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Laufend aktualisiert

Updates gehören zum Wesen digitaler Datenströme und Technik. Weil so nie etwas abgeschlossen scheint, sind manche ganz fertig.

 

Autor: Andreas Kump


Eigentlich galt Freiherr Vincenz von Augustin ja als Early Adapter. Dieser Reputation verdankte er auch seinen späteren Job. Dem des Feldzeugmeisters und Generalartilleriedirektors in der Armee des österreichischen Kaisertums. Zu seinen unbestrittenen Vorleistungen zählt etwa die Erprobung und Einführung neuer englischer Raketenwaffen sowie die selbstständige Verbesserung des Perkussionsgewehres. Aber dieses letzte Update ist 25 Jahre her, und seither ist in der Kriegsführung Revolutionäres passiert. Mit dem Zündnadelgewehr ist ein Shooting Star auf den Schlachtfeldern aufgetaucht, der umrüstungsunwilligen Armeen das Leben schwer macht. Das Zündnadelgewehr ist vom Typ Hinterlader; damit lassen sich mindestens doppelt so viele Schüsse pro Minute abgeben als mit den althergebrachten Vorderladern – zehn bis zwölf, was trotz geringerer Reichweite ein großer militärischer Vorteil ist. Vor allem weil der Schütze nun auch liegend nachladen kann. Zur höheren Feuerrate kommt also auch noch die Deckung beim Laden. Ob Augustin die Vorzüge des Zündnadelgewehrs nicht sehen wollte, oder tatsächlich Etatkürzungen durch die österreichische „Armeeaufwand-Kontrollkommission“ der Hauptgrund für die Nichtanschaffung waren, darum werden später Militärhistoriker streiten. Einmal wird es heißen, der Feldzeugmeister habe 1848 ein vernichtendes Urteil über die neuen Hinterlader gefällt, andere Quellen werden hingegen reine Ersparnisgründe für das Festhalten am Vorderladermodell ausmachen. So oder so: Am 3. Juli 1866 prallt bei Königgrätz nicht bloß das Heer Preußens auf die Armeen Österreichs und Sachsens, sondern treten auch zwei Technologiewelten in Konkurrenz.

Die Preußen haben dabei die Zeichen der Zeit verstanden. Sie bewegen ihre Truppen mit Hilfe der modernen Eisenbahn in Richtung Kriegsschauplatz, setzen für die Nachrichtenübermittlung verstärkt den Telegraphen ein und sind durch ihre Zündnadelgewehre zu ganz anderen Manövern am Schlachtfeld fähig. Anders die Österreicher. Trotz eindeutiger Warnungen durch den Oberbefehlshaber Ludwig von Benedek verlegte man die Truppen der Konditionierung wegen zu Fuß an die Front, kehrten berittene Meldeoffiziere bei dringender Nachricht mitunter zur längeren Jause bei adeligen Freunden ein – und täuschten selbst die klügsten Finten Benedeks nicht über die Nachteile der Vorderlader hinweg. Die Summe dieser Faktoren erweist sich als fatal. Am Ende des Tages ist eine blutige Niederlage Österreichs perfekt. Ludwig von Benedek wird von höchster Stelle ein Schweigegebot zu den wahren Gründen des Schlachtausgangs auferlegt, an das er sich Zeit seines Lebens halten wird. Vincenz von Augustin ist ebenfalls kein nachträglicher Kommentar zur Schlacht bei Königgrätz zu entlocken. Er starb bereits 1859 in Wien. Ihn, den einstigen Neuerer, hätte die militärische Niederlage wohl dreifach geschmerzt. Jahrelang hatte er die Entwicklung der Infanteriebewaffnung vorangetrieben – und dann entscheidet eine unterlassene Umstellung über das Leben Tausender. Anzunehmen, dass der einstige Feldzeugmeister dem heutigen Wesen der Updates daher uneingeschränkt aufgeschlossen gegenüberstehen würde. Aber das bleibt eine rein hypothetische, wenngleich spannende Annahme.


Die Early Adapter dieser Tage stehen ohnehin vor ganz anderen Problemen als ihr Vorgänger Vincenz von Augustin. Sie haben einen Ruf zu verteidigen, der so gar nicht mit den aktuellen Plänen ihrer liebsten Social-Media-Plattform zusammengeht. Bei Facebook soll nun auch in Österreich und Deutschland die eingelernte Pinnwand abgenommen und durch eine Zeitleiste („Timeline“) ersetzt werden. Das geht gar nicht, finden viele; darunter erstmals auch solche, die üblicherweise finden, dass technologisch gesehen alles geht. Die Gewohnheit schien für sie entmachtet, abgelöst von der Ohnmacht der permanenten Erneuerung, die größere, vornehmlich ältere Personenkreise schon längst einigermaßen ratlos zurückließ, ihnen selbst aber einen Distinktionsgewinn auf Basis neuer Gadgets, Techniken und Fähigkeiten bescherte. Und jetzt das: Facebook streicht die geliebte Pinnwand. Eine Katastrophe! Die Konterrevolution der Gewohnheit erfährt deshalb einen unerwarteten Zuwachs an Mitstreiterinnen und Mitstreitern.


Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Niemand ist ernsthaft gegen Neuerungen, schon gar nicht gegen sinnvolle. Wenn es nur nicht so viele wären und sie nicht obendrein ständig mehr von unserer Zeit in Anspruch nehmen würden. Die große Neuerung von gestern (die digitale Revolution) erweist sich dabei als Katalysator für ein System des nie Fertigen und der Durchlaufzustände. Heute geht alles, weil alles fließt. Digitale Daten durch immer schnellere Kanäle. Und weil dabei alle mit allen vernetzt sind, also auch die Werkzeuganwender mit den Herstellern, ist die Softwareaktualisierung permanent – und das lebenslange Lernen vorprogrammiert. Das iPhone-Update 9.1, das Update für HP-Druckersoftware 2.8, das Remote Desktop Client Update 3.5.1, das kombinierte Mac OS X Update 10.6.8, neu in iTunes 10.5.2, das Update für Canon-Druckersoftware 2.7, iWeb-Update 3.0.4, AirPort-Dienstprogramm 5.5.3. Eine willkürliche Sammlung diverser Update-Vorschläge und Aktualisierungsverfahren, die beispielsweise ein durchschnittlicher Apple-Anwender binnen Wochen erhalten kann. Vorschläge, die ihn meist während des Arbeitens erreichen und eine Botschaft gemein haben: „Nach der Installation der Updates müssen Sie Ihren Computer neu starten.“ Womit es ihm vermutlich um keinen Deut besser als einen Windows-Nutzer geht. Was aber, wenn der Anwender das gar nicht will? Wenn ihm weder ein langer Ladevorgang noch ein Neustart in seinen bis vor Sekunden noch guten Arbeitsfluss passen? Wenn er darüber hinaus und überhaupt den Sinn eines vorgeschlagenen Updates für Drucksoftware nicht sieht, weil ohnehin alles zu seiner vollsten Zufriedenheit läuft? Dann können Updates auch zum Ärgernis werden. Auf den Punkt gebracht: Weil alles im Fließen ist, kommt der Lauf der Dinge immer häufiger zum Stehen. Ignorieren, sagt der Hausverstand. Trotzdem: Auch wenn das Tagwerk wieder erfolgreich in Gang gebracht worden ist, bleiben Restzweifel. Was wenn das Remote Desktop Client Update essenziell für mich gewesen wäre? Werde ich dann zum Vincenz? Oder ist es so wie beim letzten Skype-Update? Wo nicht wenige Anwender nach einem vermeintlichen Update wieder auf die eine alte Version umschwenkten, weil ihnen die neue Oberfläche ein unübersichtliches Gräuel war? Alles ist möglich. Und genau das ist ja heute mehr noch wie damals das Fatale.


„Wir existieren in einer Kultur des permanenten Vorspiels für ein fiktives nächstes Stadium“, beschrieb kürzlich Harald Welzer im Süddeutsche Zeitung Magazin den Charakter heutiger Arbeit. Der deutsche Sozialpsychologe bezog das zwar in erster Linie auf den Wachstumsgedanken in der Wirtschaft, schloss allerdings auch die „erstaunliche Verwandlung von Substanziellem in bloße Durchlaufzustände“ ein. „Das nächste Update wartet schon (...). Jeder Herstellungsvorgang ist nur der Vorläufer des nächsten, jedes Produkt der Vorgänger des folgenden, jeder Arbeitsgang nur der vorläufige Akt in einer unendlichen Kette von Wiederholungen.“ Für Welzer ein Indiz für innere Unruhe. „Wer sich persönlich nicht ständig weiterentwickelt, der gilt eben als „stehen geblieben“. Das findet sich in der Norm des „lebenslangen Lernens“ und des „produktiven Alterns“ ebenso wieder wie in den esoterischen Selbstfindungssuchen nach dem „wahren Ich“, dem „positiven Leben“, die systematisch genauso wenig jemals an ein Ende kommen können wie der Selbstausbeutungsfetischismus der Laptopmänner, die alle Züge, Flugzeuge und Wartelounges dieser Welt bevölkern: Alle werden niemals fertig.“


Fertig zu werden ist in der Tat schwierig geworden. Wie denn auch, wenn sich schon das Werkzeug selbst dauernd ändern kann? Welcher Handwerker würde da nicht verrückt werden? Und wann haben wir schon noch den vollständigen Überblick, was unser Werkzeugkasten alles an Möglichkeiten bietet? Nie! Oder wenn, dann wohl nur für Minuten, Stunden, Tage oder Monate. Das liegt an den bereits beschriebenen laufenden Aktualisierungen in einer Welt auf Draht, aber auch daran, dass wir uns ungleich mehr digitaler Hilfsmittel als früher bedienen. Das Navigationsgerät, der Smart-TV-Apparat, das Mobiltelefon, der Computer sowieso ... komisch nur, wenn vor lauter Fortschritt dennoch das Gefühl entsteht, mit angezogener Handbremse unterwegs zu sein.

Probates Mittel gegen diese Entwicklung gibt es vermutlich keines. Am wahrscheinlichsten ist noch, dass die Überforderung mit Versionen und Funktionen zu einer neuen Einfachheit in Teilbereichen der Software führen wird. Zu Anwendungen ohne Schnick und Schnack, die auch ohne permanente Nachjustierung mittels Updates für präzises Arbeiten gut sind. Ironie der Sache: Bei gleich bleibendem Tempo laufen speziell Early Adapters und intensive Nutzer als erste Gefahr, zu den Amischen der Digitalisierung zu werden. In ihrem Religionsbekenntnis könnte dann stehen: vom Technologieglauben abgefallen anno 2012, anlässlich einer Umstellung auf Facebook.

 

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