Zum Inhalt. Zum Hauptmenü. Zum Untermenü.

Domaincheck! Internet-Adressen einrichten und verwalten.
April 2005
SILVER erscheint vierteljährlich auch in gedruckter Form. Bestellen Sie ein kostenloses Abo per E-Mail an:
silver@sil.at
Hinweis: Schreibweise
Der vorliegende Text verwendet im Original durchgängig die männliche und die weibliche Form zusammen ["ArbeiterInnen", "UnternehmerInnen"]. Die Redaktion hat dies im Sinne einer einheitlichen Schreibweise im Magazin geändert.
www.monochrom.at
Frank Apunkt Schneider SCHREIBT IM NAMEN DER KUNSTNEIGUNGSGRUPPE MONOCHROM ÜBER DEN WANDEL DES ARBEITSETHOS IM ZUGE DER NEW ECONOMY.
"New Economy" und "Neoliberalismus" sind gängige Schlagworte, die eigentlich vergleichsweise unspezifisch einen bestimmten Typus von Veränderungen im Arbeitsleben meinen sollen.
Hierzu gehört die Veränderung des gesellschaftlichen Arbeitsbegriffes überhaupt. In den New Economy- Beschäftigungsverhältnissen wird Arbeit einer Neudefinition unterzogen. Der klassische Arbeitsbegriff, also das, was wir heute noch darunter verstehen, stammt aus dem klassischen Kapitalismus, der sich im deutschsprachigen Raum mit einer gewissen Verzögerung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts voll durchgesetzt hat. Nennen wir ihn den Produktionsund Güterkapitalismus, also einen, der gesellschaftlichen Reichtum vornehmlich durch die Produktion und den Verkauf ganz handfester Produkte erzeugt. Der klassische Arbeiter entsteht in und mit der frühkapitalistischen Fabrik. Seine Arbeitsweise ist von dieser Fabrik bestimmt, also sowohl von deren Produktionsabläufen und Strukturen als auch von deren Interessen. In dieser Fabrik verkauft der Arbeiter seine Arbeitskraft. Weil er das tut, tritt er ganz offensichtlich dem Fabrikbesitzer als deren Käufer gegenüber, zumal dieser ja die Arbeitskraft billiger einkaufen muss, als er sie dann weiterverkauft in Form von den Produkten, in die sie eingegangen ist. Dieses Verhältnis konnte immer auch als Gegensatz, als Antagonismus, verstanden werden und wurde genau so auch aufgefasst: Als der Gegensatz von Arbeiter und Kapitalist! Er war für jeden Arbeiter eine [Erfahrungs-]Tatsache, egal, was er sonst von Fabriken, Fabrikbesitzern und vom Kapitalismus halten mochten. Kurz, die Arbeiter definierten und verstanden sich selbst über diesen Unterschied. Die gesamte so genannte "Arbeiterkultur" beruht auf dem Unterschied zur Kultur der Besitzenden. Sie verklärt und verfestigt diesen Unterschied.
DER UNTERNEHMER-ARBEITER
Der Trick der New Economy besteht nun darin, dass die in ihr tätigen Arbeiter plötzlich selbst Unternehmer sein sollen. Was nicht heißt, dass sie das auch wären, da sie ja weiterhin von der Entscheidungsfindungsebene "ihres" Unternehmens zum größten Teil ausgeschlossen bleiben, abgesehen vielleicht von einigen wenigen, aber leicht durchschaubaren Mitarbeiter- Motivations-Mitentscheidungs-Ritualen. Anstatt mitzubestimmen, sind sie jedoch dazu angehalten, mitzugestalten, was schön vage ist und immer noch rechtzeitig zurückgenommen werden kann, falls es dem Eigentümer der Produktionsmittel dann doch nicht so zusagt. Sie sollen weiterhin Teil des Betriebssystems in einem weit ausgreifenderen Sinne sein, als dies die klassischen Arbeiter je gewesen waren. Was heißt: Der postmoderne Unternehmer lagert Aspekte seiner Tätigkeit auf die postmodernen Unternehmer-Arbeiter um bzw. aus. Neben dem Bereich der Verantwortung ["Eigenverantwortung"] gehört hierzu auch die Kontrollfunktion ["Selbständigkeit"]. War es früher noch Aufgabe des Chefs und seines Apparates, die Arbeiter in ihrer Tätigkeit zu überwachen und im allgemeinen Bewusstsein dieser Überwachung dazu anzuhalten, effektiv, gut, sinnvoll, kurz: im Sinn des Unternehmers und seiner Interessen zu arbeiten, so tun sie dies nun gleichsam von selbst.
