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SILVER 3

April 2005

Inhalt der Ausgabe


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Überblick behalten

Nicht nur beim oft illegalen Treiben in den Musik-Tauschbörsen sind persönliche Compilations der letzte Schrei, die individuelle Zusammenstellung von CDs wurde inzwischen auch als Geschäftsidee entdeckt.
www.streetforward.com 

Jetzt wird customized

MIT BESSEREN WEGWEISERN DURCH DEN MUSIK-DSCHUNGEL KÖNNTEN DIE PLATTENFIRMEN VIELLEICHT AUCH EINEN WEG AUS DER KRISE FINDEN – DOCH DIE VERNETZTEN MUSIK-NERDS WAREN WIEDER MAL SCHNELLER.
Text: Otto Europa

Es ist 2005 – Zeit, die Musikgeschichte ein wenig umzuschreiben. Und das geht so: Eine beliebige Popmusik-Ära der letzten 50 Jahre aussuchen. Möglichst viele, möglichst obskure und möglichst schwer erhältliche Alben dieser Ära zusammentragen – MP3s runterladen ist bevorzugt, aber zum Second- Hand-Vinylladen gehen und seine Fundstücke danach digitalisieren ist auch erlaubt. Dann aus dem inzwischen unübersichtlich großen Pool seine Lieblingssongs rausklauben, in eine Reihenfolge bringen, mit eigenem Artwork versehen – und ab ins Netz damit. Es ist der neueste Trend, vor dem sich die ohnehin schon gedemütigte Musikindustrie fürchten muss: Nach dem Filesharing kommt jetzt die Compilation- Mania. In den letzten Wochen haben gleich mehrere umfassende "virtuelle" Boxsets die Runde durch diverse Tauschbörsen gemacht. Zusammengestellt wurden sie nicht von Plattenfirmen, sondern von Netz-affinen Fans. "The 1981 Box" etwa, von einem 23-jährigen Hobbymusiker zusammengestellt, umfasst auf zehn Playlists mit 21 Stunden Länge 390 Songs aus jenem Jahr, als die 80er noch unschuldig waren. Was anderes muss man aus 1981 nicht gehört haben, meint der Kurator, der seinen Namen lieber nicht laut sagen will – weil er zu Recht juristische Konsequenzen fürchtet. Die Hobby-Kompilierer haben einen Vorteil gegenüber den Plattenfirmen, für die sich pophistorische Compilations, aufwendig gestaltete CD-Sets und Beatles-, Elvis- und Abba-Neuveröffentlichungen am Fließband nach wie vor als gutes Geschäft erweisen: Sie sparen sich die Drecksarbeit. "Diese Songrechte kriegen wir nicht" gibt es nicht. Labelpolitik und die aufwendige Einholung von Lizenzen werden schlicht ignoriert, was zählt, sind der Wunsch, ein "definitives" Dokument einer Ära zu erschaffen – und der persönliche Geschmack. Die Popgeschichte wird quasi customized. Und wenn dem Enduser ein Song nicht gefällt, braucht es nur einen Mausklick, und das MP3 ist draußen aus der Playlist. Die vernetzten Musik- Nerds übernehmen damit einen Job, den viele Industrieexperten eigentlich als Möglichkeit einer Umorientierung der Musikbranche gesehen hatten: Nicht [nur] im Content selbst liegt das Geschäft, sondern in der Filterung und der Vorauswahl. Eigentlich ein logischer Schritt: Wer blickt schon durch im dichten Dschungel aus Genres, Subgenres und Veröffentlichungen aus allen Ecken der Welt, die via Internet schneller um den Globus wandern, als der Industrie lieb ist? Sogar Mini- Szenen wie die Netlabels, die Musik gratis und legal unter der Creative-Commons-Lizenz anbieten, haben schon mit dem Problem der Unübersichtlichkeit zu kämpfen. Dass an einem Tag zehn oder mehr neue Download-Alben auf der Sammelseite Archive.org auftauchen, ist keine Seltenheit. Da kennt sich keiner mehr aus, und sogar die besten unter den Netlabel- Künstler jubeln schon, wenn ihr Download-Counter einmal die Hunderter-Hürde übersteigt.

