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Juli 2011
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Österreichische Turnsäle entstehen in Niederösterreich – und Langbänke auch. Die Firma „Atmos-Platurn“ baut seit 1848 bewegende Geräte.
Autorin: Michaela Kampl
Dort wo die Straßen keine Namen haben, sondern nur Nummern und LKW großer Supermarktketten über ein farbliches Leitsystem zu ihren Lagerhallen rollen. Dort hinter den Eisenbahnschienen und nach der Schafwiese liegt sie – die Firma, die schon seit mehr als 160 Jahren die Österreicher bewegt. Über Umwege natürlich. Der Umweg kann in diesem Fall ein Barren sein, oder ein Schwebebalken, oder eine Langbank. Im Niederösterreichischen Industriezentrum bei Wiener Neudorf plant die Firma Atmos-Platurn Turnsäle, montiert Wand- und Deckenverkleidung und stattet sie mit den gewünschten Geräten aus. Atmos-Platurn gibt es seit 1848. Die Eigentumsverhältnisse haben seither mehrmals gewechselt. Drei Generationen lang war die „Erste Österreichische Turn- und Sportgerätefabrik“ im Besitz der Familie Plaschkowitz. Weil aber ein Nachfolger fehlte, musste die Familie Plaschkowitz das Unternehmen 1969 an die Firma Kasper Berg verkaufen.
Zwanzig Jahre später übernahm der heutige Eigentümer Michael Burkheiser den Turngerätehersteller und verlegte 1992 den Firmensitz von der Baumgasse im Dritten Wiener Gemeindebezirk an die Wiener Peripherie. Das Unternehmen war zu diesem Zeitpunkt eine Tochterfirma von Baillou, einer Firma, die mit Holzhandel ihr Geld machte. Mittlerweile gibt es Baillou nicht mehr. Die Tochterfirma Atmos-Platurn hat sich aber gehalten. Am Standort in Wiener Neudorf arbeiten insgesamt 42 Personen – davon 14 im Büro, 23 in der Produktion, und fünf sorgen dafür, dass die Turnsäle österreichweit auch aufgestellt werden. Der Bindestrich im Firmennamen, also zwischen Atmos und Platurn, soll auf zwei unterschiedliche Firmenschwerpunkte hinweisen: Atmos nennt sich die Abteilung, die sich um Wand- und Deckenverkleidungen kümmert. Das müssen nicht unbedingt nur Turnsäle sein, auch andere Räume mit speziellen Anforderungen an die Akustik, wie zum Beispiel Konferenzzimmer, Hörsäle oder Tonstudios können bei Atmos in Auftrag gegeben werden. Platurn hingegen kümmert sich um alles, was in einen Turnsaal enthalten sein soll. Die jeweiligen Turngeräte werden in der firmeneigenen Tischlerei, Schlosserei, Lackiererei und Sattlerei hergestellt. Die Trennung zwischen den beiden Bereichen ist allerdings eher eine theoretische, sagt Burkheiser. Im Betriebsalltag sind Atmos und Platurn eng verzahnt.
Und wer kauft Turnsäle ein? „Sehr vieles kommt von der öffentlichen Hand – also Schulen, Gemeinden, Magistrate und auch die Bundesimmobiliengesellschaft“, sagt Constantin Burkheiser, der derzeit noch für die Abteilungen Personal und Recht zuständig ist, aber mittelfristig den Familienbetrieb übernehmen wird. Dann wird er seinem Vater als Eigentümer und als einer von zwei Geschäftsführern nachfolgen. Der 34-Jährige im schwarzen Poloshirt mit eingesticktem Firmenlogo sitzt im fensterlosen, holzverkleideten Besprechungszimmer, während er das Unternehmen vorstellt. Burkheiser ist studierter Jurist und erst seit eineinhalb Jahren wieder im Unternehmen. Zuvor hat er unter anderem in einer Kanzlei gearbeitet. Dann war es an der Zeit, die Nachfolge zu klären, und Burkheiser hat sich entschieden, ins Familienunternehmen einzusteigen.
Turnsäle sollen nicht nur die Gesundheit ihrer Benutzer fördern, sondern müssen auch deren Sicherheit gewährleisten. Dem Spielraum bei der Planung und Ausstattung sind enge gesetzliche Grenzen gesetzt: Alle Turngeräte, Wandverkleidungen und Bodenbeläge müssen den Kriterien der Ö-Norm entsprechen. Die Ö-Norm dient dabei auch als Schutz vor ausländische Konkurrenten. Nur wer diese Vorgaben erfüllt, darf in Österreich Turnsäle bauen. Atmos-Platurn ist auch in jenem Ausschuss vertreten, der die Ö-Normen in ihrem Bereich festlegt. Burkheiser: „Das ist eben eine Nische – von der hat kaum einer Ahnung. Selbst von den Architekten haben nur wenige jemals zuvor einen Turnsaal geplant.“Nach dem Zuschlag bei einer Ausschreibung, der Vorbereitung und Planung mit den Architekten geht es an die Umsetzung. Vom Beginn der Montagearbeiten, bis die ersten Übungen an der Sprossenleiter stattfinden können, dauert es ungefähr drei Monate, schätzt Burkheiser. Ein Turnsaal kostet je nach Ausstattung und Größe 150.000 bis 200.000 Euro. Mit bis zu 30 Turnsälen ist Atmos-Platurn im Jahr beschäftigt – rund die Hälfte der Projekte sind Neubauten, der Rest Sanierungen von bestehenden Sälen. Der durchschnittliche Umsatz von Atmos-Platurn liegt bei fünf Millionen Euro im Jahr.
Wie der Turnsaal aussehen soll, legt im Prinzip der Architekt des jeweiligen Bauherrn fest. Der Spielraum ist allerdings gering. Bei Schulen sind bereits die Stückzahlen der einzubauenden Geräte vorgegeben. Nur bei Details wie Material und Farbe des Bodens gibt es hier Platz für Kreativität. Allerdings: Wenn ein Turnsaal spezielle Anforderungen erfüllen muss – beispielsweise Heimstätte einer Basketballmannschaft sein soll – können bestimmte Elemente variabel eingesetzt werden. Ob alle Wünsche umsetzbar, sicher und gesetzeskonform sind – dabei berät Atmos-Platurn seine Kunden. Sicher, die Wandverkleidungen und der Boden können aus hellem oder dunklem Holz sein, die Sprossenwände breit oder schmal – aber ein Kasten bleibt ein Kasten. Produktdesign – ansonsten oft ein sehr wandelbares Element – spielt bei Turngeräten kaum eine Rolle. „Nur wirkliche Experten können an der Verarbeitung einzelner Elemente erkennen, ob dieser oder jener Kasten aus den 1970er Jahren kommt oder dieses Jahr hergestellt wurde“, sagt Burkheiser. Dennoch: Ganz bleibt die Zeit auch in Turnsälen nicht stehen. Bei Atmos-Platurn arbeitet man an einem neuen Gerät, das die Slackline – jenen Gurt, der in Parks oft zwischen zwei Bäumen gespannt wird, um darauf zu balancieren – in die Turnsäle bringen soll. Noch ist die Neuheit im Versuchsstadium. Aber wer weiß, vielleicht wird die Slackline der Schwebebalken des neuen Jahrhunderts.