ÜBERWACHEN UND STRAFEN
In der politischen Theorie wurde dieser Umbruch einmal als der "Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft" bezeichnet. Was aber heißt das? Die Institutionen der Disziplinargesellschaft stützten sich im wesentlich auf zwei Mittel, um die ihr Unterworfenen gefügig zu halten: Überwachen und Strafen. Beide sind recht effektiv, sie erzeugen aber zumindest einen inneren Widerstand, und zugleich enthalten sie die Möglichkeit, ihnen zu entgehen. Wo überwacht wird, da kann etwas der Überwachung durch die Lappen gehen, sie austricksen, ihr auf der Nase herumtanzen, also ihre Mechanismen kennen und unterlaufen. Wo überwacht wird, entstehen Nischen. Entsprechend hatten die Arbeiter im klassischen disziplinargesellschaftlichen Betrieb meist eine gut entwickelte Technik, Überwachungslücken ausfindig zu machen, sie zu nutzen und sich generell der Überwachung zu entziehen. Ja, sie kultivierten mithin ganz sinnlose, aber Genugtuung verschaffende Subversionsrituale [lange Toilettenaufenthalte, Arbeitsmaterial Entwenden oder Verschwenden, absichtsvolle Fehlbenutzung von Hard- und Software, Krank-Feiern, Beschäftigt- Aussehen, Sich-Dumm-Stellen, übergenaues Befolgen von Anweisungen auch wider besseres Wissen bis hin zu tatsächlich geschäftsschädigenden Aktionen wie das Beschädigen oder Verschwinden-Lassen von arbeitswichtigen Dingen, etc]. Kurz, die Disziplinargesellschaft war zugleich eine, die Renitenz erzeugte, weil sie Hierarchien und den Interessensunterschied zwischen der herrschenden und der beherrschten Klasse offen zu Tage treten ließ. Bedeutsam sind die am Betrieb erläuterten Widerstandsformen aber nicht nur als individuelle Akte des Aufbegehrens, die individuelle Befriedigung verschaffen. Sie stiften nämlich auch das Modell für praktischen und theoretischen Widerstand. Ein Beispiel für ersteres wäre die Wortgeschichte von "Sabotage", das bekanntlich auf die Holzpantinen [frz. "sabot"] zurückgeht, mit denen aufständische französische Fabrikarbeiter Produktionsstraßen blockiert hatten. Ein Beispiel für letzteres wäre die Geschichte der Linken überhaupt, die auf die theoretische Aufarbeitung des Konfliktes von Arbeitern und Unternehmern durch Marx, einen bürgerlichen Intellektuellen, zurückzuführen ist.
NIE MEHR FEIERABEND
Die Kontrollgesellschaft hat nun diese Kontrollfunktion ins Innere der Subjekte, der Arbeiter, selbst verlegt. Wenn aber diese die Kontrolle gleichsam internalisiert, also zum Bestandteil ihres psychischen Apparates und ihres Denkens gemacht haben, dann wird die Kontrolle absolut. Es lässt sich ihr nichts mehr entgegensetzen und es gibt kein Außerhalb der Kontrolle mehr. Dieser geschichtliche Umbruch hat nicht ausschließlich mit der Veränderung von Arbeitsverhältnissen zu tun, sondern setzt viel früher ein, etwa mit der Erfindung des Gewissens im Protestantismus gegenüber der Himmel-Höllen-Theologie des mittelalterlichen Katholizismus. Mit der Moral der bürgerlichen Gesellschaft [Kants kategorischer Imperativ]. Mit der Erfindung der Vernunft in der Aufklärung. Mit der modernen Psychologie. Etc. Die Arbeitsverhältnisse selbst reagieren eher relativ spät auf diesen Wandel. Die Umerfindung des klassischen Betriebs zum neoliberalen Unternehmen ist jedoch eine Form davon. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Freiwilligkeit und die innere Bereitschaft, die in den dort vorherrschenden Arbeitsmodellen propagiert werden, nichts anderes darstellen, als die Verpersönlichung der Kontrolle. Kontrolle wird persönliche Aufgabe und sie wird zur zweiten Persönlichkeit. Dies funktioniert auch über die Auflösung klarer und eindeutiger Begrenzungsverhältnisse, wie sie das Oben- Unten-Gefälle im Betrieb hervorgebracht hatte. Aufgelöst werden von daher klar abgegrenzte Arbeitszeitstrukturen: Die postmoderne Arbeit ist immer. Das war sie zwar auch schon zuvor [denn Freizeit war ja als Reproduktionszeit Teil der Arbeitszeit, indem sie die Arbeitskraft regenerierte], aber es gab dennoch eine fühlbare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, aus der sich zum Beispiel das Zeitverständnis und das Zeiterleben herleiteten.
