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Oktober 2011
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Allerorts wird geliked, getwittert, geflickrt und gebloggt. Aber wie stehen Österreichs Parteien dazu? Eine Aktivitätsanalyse mit überraschenden Ergebnissen. Es scheint, als wäre das Social Web fest in der Hand der Opposition.
Autor: Michael Schuster
Es war ein schöner Sonntag, für den 4. September überraschend warm, ein Versöhnungsangebot des durchwachsenen Sommers. Auch HC Strache dürfte diesen Tag genossen haben und schrieb sichtlich erfreut an seine Facebook-Fans: „31 Grad – ein herrlicher Sonnen- und Sonntag!!! Ich hoffe, ihr genießt den Sommertag im September :-)“. So weit, so belanglos, hätte dieser Beitrag nicht innerhalb von 2 Tagen 1.034 „Likes“ erhalten und wäre er nicht 120-fach kommentiert worden. Für Strache keine Überraschung, klickten doch beim zuvor geposteten Beitrag, der sich mit Zuwanderung und der Frage, welche „Gastarbeiter“ und „Zuwanderer“ denn nun erwünscht seien, 1.810 Menschen auf „Gefällt mir“, zusätzlich zu 366 Kommentaren. Strache ist unbestritten der erfolgreichste Politiker Österreichs auf Facebook, er zählt über 104.000 „Fans“, und jeder seiner Beiträge wird innerhalb von Stunden von Tausenden gelesen, geliked und kommentiert.
Entgegen der landläufigen Meinung, dass urbane, moderne Parteien mit junger Klientel wie die Grünen moderne Medien, von Facebook bis Twitter, am besten nutzen würden, ist in Österreich die FPÖ klar in Führung, wenn es um die Reichweite und Aktivität in relevanten Nutzergruppen geht. Dabei ist vor allem die hohe Interaktivität und die authentische Nutzung der Social Media Tools durch die FPÖ erstaunlich. Strache offenbart auf seiner Fansite, dass sein Lieblingsfilm „Braveheart“ sei, er „schnelle Rhythmen“ mag und sich seiner Ansicht nach einige SPÖ-Genossen von Helmut Schmidt ein „Scheibchen abschneiden“ könnten. Auch wenn diese Offenbarung gezielt gewählt ist, erfüllt sie ihren Zweck: Social Media orientiert sich an Personen, deren Lebenswelt und Einstellung stehen im Vordergrund, man möchte am Leben anderer teilhaben können. Strache beherrscht diese Teilhabe und hat, ganz nebenbei, ein solides Netzwerk an Online-Zielgruppen-Medien aufgebaut. Die Website hc-strache.at kümmert sich in starker Anlehnung an die Kampagne von Barack Obama um Gefühl und Image, die Parteiwebsite liefert klassische Parteiinformationen, und Martin Graf, dritter Nationalratspräsident, kümmert sich mit unzensuriert.at um eine wohldefinierte Klientel. Gerade diese Aufgabenteilung und die konsequente Ausrichtung an der Zielgruppe, kombiniert mit einem tiefen Verständnis für die Wirkmechanismen dieser Medien, machen den Unterschied.
Bei den Grünen wirkt das Social-Media-Karussell wie ein gut eingespieltes, geöltes Uhrwerk, dessen nervöses Ticken manchmal nervt, aber im Grunde eine solide Basis des politischen Österreich in Social-Media-Kanälen darstellt. Unter den Top 200 der österreichischen Twitterati, jener Mischung aus Journalistinnen, Journalisten und Web-Beratern, die den sonst in Österreich eher marginalen Dienst bevölkern, finden sich nur 12 PolitikerInnen, davon alleine acht Grüne Mandatarinnen bzw. Mandatare. Christoph Chorherr hält sich dabei beharrlich unter den Top 10, gemessen an der Anzahl der Follower (Abonnenten), die sich stetig steigert und mittlerweile über 3.300 liegt. Wann immer der Wiener Gemeinderat Chorherr also über Energiewende, den Radfahrbeauftragten oder Betrachtungen zur Innenpolitik twittert, finden rund 3.300 Menschen seine Gedanken in ihrem Twitter-Stream. Dass diese Kommunikation ihre Wirkung nicht verfehlt, zeigen die Diskussionen und Weiterverbreitungen (Retweets), die daraus entstehen. Doch nicht nur Christoph Chorherr hat sich mittlerweile zum Celebrity auf Twitter entwickelt, auch Michel Reimon (burgenländischer Landtagsabgeordneter, 5.000 Follower) und Klaus Werner-Lobo (Wiener Gemeinderat, 2.200 Follower) wissen um den Nutzen von Twitter als Kommunikationswerkzeug. Die Grünen sind sonst eher Freunde der Schriftlichkeit, mit dem Hang zu längeren Beiträgen, Hintergründen und ausformulierten Ideen, weshalb viele der Mandatarinnen und Mandatare Weblogs als Ausdrucksform nutzen. Sei es das Tagebuch von Peter Pilz, das schon so manche innenpolitische Erschütterung verursachte, oder seien es die Betrachtungen des Nationalratsabgeordneten Albert Steinhauser – eine Vielzahl von Grünen setzt auf Blogs. Auf Facebook sind die Grünen eine dezente Randerscheinung, weder Parteichefin Eva Glawischnig (1.600 Fans), Wiens grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (5.400 Fans), Peter Pilz (2.000 Fans) oder die jeweiligen Parteisites (Bundesgrüne: 4.800 Fans, Wiener Grüne: 2.600 Fans) können hohe Aktivität oder Reichweite nachweisen.