 

MASSGESCHNEIDERTE CDS

Mangelnde "Benutzerfreundlichkeit" beim herkömmlichen Musikvertrieb ortet auch Herwig Kusatz, und das Lieblingswort des Wieners ist nicht ganz zufällig "customization". Kusatz betreibt den "Musikmarktplatz" streetforward, eine Plattform, die sich ganz dem maßgeschneiderten Musikprodukt verschrieben hat. "Wir bewegen uns in einem Markt von mass customization, wo der einzelne Kunde heute sein Einzelding findet – das war auch die Idee der customized CD", erklärt er sein Konzept. Streetforward-User können sich aus einem umfangreichen Musikpool selbst eine Compilation zusammenstellen, ein CD-Design auswählen und es mit eigenem Text versehen. Die CD ist mit einem Preis von 16,46 Euro [Ohne Mehrwertsteuer und Versandkosten] deutlich teurer als das Massenprodukt aus dem Entertainment-Supermarkt ums Eck, aber eben, argumentiert Kusatz, ein absolutes Einzelstück. Auch soundmäßig setzt streetforward auf Spezialisierung. Kusatz, selbst seit Jahren als DJ aktiv, konzentriert sich auf elektronische Musik "mit einer Prise Jazz". Zu den Labels, die ihre Songs bei streetforward anbieten, zählen die Wiener Elektronikspezialisten fabrique records und temp records. Kusatz: "Die Musik, die du bei uns kriegst, kriegst du sonst nicht in irgendwelchen Tauschbörsen – schon gar nicht in dieser Qualität." "Dass man Hörern die Möglichkeit gibt, sehr schnell das zu finden, was man sucht, wonach man sich sehnt" – dieser Aspekt des Musikvertriebs fehlt dem Start-Up-Unternehmer bei den eingesessenen Majors. Auf streetforward gibt es deshalb neben Kategorien wie Genre und Label auch vier "Stimmungen", nach denen die Songs gesucht und ausgewählt werden können. Eine Reihe großer Musikdienstleister versucht derzeit, mit ähnlichen Konzepten zu punkten. Die Musikdatenbank allmusic.com, die etwa den Musikplayer Winamp und zahlreiche Webshops mit ihren Künstlerbiografien und Reviews beliefert, lässt schon seit einer Weile nach "Gefühlen" suchen. Schließlich soll beim Musikkauf ja nichts schief gehen – wenn nicht jeder Song die Erwartungshaltung erfüllt, hat man einen Kunden mehr an die MP3-Jünger verloren, die sich ihre Libraries noch einfacher "customizen" können. Klar, dass da auch die Kritiker auf den Plan treten: Star- Weblogger Andrew Sullivan etwa, der jüngst in einer "Sunday Times"-Kolumne davor warnte, dass bei all den maßgeschneiderten Playlists und customized CDs gar kein Platz mehr für musikalische Neuentdeckung bleibe, weil jeder eh nur mehr das hört, von dem er vorher schon weiß, dass er es mag. Eine Einschätzung, der man glatt Glauben schenken könnte – würde nicht Sullivans restlicher Bericht aus der iPod- Hochburg Manhattan all zu sehr nach billigem Zombie-Streifen klingen: "Jeder war in seiner eigenen musikalischen Welt, bewegte sich zu seinem Soundtrack, spielte in seinem eigenen Musikvideo mit." So düster sieht Kusatz die schöne neue Audiowelt nicht; seine Kunden haben die Wahl: Sie können ihre custimzed CD von null weg selbst zusammenstellen, auf eine vorgefertigte Playlist zurückgreifen – oder alles dazwischen. Allein von streetforward könne er zwar noch nicht leben, meint Kusatz – aber er blickt positiv in die Zukunft. So hat er sein Geschäft bereits auf Maß-CDs für Businesskunden und auf die Lizenzierung von Musik, etwa für Werbefilme und Präsentationen, ausgeweitet. Und die Privatkunden scheinen das Konzept der individuellen CD auch anzunehmen. Besonders gut, so Kusatz, lief das Geschäft im "Geschenksmonat" Dezember: "Es ist nicht so sexy jemandem ein paar MP3s per FTP zu schicken."

 

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