für Logistiker und Transporteure, wodurch es hinsichtlich der Qualitätssicherung zu einem Lückenschluss zwischen Produktion und Handel kommt. „Der Transport ist kein schwarzes Loch der Lieferkette mehr“, erklärt Christian Schweiger, Logistik-Revisor beim IFS, der Zertifizierungsstelle für internationale Standards im Bereich Lebensmittel. Beim Transport von Wein sind – von der Zerbrechlichkeit der Flaschen abgesehen –Temperaturschwankungen besonders kritisch.

Dazu kommt, dass Weinflaschen künftig leichter werden sollen. Die britische Großhändler Kingsland Wines entwickelte eine neue Leichtflasche mit nur 300 Gramm Gewicht und beliefert damit seit kurzem Tesco, eine der größten Supermarktketten der Welt. „Wir sind uns sicher, diese Flasche wird in Zukunft wegweisend für die globale Produktion sein“, beteuert Michael Forde, Direktor der Handelskette. Sofern die nicht dem Getränkekarton gehört. Tetra-Packungen sind für die Aufbewahrung von Qualitätsweinen mittlerweile anerkannt. Insbesondere durch das System Bag-in-Box, das den geöffneten Wein wieder luftdicht verschließt.

Der Wiener Musiker und Weinliebhaber Oliver Gruen bereitet ein Kunstband über Wiener Wein vor. „G’mischter Satz – eine Weltkarriere aus Wien“. Er hält von der weltweiten Verschiffung von Weinen eher wenig. Wie er findet, mundet der Wein dort besonders gut, wo er gewachsen ist: „Retsina schmeckt mir in Griechenland hervorragend, aber daheim eher nicht.“ Sein persönlicher Geschmack ist eher makrobiotisch orientiert. „Ein Glas vom G’mischten Satz mit Ausblick auf den Nussberg vor meiner Tür, und ich höre die Schrammeln geigen“. Die spielen natürlich „Ode an die Freude“.

 

 

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