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April 2005
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Rasantes Wachstum
Die Qentis-Gruppe der Wiener Davies Guttmann und Michael Marcov ici hat sich in nur drei Jahren zum größten eBay-Powerseller Europas mit zweistelligem Millionenumsatz entwickelt.
www.qentis.com
NACH DEM ERSTEN HYPE, SACKGASSEN-KONZEPTEN UND GEPLATZTEN BUSINESS-PLÄNEN IST DER E-COMMERCE ENDLICH DORT ANGELANGT, WO ER IMMER HIN WOLLTE: IM NORMALEN GESCHÄFTSLEBEN.
Text: Hannes Stieger
Neben einer Prozessbeschleunigung hat das Online- Business eine Reihe neuer Geschäftskonzepte hervorgebracht. Eines dieser Konzepte vertritt Qentis, das im großen Stil Waren aus Fernost importiert und auf eBay versteigert.
Den Gründern Davies Guttmann und Michael Marcovici haben dabei offensichtlich einen besonderen Hang zum Unternehmertum: Bereits vor achtzehn Jahren realisierten sie ihre erste erfolgreiche Geschäftsidee, den "Austria Börsebrief". Der wöchentliche Newsletter fiel genau in die heiße Boom-Phase der Wiener Börse. Anderthalb Jahrzehnte und mehrere Neugründungen später durchforsten sie ein neues Geschäftsfeld – und in diesem wollen sie sich nun dauerhaft niederlassen. Ihr Unternehmen – die Qentis-Gruppe – handelt auf der Online-Auktionsplattform eBay mit Waren aller Art. Freilich im großem Stil: In manchen Monaten wird mehr als eine Million Euro umgesetzt, Qentis ist mittlerweile der größte "Powerseller" – so werden professionelle eBay-Händler bezeichnet – Europas.
Bildtext: Vom Zufall zur Geschäftsidee
Die eBay-Gründung geht der Legende nach auf eine Sammelleidenschaft für Pez-Spender zurück. Qentis entstand, weil eine Palette Leatherman-Messer im Büro eines Zeitschriftenverlags im Weg stand.
Verkauft wird alles, wo die Spanne stimmt, so Davies Guttmann: "Angefangen haben wir mit einer Palette Leatherman-Messer, die wir in einem früheren Business im Zuge eines Gegengeschäfts erhalten hatten. Wir standen damals vor der Frage: 'Was tun damit?'", erinnert sich Guttmann an die Qentis-Anfänge 2002. Der Verkauf auf eBay war überraschend erfolgreich, das Interesse an der weltweiten Handelsplattform geweckt. eBay startete Mitte der Neunziger als virtuelles Auktionshaus – um der Frau des Unternehmensgründers Pierre Omidyar eine Handelsplattform für seltene Pez-Spender zu bieten, so die Legende; um rasch Geld zu verdienen, so die Kapitalgeber. Gründungsgeschichte beiseite – innerhalb weniger Jahre stieg das Unternehmen zum unangefochten Marktführer in seinem Bereich auf. Mittlerweile sind 135 Millionen Mitglieder aus 150 Ländern registriert, im Vorjahr wurden Waren im Wert von 34,1 Milliarden Dollar umgesetzt. Das Konzept ist einfach: der Käufer steigert bei Waren mit oder lässt eBay bis zu einer Maximalgrenze automatisch mitsteigern. Der Verkäufer stellt die Waren ein und bezahlt dafür Gebühren, eBay ist darüber hinaus auch am erzielten Verkaufserlös beteiligt. Über die Sortierung nach Kategorien und Suchfunktionen steht das angebotene Produkt sofort in einem Handelsplatz mit mehr als hundert Millionen potentiellen Kunden bereit.
