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SILVER 24

Juli 2010
Inhalt der Ausgabe

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Die wilden Köche vom Kühnplatz

Jeden Dienstag treffen sich Wiens Amateur-Küchenchefs in einer ehemaligen Werkstatt und frönen dem kollektiven Koch- und Essgenuss. Ein Besuch.

Von Florian Niederndorfer

Schmeckt nicht gibt’s nicht. Oder doch? Stefan Borbely ist sich an diesem regnerischen Dienstagabend im Mai nicht so sicher. „Meine Pastasauce“, erklärt er, „war höchstens 8 von 10 Punkten.“ Während Borbely sich in Selbstkritik übt, strafen ihn die Berge leergegessener Teller in der Geschirrspülmaschine Lügen. „Macht nichts. Hier hat man die Gelegenheit, seine wildesten Kochträume auszuleben“, sagt Borbely und schmunzelt.

Wo anderswo über vergebene Elfmeter, fehlende Pik-Asse und das vergangene Wochenende debattiert wird, besitzen im Kochklub Kühn im Vierten Wiener Gemeindebezirk Männer und Frauen mit kulinarischen Ambitionen die Lufthoheit über den Esstisch. Allesamt sind sie, so wie IT-Forschungsleiter Stefan Borbely, keine ausgebildeten Profiköche. Umso enthusiastischer geht es jeden Dienstagabend zu, wenn sich im Durchschnitt 15 Hobby-Küchenchefs in einem Wiedener Souterrain-Klublokal zum kollektiven Kochen treffen. Seit fünf Jahren gibt es den Kochklub Kühn schon. Kaum länger ist es her, dass Kochen auch für Männer zum repräsentativen Freizeitvergnügen wurde. Nirgendwo in Wien ist dieser Trend manifester als am Kühnplatz.

Von der Werkstatt zum Kochklub

Zu Beginn der Geschichte des ersten Wiener Kochklubs stand ein Anruf mit unbekannter Nummer. Felix Muhrhofer, ein Küchendesigner und auf der Suche nach einem geeigneten Ausstellungsort für seine Werke, hatte gehört, dass Jakob Glatz eine ehemalige Werkstatt in bester Lage im Vierten Wiener Gemeindebezirk geerbt hat. Und sie zusammen mit Freunden zu Wiens erstem Verein für Kochliebhaber umgestalten wollte. Wenig später, Anfang 2005, war der Kochklub Kühn geboren. Richtig voll wird es, so wie bei konventionellen Lokalen auch, wenn Sport angesagt ist. Die Fußball-Euro 2008 und die jeweils den auf einer Großleinwand im Klub übertragenen Partien entsprechenden Speisen haben den Kochklub Kühn über die engen Grenzen Wien-Wiedens hinaus bekannt gemacht. Einmal wurde gar das legendäre Autorennen „24 Stunden von Le Mans“ zu einer Marathon-Kochsession umgewidmet.

Sport und Essen, das ist für Borbely, Muhrhofer, Glatz und Co. kein Widerspruch. Im Gegenteil. „Der Kochklub Kühn ist ein Ort, der Menschen zusammenführt, die beim gemeinsamen Kochen und Essen den Weg und das Ziel im Auge behalten“, hat sich der Verein als Leitbild an die www-Fahnen geheftet. In der Selbstdarstellung heißt es: „Er ist einer der letzten Felsen in der Brandung zwischen den Wogen der Fertiggerichte und einer profitmaximierenden Sättigungsgastronomie.“

Über die vereinseigene Website können sich die 40 Mitglieder sowie Gäste zum Kochen und Mitessen anmelden, Letztere gegen einen etwas höheren Lebensmittelbeitrag. Im Durchschnitt legt jeder Teilnehmer zehn Euro für ein drei- bis viergängiges Menü Marke Eigenbau in die Klubkassa, was meist gerade einmal die Zutaten und die Reinigung der alle Stückeln spielenden Kochutensilien hereinspielt.