Doch damit sind die Grünen keineswegs alleine. Es scheint, als hätten es gerade die beiden Großparteien am schwersten, die neuen Medienmechanismen zu beherrschen. Das beginnt schon bei den offiziellen Websites von SPÖ und ÖVP, die trotz sichtbarer Investitionen immer so wirken, als wären keine Experten am Werk gewesen. Das Gegenteil von gut ist in diesem Fall leider oftmals gut gemeint. Demonstrative Modernität soll Frische vermitteln, wirkt aber im besten Fall bemüht, das Webdesign hinkt Jahre hinterher (SPÖ) oder ist auffällig von anderen Websites bekannt (ÖVP). Längst sind Bemühungen zur echten Öffnung der beiden Parteien mit Hilfe des Sozialen Web versandet (ÖVP-Blogs, SPÖ-RedBlogs/Campa) oder vergessen (z. B. Josef Prölls Videopodcast), die Interaktionen auf den bestehenden Plattformen lassen sich abzählen, echte Öffnung ist nicht zu spüren. Es entsteht unweigerlich der Eindruck, als wären alte Muster in neue Medien überführt worden: statt OTS-Meldungen wird nun über Twitter im Minutentakt veröffentlicht, im schlimmsten Fall enthält der Tweet nur den Link zur OTS-Meldung. Blogs müssen als moderne Versionen von Parteizeitungen herhalten, sind mit Sinnsprüchen und Darstellungen des Erreichten gefüllt. Einzig hoffnungsfrohe Jungpolitikerinnen und -politiker scheinen einen echten Anspruch zu haben, auch wenn ÖVP-Staatssekretär Sebastian Kurz auf Twitter eher eine 140-Zeichen-Version seines Terminkalenders liefert als zu echtem Diskurs auffordert.
Die inoffizielle Fansite von Werner Faymann auf Facebook (1.800 Fans) wird wohl bald der Vergangenheit angehören, spätestens wenn Angelika Feigl, ehemals Sprecherin des Kanzlers, am Nationalfeiertag als Social-Media-Beauftragte des Bundeskanzlers den Schalter für eine Fülle von Anwendungen umlegen darf, die den Kanzler ins Web 2.0 katapultieren sollen. Leo Szemeliker (Pressesprecher des Bundeskanzlers, 1.300 Follower) hat schon bisher, sehr erfolgreich, den Versuch unternommen, Faymann und seine Tätigkeit auf Twitter entsprechend zu verbreiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ÖVP nachzieht und ihrerseits einen Social-Media-Beauftragten benennt, gerade in diesen Tagen bestünde erhöhter Kommunikationsbedarf. Dem Vernehmen nach haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ÖVP schon ohne Telekom genug mit der Administration der offiziellen Facebook-Site zu tun. Offenheit hat eben auch ihre negativen Folgen. Über Folgen des Social-Media-Einsatzes müssen sich auch andere Gedanken machen: HC Strache erfuhr als erster österreichischer Politiker die Grenzen von Facebook: nach 5.000 Freunden ist bei einem gewöhnlichen Profil Schluss, dann bleibt nur noch die Fansite als Ausweg. Seine ehemaligen Parteifreunde vom BZÖ wären über diese Grenzerfahrung wohl froh.
Links:
www.facebook.com/pages/Werner-Faymann/194344092844
www.facebook.com/pages/Michael-Spindelegger/212828355410191
Der Markt:
44 % der 14–49-Jährigen nutzen Social Networks, 97 % davon Facebook
11 % lesen oder schreiben auf Twitter
5 % nutzen Flickr
Die Tools:
YouTube – hauptsächlich passiv genutzt, ist es ein starkes Medium zur Verbreitung politischer Inhalte, z.B. Christoph & Lollos „Karl-Heinz“, Erwin Prölls „wahres Gesicht“ oder „Das Leben des Brian“ mit HC Strache
Facebook – interne Vernetzung in relevanten Zielgruppen, HC Strache und die FPÖ zeigen, wie das funktioniert
Twitter – Medium für Informationsjunkies wie Journalisten und Social Web Berater, wertvoller Kanal zur Analyse des Meinungsspektrums
Blogs – stark schriftliche Meinungsmedien, die Hintergründe vermitteln. Die Grünen haben hier den authentischsten Ansatz gefunden.
Der Autor:
MMag. Michael Schuster ist Unternehmer in Wien, er beobachtet und begleitet seit einem Jahrzehnt das politische Österreich bei zaghaften Gehversuchen in neuen Medien.