Silver Server

Silver Server


Domaincheck! Internet-Adressen einrichten und verwalten.

SILVER 4

Juli 2005

Inhalt der Ausgabe


SILVER erscheint vierteljährlich auch in gedruckter Form. Bestellen Sie ein kostenloses Abo per E-Mail an:silver@sil.at

 


Spiele ohne Grafik
Neben der Möglichkeit reguläre Videospiele allein nach dem Gehör zu spielen, können blinde Gamer auch auf zahlreiche speziell für sie entworfene Spiele zurück greifen. www.blindenspiele.at

Immer dem Ohr nach

 

BLINDE COMPUTERSPIELER FINDEN SICH OFT ERSTAUNLICH GUT IN REGULÄREN COMPUTERSPIELEN ZURECHT. DABEI IGNORIERT DIE INDUSTRIE SIE SOWOHL ALS KUNDEN ALS AUCH IDEENGEBER HARTNÄCKIG.
Text: Felix Knoke

 

Georgios Karkalis ist aufgebracht: "Die müssten echt nicht viel machen! Aber die sehen uns nicht. Oder sie wollen uns nicht sehen?" Georgios hält das Joypad verkehrt herum. Knöpfe nach oben, Steuerkreuz rechts, Kabel unten. Viel schlimmer noch: Er sitzt mit dem Rücken zum Bildschirm. Und wenn er sich nicht gerade über Spieleentwickler aufregt, lächelt er breit und siegessicher. Denn er wird wieder einmal gewinnen, das zehnte Mal hintereinander. Georgios ist ein begeisterter Computerspieler. Am liebsten spielt er Beat 'em Ups wie "Tekken" oder die "Def-Jam"-Reihe. Keiner tritt und haut und wirft so zielsicher seinen Gegner aus dem Ring wie er. Selbst dann, wenn sein Gegenspieler sehen kann. Georgios Karkalis ist blind, kann gerade noch hell und dunkel unterscheiden. Was er sehen will, muss er hören. So simpel ist auch seine Gewinnstrategie: Schneller hören als man sehen kann. Darin ist er wirklich gut: Jedes Röcheln, jedes Stampfen, das Ansetzen von Griffen und die Position des Gegners hört er heraus, weiß immer, was er zu tun hat. Die teils endlos langen Angriffs- und Verteidigungskombinationen kann er sowieso schon alle auswendig. Im Internet holt er sich dazu Hilfe, falls gerade kein Freund zur Stelle ist, der ihm die Anleitung vorlesen kann. Und zu allem Überfluss betreibt Georgios unter gameport.blindzeln.de mit einem Freund eine Website für blinde Computerspieler: Und von diesen gibt es mehr als allgemein angenommen.

 