Reich wird davon keiner – zumindest nicht im finanziellen Sinne. Das ist aber auch gar nicht Zweck der Unternehmung. „Man kann sich heutzutage fast alles kaufen“, meint Christian, der, so wie ein halbes Dutzend anderer Gäste des Kochklubs, in der IT-Branche tätig ist. „Aber mit den eigenen Händen etwas zu herzustellen und Genuss zu schaffen, das ist eine Herausforderung.“

Von der Käsekrainer à la Kühn bis zum „Hummer für 300 Euro“, sagt Co-Gründer Horst Hochmayr, habe der Kochklub schon alles gesehen, was Wiener Koch-Aficionados so einfällt. Standesdünkel, Berührungsängste und sonstige Beigeschmäcker professioneller Betriebe sind den wilden Köchen vom Kühnplatz gänzlich fremd. „Ich habe immer von so etwas geträumt: ein Platz, wo alles allen gehört“, sagt Hochmayr, der unter Tags als Organisationsentwickler arbeitet und an diesem Abend erst zum zweiten Gang eintrifft.

Das Konzept ist aufgegangen: 18 Menschen, wie üblich etwas mehr Männer als Frauen, sitzen auf bunt zusammengemixten Stühlen an einer langen Tafel, die aus einem großen Holz- und zwei kleineren Steintischen besteht. Keine eineinhalb Meter daneben, hinter der Küchenzeile, wird noch Risotto gerührt und Sauce püriert – und der gepflegter Fachsimpelei über Südtiroler Spezialrezepte gefrönt.

Iris Pittl ist an diesem Abend dran. Seit drei Stunden steht sie schon hinter der Küchenzeile und bereitet Suppe, Haupt- und Nachspeise vor. Seit einem halben Jahr ist sie beim Klub, ihre Eltern besaßen eine Landbäckerei, nach zwei Jahren in Italien war Pittl, die im Brotberuf Business Development Manager bei einem Wiener New-Media-Unternehmen ist, neben dem Back- auch mit dem Kochvirus angesteckt. „Ich reise sehr gerne und lasse mich dort von der lokalen Küche inspirieren“, erzählt sie. Resultat der letzten Reise nach Südtirol ist ein Buchweizen-Kuchen – und neue Rezepte, die nebenbei im Kochklub besprochen werden.

Überhaupt sei Kochen, so wie man es beim Kochklub Kühn versteht, eine sehr kommunikative Angelegenheit, findet Horst Hochmayr. „Ich bin sonst gar nicht esoterisch, aber dieser Raum lädt irgendwie dazu ein, hier fließt sehr viel Energie.“

Das findet auch Carolina Borges, die eigentlich Dolmetscherin ist und in einer Galerie arbeitet. Die Brasilianerin mit den langen, dunklen Locken und dem roten Kleid ist seit einem halben Jahr mit von der Partie – und schon Präsidentin. Dabei wollte sie ursprünglich nur ihren Teil zur Völkerverständigung beitragen und der in Wien ansonsten praktisch nicht existenten Küche ihrer Heimat zu etwas mehr Bekanntheit verhelfen. „Mir sind Feste sehr wichtig“, sagt Borges. „Und nachdem ich die Fünf-Jahres-Feier organisiert habe, war ich plötzlich Präsidentin. Anscheinend hatten alle Spaß.“

Sozialabgabe an Vinzirast

Die Köche vom Kuhnplatz, zumeist zwischen 30 und 40 Jahre alt, wären keine echten Bobos (Bourgeois Bohemiens), würde all dem Spaß nicht auch eine karitative Seele innewohnen. Zehn Prozent der Einnahmen gehen als „Sozialabgabe“ an die Wiener Hilfsorganisation VinziRast, damit fabriziert der Kochklub alle zwei Wochen ein Festessen für die Obdachlosen. So sollen alle was von dem kulinarischen Eifer der wilden Köche vom Kühnplatz haben, für die Kochen kein Selbstzweck ist.

 

 

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