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SILVER 29

Oktober 2011

Inhalt der Ausgabe

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Wo der Kunstrasen blüht, wächst kein Gras mehr

Wenn Bürgerinitiativen erfunden sind, oder nur mit finanzieller Unterstützung von Politik und Industrie überleben, dann nennt man das Astroturfing. Oder eine Lüge.

 

Autorin: Michaela Kampl

 

„Ein Junge aus Texas kennt den Unterschied zwischen Graswurzeln und Kunstrasen – das hier ist künstlich erzeugte Post.“ Den Spruch soll der demokratische Senator Lloyd Bentsen 1985 getätigt haben, als er einen Haufen Postkarten von angeblich besorgten Wählern in seinem Büro sah. Bentsen zweifelte an den tatsächlichen Absichten der Absender und unterstellte den Schreibenden, im Sold einer Firma oder Interessengruppe zu stehen, die sich den Anschein geben will, eine Bürgerbewegung – eine Grass-Roots-Bewegung – zu sein. Tatsächlich aber nicht mehr ist als eine PR-Firma, die versucht, die Interessen ihrer Klienten durchzusetzen. Bentsen nannte diese Form von versuchter Politikbeeinflussung Astroturf – in Anlehnung an eine beliebte Kunstrasenmarke in den USA – und hat damit einem Phänomen einen Namen gegeben.

Astroturfing ist allerdings keine Erfindung der 1980er Jahre. Die Methode, angeblichen Bürgerwillen zur Durchsetzung bestimmter Ziele zu missbrauchen, findet sich schon in Shakespeares „Julius Caesar“: Brutus soll durch von Cassius gefälschte Briefe römischer Bürger überzeugt werden, die Verschwörer bei der Ermordung Caesars zu unterstützen. Gefälschte Leserbriefe sind überhaupt ein beliebtes Mittel zur Interessendurchsetzung: US-Präsident Richard Nixon 1972 ließ im Wahlkampf Beamte im Weißen Haus Leserbriefe an diverse Zeitungen schreiben, die den Eindruck erwecken sollten, die Wähler würden Nixons Politik gut heißen. Nicht nur Politiker, auch Unternehmen schätzen den Einfluss vorgeblicher Bürgerbewegungen: Die National Smoker’s Alliance (NSA) wurde in den 1990er Jahren von der US-Tabakindustrie aus dem Boden gestampft und sollte sich gegen die Beschränkungen von Tabakwaren einsetzen. Als aktuellstes Beispiel für Astroturfing wird immer wieder auch die Tea-Party-Bewegung in den USA genannt – eine steuer- und staatsfeindliche, erzkonservative Strömung innerhalb der Republikanischen Partei, die sich als Bürgerbewegung darstellt und darin auch einen Vorzug gegenüber klassischen Parteistrukturen sieht. Finanziers und Ideengeber der Tea Party sind allerdings unter anderem die Koch-Brüder, die Besitzer von Koch-Industries – dem zweitgrößten privaten Unternehmen in den USA.


ENTSTEHEN EINES MACHTUNGLEICHGEWICHTS


Astroturfing ist ein bewährtes Mittel, um Interessen durchzusetzen – angewandt von Politikern, Firmen, Interessenvertretungen. Die Abgrenzung, ab wann Bürgerbewegungen nicht mehr authentisch, sondern von anderen Interessen gesteuert werden, ist freilich fließend. Ist es verwerflich, wenn ein Konzern auf der Suche nach Verbündeten entdeckt, dass eine schon vorhandene Bürgerbewegung ähnliche Interessen hat und diese dann bei der Finanzierung von Flugblättern oder ihrer Website unterstützt? Jacob Fricke vom in Köln ansässigen Verein LobbyControl meint dazu: „Problematisch wird es, wenn die Durchsetzung von Interessen an finanzielle Mittel gekoppelt ist – dann entsteht ein Machtungleichgewicht.“

