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SILVER 28

Juli 2011

Inhalt der Ausgabe

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Eine endlose Sehnsucht

Menschen sind Wasserwesen. Sie kommen aus dem Wasser und gehen gern ins Wasser, sagt der österreichische Apnoetaucher Mario Rott. Der Freitaucher im Gespräch über Faszination, Möglichkeiten und Gefahren, ohne Pressluftflasche in die Tiefe des Meeres hinabzugleiten.


Das Freitauchen hat viele Facetten: Wettkampf, Rekordjagd, Sport. Ist es auch ein Spiel mit dem Leben?

Nein, absolut nicht. Apnoetauchen bedingt ein sehr langes, intensives Training und Lernen. Würde ich im Wasser Dinge tun, die ich nicht kann, wäre das so, wie wenn ich versuchen würde, Seiltänzer zu sein, ohne jemals auf einem Seil gestanden zu haben.


Das heißt, wenn man das Know-how einmal hat, dann ...

... dann kann man sich langsam steigern – immer tiefer, immer länger tauchen. Allerdings immer nur in kleinen Schritten.


Kann jeder das Apnoetauchen erlernen?

Im Prinzip ja, weil Menschen eine große Affinität zum Wasser haben. Grundvoraussetzung ist natürlich körperliche Fitness, man sollte keine Organschäden haben und motorisch nicht eingeschränkt sein.


Und woher kommt diese Affinität zum Wasser?

Menschen sind Wasserwesen, sie haben eine aquatische Vergangenheit. Je nach Bedingung am Planeten sind die Säugetiere ja immer wieder aus dem Trockenen ins Wasser bzw. aus dem Wasser ins Trockene zurückgekehrt. Wir Apnoetaucher bzw. unsere Körper können diese Erinnerung wieder abrufen: indem sich unsere Körper an das Leben im Wasser adaptieren, und indem wir uns einem Status annähern, den wir schon einmal gehabt haben.


Welche Erinnerungen sind das?

Babys zum Beispiel sind im Wasser meistens quicklebendig, sie haben keine Angst vor dem Ertrinken. Außerdem würden sie im Wasser gar kein Wasser schlucken können, da sich ihr Kehldeckel automatisch schließt. Oder wenn ein Teil des Gesichtes mit kaltem Wasser in Berührung kommt, verlangsamt sich der Pulsschlag. Das passiert automatisch, nur weiß es niemand mehr. Es gibt viele Adaptionen des Körpers im Wasser, die man wieder abrufen kann.


Wie lange braucht man, bis man Freitauchen kann?

Das ist natürlich verschieden. Die Grundzüge des Freitauchens und die Atemtechnik kann man prinzipiell in einer Woche erlernen. Danach muss man sehr viel trainieren. Und es kommt auch immer darauf an, wie geschickt man ist. Im Durchschnitt dauert es eine Woche, bis man die 45 bis 75 Sekunden, die Nicht-Freitaucher die Luft anhalten können, verdoppelt –allein durch die Atemtechnik, die man lernt.


Wie atmet man als Freitaucher richtig?

Man hat lange nach der richtigen Technik gesucht. Mittlerweile weiß man, dass eine Vollatmung wie beim Pranayama-Yoga vor dem Tauchgang zielführend ist. Denn dabei wird die ganze Lunge mit Luft gefüllt. So ist sichergestellt, dass sich möglichst viel Sauerstoff im Körper ausbreitet.


Das heißt, man atmet unter Wasser nicht aus?

Genau. Man behält die Luft in der Lunge, weil sie dort benötigt wird: nur so kann der Sauerstoff ins Blut gelangen. Knapp vor dem Auftauchen kann man dann wieder ausatmen.


Sind gesundheitliche Schäden durch das Apnoetauchen möglich?

Wenn man sich an alle Regeln und Techniken hält, wenn man alles so macht, wie es sein soll, dann fügt man sich keinen Schaden zu. Außerdem taucht man nie alleine. Es ist immer jemand da, der einem helfen kann.


Druckausgleich, Tauch- und Atemtechnik: Man muss beim Freitauchen vieles beachten. Wie kann man es überhaupt genießen?

Man sollte so entspannt wie möglich sein, sonst bringt es nichts. Viele Anfänger haben neben dem Druckausgleich oft auch ordentlich damit zu tun, um überhaupt fünf, sechs Meter runter zu kommen. Das ist für viele natürlich sehr stressig. Daher ist mentales Training sehr wichtig, viel wichtiger sogar als das körperliche.


Welche Rolle spielen technische Hilfsmittel?

Das kommt auf die Disziplin an. Am populärsten ist die „No limit“-Disziplin, bei der der Taucher mit einem Schlitten hinunterfährt und mit einem Auftriebskörper, das kann ein Ballon oder ein Propeller sein, wieder hochfährt. Die purste Form des Apnoetauchens kommt hingegen ganz ohne technische Hilfsmittel aus: man braucht nur einen Bleigurt, wenn man mit einem Tauchanzug unterwegs ist, und Flossen.


Wo kann man überhaupt tauchen?

Im Süß- wie im Salzwasser. Der Unterschied ist, dass der Auftrieb im Salzwasser ein anderer ist und dass es dort in der Regel wärmer ist.


Und wie sind Sie zum Apnoetauchen gekommen?

Über das Gerätetauchen im Roten Meer. Dort machte ich vor acht Jahren bei der italienischen Freitaucherin Linda Paganelli einen Apnoe-Kurs. Und ab dem Zeitpunkt war ich „gehooked“, das Freitauchen hat mich seither nicht mehr losgelassen. Es ist eine endlose Sehnsucht.


Was gefällt Ihnen so gut daran?

Die Möglichkeit, sich selbst zu erleben. Das Apnoetauchen ist eine sehr introspektive Angelegenheit. In der Tiefe gibt es keine Ablenkung. Dort herrscht die größtmöglichste Stille, die man sich vorstellen kann. Und diese Stille ermöglicht einem, in sich selbst hineinzuschauen. Am Anfang traut man sich die Tiefe nicht zu. Doch weil man Spaß daran hat, macht man weiter und will das Freitauchen auch zur Perfektion bringen. Und dann lässt es einen nicht mehr los. Weil die Dinge dann plötzlich auch ganz leicht werden.


Zur Person: Mario Rott, geboren 1961 in Lienz/Osttirol, lebt als freischaffender Künstler und Apnoe-Instruktor in Wien.


Website: www.apnoe-professional.at


 

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