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SILVER 28

Juli 2011

Inhalt der Ausgabe

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Was ist eine Nachrichtensendung?

"Schätzen Sie mal, wie alt ist der durchschnittliche Zuseher der ‚Zeit im Bild‘?“ Wir stellen diese Frage gerne im Mediencoaching, weil sie Vermutung und Realität in der Fernsehlandschaft wunderbar durcheinanderwirbelt. Meistens liegen die Schätzungen irgendwo in den 40ern. Die Realität? 61 Jahre, Tendenz steigend. Zwei Drittel des Publikums der Hauptnachrichtensendung sind über 60. Oder andersherum: Die Teenager, die sich die „Zeit im Bild“ geben, können Gross, Veit und Co demnächst einzeln begrüßen. Das ist kein besonderes Problem der ORF-Nachrichten, sondern stellt sich für Öffentlich-Rechtliche in ganz Europa. Fernsehen wird immer stärker zu einem „alten“ Medium. Dennoch steht es weiterhin im Zentrum, sobald eine große Krise ausbricht – auch für die Jungen. Es bildet weiterhin Meinungen, ist immer noch die wichtigste Arena für Politik und Demokratie.
Armin Wolf hat sich in seiner hochinteressanten Master Thesis damit auseinandergesetzt, wie Fernsehstationen mit diesen Herausforderungen umgehen und umgehen könnten: Er zeigt zum Beispiel, wie wichtig das Programmumfeld einer Nachrichtensendung dafür ist, ob junge Menschen dran bleiben oder nicht. Die erwischen die Nachrichten nur nebenbei und zufällig, anstatt sie als tägliches Ritual zu einer fixen Zeit zu konsumieren. Dreiminütige Häppchen zwischen „Grey’s Anatomy“ und „Private Practice“ reichen schon wieder. Was abstößt, ist das sachlich-neutral vorgetragene Hin und Her von Skandal und weißer Weste, von Vorschlag und Abfuhr, von Rede und Gegenrede in einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung.
Da kommt die Stilfrage ins Spiel: Wie weit lehnt sich eine Nachrichtensendung aus dem Fenster? Wie wichtig ist die Geschichte, wie wichtig die Erzählung? Im englischsprachigen Fernsehen, auch in der öffentlich-rechtlichen BBC, sind Journalisten viel stärker Teil der Geschichten als bei uns. Dortige Reporter nehmen dich mit auf eine „Reise“: Sie erzählen in die Kamera, dynamisch, in der Bewegung – und nicht bloß als „Aufsager“, wie die statischen Reporter-Auftritte bei uns heißen. Bei einer Auslandsreportage verkostet ein typischer englischsprachiger Reporter zuerst die lokalen Früchte am Markt und führt noch im Kauen in das politische Geschehen im Land ein. Im deutschsprachigen Fernsehen sind diese Formate interessanterweise völlig unterentwickelt.
Wenn es um Verständnis für politische Themen geht, kann man Information sogar noch viel breiter sehen: Schließlich vermitteln auch klar fiktive Formate wichtige
Einblicke. Wahrscheinlich hat die „Lindenstraße“ mehr Verständnis für gesellschaftliche Randgruppen produziert als alle Nachrichtenbeiträge über sozialwissenschaftliche Studien zusammengenommen.
Oder die in den letzten Jahren gut durchdiskutierte amerikanische „Daily Show“: Zuschauer von News-Comedy-Sendungen wussten 2008 besser über die Wahlkampagnen Bescheid als die reinen Nachrichtenkonsumenten.
Das Publikum der klassischen Formate wird weiter älter werden, da ist keine Trendumkehr in Sicht. Aber um die zumindest oberf lächlich interessierten jungen Menschen an Bord zu halten, werden sich Fernsehmacher in den nächsten Jahren viele neue Formate trauen müssen.

 

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