Zu Leserbriefaktionen haben sich seit einigen Jahren auch soziale Netzwerke wie Facebook als gute Vehikel angeblichen Bürgerengagements herausgestellt: Fan-Gruppen mit einem bestimmten Anliegen lassen sich mit wenig Aufwand erstellen – und deren Echtheit ist schwer zu überprüfen. Fricke zu den Möglichkeiten von Astroturfing im Netz: „Neue Medien fördern auf der einen Seite Astroturfing, weil sich diese Aktionen billiger und einfacher umsetzen lassen. Wenn dabei aber Fehler gemacht werden, sind diese im Internet leichter zu recherchieren.“ Eine Erklärung, warum Politiker und Firmen überhaupt seit Jahrzehnten auf falsche Grass-Roots-Bewegungen als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen setzen, liefert die Studie der Congressional Management Foundation (CMF), einer US-amerikanischen NGO, die sich seit 1977 um die Verbesserung der Kommunikation zwischen Kongress und Wählern bemüht. Für die CMF-Studie aus dem Jahr 2010 wurden 250 Kongress-Mitarbeiter gefragt, über welche Kanäle sie mit den Wählern kommunizieren und wie sich Wähler am erfolgreichsten Gehör bei ihren Abgeordneten verschaffen können. Eines der Ergebnisse: Am ehesten lassen sich Politiker von ihrer Meinung mit persönlichen Besuchen von Wählern abbringen. Dicht gefolgt von individuellen Briefen, E-Mails oder Anrufen. Zusammengefasst: Je persönlicher und direkter der Kontakt zwischen den Wählern und dem Abgeordneten ist, desto eher besteht die Chance auf Beeinflussung. Wenn die Basis murrt, hören also auch Politiker zu.


FAKES FUNKTIONIEREN NICHT


So einflussreich persönliche Meinungen sein können – egal ob via Mail, Brief oder persönlichem Gespräch geäußert, so schwindend ist laut der CMF-Studie der Einfluss vorgefertigter Mail- oder Briefkampagnen. 53 Prozent der Kongress-Mitarbeiter denken, dass solche Massennachrichten ohne die Zustimmung der Wähler versandt worden sind. Auch die Politik erkennt, dass Kunstrasen anders riecht. „Fakes funktionieren nicht, weil sie nicht von echter Emotion leben“, sagt Michaela Mojzis-Böhm, die sich als Kommunikationsberaterin mit Mobilisierungsthematik von der Unternehmensseite her beschäftigt. Corporate Grassroots ist eine Mobilisierungsstrategie, deren Ziel es ist, Unterstützer für die Anliegen eines Unternehmens zu begeistern. Ziel ist es, wirkliche Fans zu finden, die das Vorhaben des Unternehmens teilen. Der Unterschied zu Astroturfing besteht laut Mojzis-Böhm darin, dass dabei nichts gefälscht ist. „Wahre Liebe ist nicht käuflich“, versucht sie es griffig auf den Punkt zu bringen. „Die Leute lassen sich nicht instrumentalisieren – sie haben dafür ein feines Sensorium“

Dass Unternehmen es dennoch immer wieder versuchen, zeigt der australische Filmemacher Taki Oldham in „(Astro)turf wars. How Corporate America is faking a grassroots revolution.“ Oldham hat sich für die Dokumentation aus dem Jahr 2010 mit so genannten Grass-Roots-Bewegungen in den USA auseinandergesetzt: mit den Widersachern von Obamas Gesundheitsreform, der Tea-Party-Bewegung, den Leugnern des Klimawandels oder dem Free Market Movement. Oldhams ernüchterndes Ergebnis: Die angeblich allein von Bürgerinteressen geleiteten Vereine sind meist von Unternehmen finanziert, die über Umwege den unterschiedlichen Bewegungen Milliarden US-Dollar zukommen lassen und so versuchen, ihre jeweilige Agenda politisch durchzusetzen. Die Tea Party und deren Finanziers sind mit dieser Strategie derzeit sehr erfolgreich: Bei den US-Kongresswahlen im vergangenen Herbst drängten zahlreiche ihrer Kandidaten gemäßigtere Republikaner aus dem Senat und Repräsentantenhaus.

 

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