BOOT-UNTERNEHMEN
Zur Entgrenzung der Arbeitsverhältnisse gehört, dass das Unternehmen sich hierarchielos gibt. Seine Lieblingsvorstellung von sich selbst ist: Das Boot, in dass man zum Beispiel jemand hereinholen kann, wie es eine beliebte Redewendung ausdrückt. Alle, die sich in einem solchen Boot [nicht Schiff, das ja wieder ein Betrieb wäre!] befinden, haben ein gemeinsames Interesse: Den ökonomischen und sozialen Wellengang zu meistern, und eben nicht darin abzusaufen. Es besteht hier durchaus ein [ideengeschichtlicher] Zusammenhang zum "Das- Boot-ist-voll!" der Migrationsdebatten. Im Boot-Unternehmen erscheinen alle inneren Grenzen aufgelöst, die einzige noch existierende ist die nach draußen, zur feindlichen Welt und zur Krise, die in der Metaphysik des Neoliberalismus die Funktion der Hölle in der Theokratie des Mittelalters erfüllt: Die Bereitstellung eines permanenten Bedrohungshorizont außerhalb des menschlichen Einflussbereichs. Die innere Entgrenzung braucht die Bedrohung durch dieses Draußen, in dem blindwütig die freigesetzten Kräfte des Kapitalismus um sich schlagen. Wer nicht mitspielt, also effizient ist, wird schnell ins Draußen entsorgt, wo die immer stärker prekarisierten gesellschaftlichen Randlagen lauern, der Abstieg in Armut, Schande, Bedeutungslosigkeit und Nachmittags-Talk-Show-Zielgruppe- Sein. Deren Ohnmacht steht der Macht des Unternehmer- Arbeiters gegenüber im Sinne einer scheinbaren Wahlmöglichkeit. Das Denken in solchen "Booten" bedeutet natürlich auch, dass sich diese Boote optional untereinander vernetzen können, im Sinne miteinander kooperierender Kleinst-Einheiten auf dem Meer der Möglichkeiten. Die Lüge der Entgrenzung zeigt sich darin, dass sie eigentlich durch die totale Grenzziehung aller gegen aller erkauft wird. Hatten Arbeiter des Betriebsmodells noch zumindest potentiell ein gemeinsames Interesse, so fällt jeder, wo er ja selbst zum Unternehmer der eigenen Arbeitskraft erklärt wird, in die Vereinzelung zurück. Die von Unternehmensseite eingeklagte Solidarität mit dem Betrieb wird erkauft durch Entsolidarisierung, nicht nur innerhalb einer Belegschaft [die nicht mehr solidarisch dem Unternehmer gegenübertritt und etwa eigene, nämlich andere Interessen haben könnte]. Die Entsolidarisierung wird vielmehr zum gesamtsozialen Modellfall. So wie die Unternehmer auf dem Schlachtfeld des Marktes gegeneinander agieren, sollen nun die postmodernen Arbeiter ebenso prinzipiell gegeneinander und nur optional, in aus jeweiligen und aktuellen ökonomischen Interesselagen zu knüpfenden Allianzen, den "Booten", miteinander agieren. Die von der Arbeiterschaft gegen die Individualitätsidee des Liberalismus in Anschlag gebrachte Solidaritätsidee [Internationalismus der frühen Arbeiterbewegung] wird aufgegeben bzw. durch Kollektivsurrogate [nationale und ethnische Interessen] aufgefangen.
FLOCKIG SEIN
Die Auflösung all dieser Grenzen, immer in den Grenzen des unternehmerischen Interesses, ist eine der perfidesten Strategien, mit denen sich die New Economy und der Neoliberalismus zu einem totalitären Beherrschungsszenario ausgewachsen haben. Ihm lässt sich nichts mehr entgegensetzen, außer seiner Analyse. Und vielleicht auch nicht mal die, weil die westlichen Gesellschaften ja gelernt haben, dass es nicht auf Analyse als einem Wissen ankommt, sondern auf Produktionsverhältnisse, die egal, ob sie durchschaut werden oder nicht, Ausschlag gebend sind, weil sich nur an ihnen und durch sie hindurch Modelle von Widerstand gewinnen lassen. Und je mehr wir uns faktisch gezwungen sehen, uns nicht mehr als Arbeiter zu verstehen, desto weniger nützt es uns, das insgeheim doch zu tun, weil wir eben Arbeiter sind, deren Arbeit darin besteht, keine mehr sein zu dürfen, sondern eine unternehmerische Tätigkeit. Seien wir aber vielleicht doch so nostalgisch, uns ein bisschen als Arbeiter zu verstehen, zum Beispiel, indem wir den Produktionsverhältnissen wenigstens gewisse Formen des Nichteinverstandenseins entgegensetzen, zum Beispiel wenigstens kenntlich machen, wo wir uns ihnen beugen, indem wir zum Beispiel, weil wir ja Geld verdienen müssen, darauf hinweisen, was die Produktionsverhältnisse von uns wollen. Flockig sein zum Beispiel anstatt einfach nur flockig zu sein.