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SILVER 29

Oktober 2011

Inhalt der Ausgabe

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Nym Wars

Seit etwa einem Jahr liegt in meinem Facebook-Account die Freundschaftsanfrage einer gewissen Daniela K. herum: Angeblich hätte sie gesehen, dass ich mich für klassische Musik interessiere. Mittlerweile hat sie 800 Freunde, die ihr jedes Jahr zum Geburtstag gratulieren („Wir kennen uns zwar nicht, aber alles Gute!“). Sie wurde auf Fotos getaggt, obwohl ihr Profilfoto ganz anders aussieht. Google kennt sie nicht. Die Frau ist wohl fake.

Doch solange sich niemand über das geklaute Foto beschwert, wäre Daniela K. kein Problem für die „Real Name Policy“ von „Google+“. Damit sind wir beim Thema das vergangenen Sommers: In seinem neuen Social Network erlaubt Google nur echte Namen. Keine Pseudonyme, keine Künstlernamen, keine Spitznamen. Diese Regel hat eine lebhafte Diskussion über echte und falsche Namen im Netz ausgelöst. Eine Debatte, die wunderbar zum Heftthema passt: Was ist besser für den politischen Diskurs? Wenn alle ihren richtigen Namen verwenden? Oder wenn man sich hinter einem Nickname verstecken kann?

Die Anhänger der althergebrachten Podiumsdiskussion sagen: Man steht auf, man stellt sich vor, und man spricht. Selbst dann sitzen genug Störenfriede im Publikum, die politische Diskussionen mühsam und langatmig machen. Würden alle auch noch Masken tragen, wäre das Niveau im Keller. Die Online-Variante dieses Arguments kann täglich in den Foren großer Onlinemedien nachgelesen werden: Kein Vorurteil bleibt unausgesprochen, kein Ressentiment unbedient. Oder, wie mein früherer Chef sagte: Wer solche Foren liest, versteht, wie es zum Faschismus kam.

Auf der anderen Seite stehen unzählige Gruppen, die aus gutem Grund ihre Identität nicht preisgeben wollen: ungeoutete Homosexuelle, die für Homosexuellenrechte eintreten. Ägyptische Regimegegner, die Angst um ihre Familien haben. Schwangere Frauen, die ihre Schwangerschaft noch nicht bekannt gegeben haben. Drogenkonsum, Schutz von Kindern oder die private Neigung, sich als Hobbit zu verkleiden – die Liste von Themen, die ohne Anonymität gar nicht diskutiert werden können, ist lang. Nicht zuletzt stellt sich die Frage in einem Land, das bis vor kurzem in Rot und Schwarz aufgeteilt war: Stehen Sie zu allen Ihren politischen Ansichten, vor der ganzen Welt und Ihrem jetzigen und allen zukünftigen Arbeitgebern?

Es braucht beides nebeneinander: Für einen sinnvollen, zugespitzten politischen Diskurs sind Namen und Positionen entscheidend, und Anonymität ist die Ausnahme. Dagegen existieren Online-Foren genau wegen des Schutzes, den die Anonymität bietet.

Bezeichnenderweise geht die Diskussion vom Betreiber eines Social Network aus: Für den wäre es ein Klacks, per Algorithmus die Daniela K.s zu enttarnen und als Trolle zu entschärfen. Aber es geht wohl nicht um die Qualität der Diskussionen, sondern um die Qualität der Daten.


Stefan Pollach ist Kommunikationsberater bei media consult in Wien



 

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