SCHMUTZWASSERPUMPEN FÜR EBAY
"Nach unseren ersten Erfolgen haben wir angefangen, mit Speicherchips und anderen handlichen Elektronikartikeln zu handeln. Wir haben jedoch rasch bemerkt, dass der Wettbewerb hier gnadenlos ist und begonnen, uns nach anderen Produkten umzusehen", so Guttmann. Gerade im Bereich Memory- und Digicamchips ging und geht der Verkauf vor allem über den Preis. Kleinere Händler, die sich in punkto Zoll und Mehrwertssteuer im Graubereich bewegen, haben hier zusätzlich klare Vorteile. Mittlerweile hat sich Qentis auf preisstabile Produkte konzentriert – Old-School-Artikel wie Kompressoren, Schmutzwasserpumpen oder Elektrogeräte. Gekauft wird direkt in den USA oder in Fernost, durch gute Geschäftskontakte kommen mittlerweile bereits ganze Container aus dem Ausland nach Wien. Verkauft wird in ganz Europa – hauptsächlich in Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. "Wir wollen dem Kunden ein One-Stop-Konzept bieten", erklären die Gründer. "Es gibt keine Groß- oder Zwischenhändler. Die Ware landet durch uns direkt aus Fernost in eBay." Welche Artikel gekauft werden, entscheidet das Gründerduo selbst. Händisch und mittels spezieller Tools wird der gesamte eBay-Marktplatz auf umsatzstarke Kategorien und Produkte erforscht. Können die gefragtesten Produkte mit einer ausreichenden Gewinnspanne besorgt werden, werden sie ins Sortiment aufgenommen. Ins eBay-System eingestellt wird wie in den Unternehmensanfängen händisch – nur so kann auf Tages- oder Wochenschwankungen in Konkurrenzangebot und Nachfrage mit der gebotenen Schnelligkeit reagiert werden. Insgesamt fünf Schwerpunkte werden bedient, mittlerweile auch mit Eigenmarken oder zugekauften, bekannten Markennamen. Von Fotoausrüstung, Werkzeug, Sanitärware über Sportgeräte und Car-Audio werden Artikel verhökert, die man gemeinhin eher weniger mit der New Economy assoziiert: "Wir haben die gesamte Basis-Organisationsstruktur herkömmlicher Handelsbetriebe erst erlernen müssen", so Davies Guttmann. Mittlerweile sorgt ein SAP-System für Lagerhaltung, Rechnungs- und Mahnwesen, eigens entwickelt Softwaretools docken das System sogar an eBay an. Das rasante Wachstum des Unternehmens lässt sich nicht nur an den Umsatz- sondern auch an den Mitarbeiterzahlen ablesen. Mittlerweile hat Qentis 35 Mitarbeiter, Tendenz stark steigend. Die Lager und Büros platzen aus allen Nähten, demnächst wird in ein neues Objekt übersiedelt. In der Zentrale im zweiten Wiener Gemeindebezirk stapeln sich Dampfduschen neben Objektivfiltern, Kompressoren neben Werkzeugboxen. Lagerarbeiter kommissionieren die Ware und eilen durch die engen Gänge – 500 bis 600 Artikel werden täglich verkauft und müssen auch ausgeliefert werden. Im Raum nebenan sitzt Support-Personal vor Flachbildschirmen und beantwortet Anfragen in den jeweiligen Landessprachen – 3.000 am Tag -, daneben werden Fotos von neuen Artikeln bearbeitet, einen Tisch weiter ein Bewerbungsgespräch geführt.
FERTIGUNG IN CHINA
"Wir sind teilweise schneller als unsere Strukturen gewachsen", gibt Guttmann zu, "dies hat uns einiges Lehrgeld gekostet." Viele der ehemaligen Mitarbeiter – eingestellt im Schnellverfahren – haben das Unternehmen wieder verlassen oder verlassen müssen, Vertriebsstrukturen wurden neu organisiert, die Lagerhaltung optimiert, Hackerangriffe abgewehrt: "Von 2003 auf 2004 haben wir unseren Umsatz verdreifacht". Mittlerweile habe man das Wachstum aber einigermaßen im Griff. Künftig will das Unternehmen verstärkt auf Bezugsquellen aus Fernost umstellen und sogar komplett eigene Produkte herstellen lassen: "Wir greifen schon jetzt in den Fertigungsprozess ein. Die chinesischen Unternehmen sind da sehr flexibel, wir können einzelne Komponenten ändern und so um vergleichsweise geringe Kosten ein höherwertiges Produkt herstellen." Da wird schon mal in der Produktion ein Plastik- gegen ein Metallteil getauscht oder das Design moderner gestaltet, um den Kunden aus Europa zufrieden zu stellen. Ständig wird auch die auf eBay zahlreich vertretene Konkurrenz beobachtet: "Wir wechseln und erweitern ständig unser Angebot, so können wir auf neue Produkte reagieren. Um uns von dem Mitbewerb abzuheben, schnüren wir spezielle Bundles – beispielsweise Marken- Digicams zusammen mit Fotozubehör – und können dem Kunden so einen Mehrwert bieten. Gleichzeitig kann man uns weniger leicht kopieren," umreißt Guttmann das ständige Horchen am eBay-Puls. Zusammen mit dem Service und den Tools, die eBay speziell für seine Großkunden, die Powerseller, bietet, entwickelt sich eine Symbiose zwischen der Plattform und dem Händler. Während Quentis für einen ständigen Gebührenstrom sorgt – dieses Jahr wird er sich wohl im siebenstelligen Bereich bewegen – umsorgt eBay seine Lieblinge mit spezieller Betreuung und raschen Reaktionen des Supportpersonals. Ein schnelllebiges Geschäft, in dem sich Michael Marcovici und Davies Guttmann jedoch wohl fühlen. In nur zweieinhalb Jahren ist das Unternehmen von null auf einen zweistelligen Millionenumsatz gewachsen, haben sich die Strukturen mehrfach geändert, wurde der Standort zweimal gewechselt, die Lagerhaltung optimiert, die Abläufe vereinheitlicht, professionelle IT-Werkzeuge eingeführt und Einkaufsquellen mehrfach neu erschlossen. Klingt nach einem ganz normalen Unternehmen, wenn der Zeitrafferablauf nicht wäre. Nach achtzehn Jahren in verschiedenen Geschäften – Guttmann ist 38, Marcovici 36 Jahre alt – hat das sympathische Duo in der neuen Wirtschaft aber eigentlich noch ein ganzes Unternehmerleben vor sich.