SPIELE OHNE GRAFIK

"Wenn die großen Entwickler wüssten, wie viele blinde Fans sie haben," sagt Jeremy Spitzer von Allinplay.com. Er ist einer der Pioniere der professionellen Blindenspiel- Entwicklung. "In den nächsten Jahren rechnen wir mit bis zu 1,5 Millionen blinden Spielern – allein in den USA!" Spitzer entwickelt sogenannte Audiogames, Spiele ohne Grafik. Sie setzen allein auf guten Sound und Interfaces zu Blindensoftware, die Bildschirminhalte per Sprachausgabe vorlesen oder als Brailleschrift auf einer speziellen Hardware ausgeben. Das Szeneportal audiogames.net zählt mittlerweile rund 160 solcher Spiele. Die meisten davon haben blinde Entwickler geschrieben. Autorennen, Textadventures, Shoot 'em Ups und Denkspiele. Audiogames werden mit der Tastatur gesteuert, statt hübscher Grafik zeigen Piep- und Summtöne an, wo der Spieler gerade ist, wo er hinzielt oder was er zu tun hat. Das macht Spaß – vom Hocker reißt das aber niemanden. Da spielen viele Blinde lieber gleich die großen Vorbilder: "Need for Speed" und "Colin McRae Rally" vor allem. Eine hervorragende Soundkulisse und das ForceFeedback- Rütteln der Lenkräder und Joypads machen das möglich – freilich auch eine gute Portion Auswendiglernen. Wann kommt wo welche Kurve, Sprung oder Hindernis? Das muss man wissen. Der Rest ist Glück und Raserei nach dem Ohren-auf-und-durch-Prinzip. Mehr Mühe machen da schon Jump 'n Runs wie "Super Mario". Nuray und ihr Bruder Ali Gürler haben sich das Spiel beispielsweise dank der immergleichen Hintergrundmusik in mühevoller Kleinarbeit erspielt. Im Takt der Musik springen, rennen, warten sie. Stundenlanges Trial & Error, teils unter Anleitung eines Sehenden waren nötig, die Spielmusik wie eine Partitur von Bewegungen auswendig zu lernen. Doch genau das ist das Problem. Natürlich haben viele Blinde teils ganz erstaunliche Wege gefunden, ihr Lieblingsspiel zu beherrschen. Aber wenn man eben nur mal kurz die Playstation anschmeißen will, dann hilft keine Braillezeile, keine Sprachsoftware weiter. Was viele Sehbehinderte vermissen, ist die Normalität der Spiele: ohne tolle Tricks, ohne lange Lernzeit. Einfach loslegen und entspannen! So hielt das Andreas Büttgenbach aus Marburg lange Zeit mit dem Fußballhit "FIFA" für die PlayStation. Die 98er-Version bietet so gute Audiokommentare, dass er immer weiß, wo der Ball ist und zu wem er ihn passen kann. Leider verzichtete Publisher Electronic Arts in späteren Versionen, wohl aus Kostengründen, auf die ausführlichen Sprecher – seitdem kann Andreas nicht mehr mitspielen.

 

QUAKE FÜR BLINDE

Es ist diese Ignoranz, die blinde Spieler immer wieder wundert. Schon lange hoffen sie, dass Blinde endlich in die Entwicklung von professionellen Computerspielen miteinbezogen werden. Meist reichen ja schon wenige Hilfestellungen, um Sehbehinderte ins Spiel zu holen: Ein Hauptmenü, das die Menüpunkte vorliest zum Beispiel. Eine taugliche Sprachausgabe-Engine liefert WindowsXP bereits mit. Eine Integration in Spiele und Software wäre somit kein Problem. Vielfältigere Sounds wären ein großer Fortschritt – es sind die kleinen Dinge, die viel ausmachen: "Davon würden doch auch sehende Spieler profitieren!" Aber solange die Spieleindustrie die Augen vor den Blinden verschließt, muss sich die Sehbehinderten-Community eben selbst helfen. Und so sind neben den vielen klein angelegten Spiele nun auch große, visionäre Projekte im Kommen. "AudioQuake" ist so eines. Das Ziel der unabhängigen Entwickler: Die Shooter-Referenz "Quake" auch für Blinde zugänglich zu machen. Ihre Vision: Statt spezieller Spiele für Blinde lieber herkömmliche Spiele barrierefrei zu machen. Und so blinde und sehende Spieler online zueinander zu führen. Denn bislang ist blindes Spielen eine ziemlich einsame Sache. Nun wollen immer mehr Projekte die Grenzen einreißen, die Blinde bisher ausschlossen. In "AudioQuake" bewerkstelligen das akustische Hinweise auf die Umgebung. Summtöne zeigen Gegenstände in der Nähe an, ein Hämmern signalisiert eine Wand und auf Tastendruck beschreibt eine Sprachausgabe, was sich am Boden eines Abgrundes befindet: Lava – nicht runterspringen! Online-Welten wie die von "World of Warcraft" sind zwar theoretisch noch weit außer Reichweite der Blinden. Aber in den Text-basierten MUDs [Multi User Dungeons] spielen schon seit Jahren Sehende mit Nicht-Sehenden zusammen. Diese Erfahrungen wollen ambitionierte Entwickler nun für dauerhafte Online- Welten für Sehende und Blinde umsetzen. Den ersten Schritt in diese Richtung sind die Sehbehinderten längst gegangen. Jetzt liegt es an uns die Augen aufzumachen – und blind dem Zauber des Sounds zu vertrauen.

 

Kontakt