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Juli 2005
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silver@sil.at
Gruppenbild
Bautrupp, Barkräfte, Booker, Security, Sound und Licht- Techniker: Viele, aber immer noch nicht alle Flex-Werktätigen vor dem Club am Donaukanal. Im Hintergrund die Absperrung zu den Gleisen der U4.
www.flex.at
Jubiläums-Programm
Das Flex wird im Oktober sein zehnjähriges Bestehen mit besonderen Programm-Highlights feiern: Unte r anderem Jeff Mills, DJ Hell, ein einmaliges Gastspiel des SoftEggcafes von Drehli Robnik, Ellen Allien, Justus Köhnke und Shantel.
ES GILT JE NACH PERSPEKTIVE ALS LAUT ODER BASSLASTIG, DRECKIG ODER SOLIDE GEBAUT, ES WIRD GELIEBT ODER GEHASST UND UNBESTREITBAR KANN ES BIER VERKAUFEN: DAS FLEX AM WIENER DONAUKANAL WIRD AM 1. OKTOBER ZEHN JAHRE ALT.
Text: Bert Estl
Ein funktionierender Club für Popkultur jenseits des Mainstreams ist eine durch und durch paradoxe Angelegenheit: Zunächst haben die Besucher selbst höchst schizophrene Erwartungen, in der Folge kollidieren diese auch noch mit der Wahrnehmung und den Vorschriften der Welt außerhalb des Club-Universums. Komplex genug schon das meist jugendliche Publikum: Einerseits soll jede Nacht den Rahmen für unerhörte, neue Ereignisse bieten, andererseits wollen Erwartungshaltungen befriedigt werden, denn auch im altersbedingten Ungestüm sollen die Kulturrevolutionen einigermaßen nachvollziehbar bleiben. Daneben gilt auch noch: Je unkonventioneller oder gar ungesetzlicher das Treiben im Club wahrgenommen wird, desto höher wird es geschätzt – andererseits verlangen die Enkel der Popkultur eine funktionierende Infrastruktur, die von den Toiletten bis hin zum Soundsystem Standards bieten sollte, die nicht über Nacht realisiert werden können. Logischer Weise ergibt sich aus den Bedürfnissen des Publikums nach Dissidenz und einer Atmosphäre des Verbotenen zwangsläufig ein dauerhaftes Konfliktpotential mit der Gesellschaft, der hier schließlich für einige Stunden entkommen oder die kulturelle Opposition erklärt werden soll: Klassisch ist dabei das Lärmproblem, das ohne seinen Ursprung als Geste der Rebellion wohl auch nur halb so witzig wäre. Neben diesem technisch lösbaren Problem muss ein funktionierender Club für Popkultur jenseits des Mainstreams aber auch immer die Waage zwischen dem Ruf als verruchter Ort und der Tolerierung durch Polizei und Behörden finden, denn wenn eine der beiden Faktoren die Oberhand gewinnen würde, wäre der Club ziemlich schnell leer oder aber amtlich geschlossen. Insgesamt also eine vertrackte Situation für Clubbetreiber, die permanent mit divergierenden Interessen und Begehrlichkeiten jonglieren müssen.
DAS RADIO-GESCHWISTER
Das Wiener Flex hat die zahlreichen Untiefen der Branche inzwischen mehr als ein Jahrzehnt bewältigt und begeht an seinem aktuellen Standort am Donaukanal demnächst sein zehnjähriges Bestehen: Seit dem 1. Oktober 1995 hat das Flex jeden Abend seine Türen geöffnet und wird damit bis zum 1. Oktober 2005 für nicht weniger als 3.653 Partys verantwortlich sein – wenn man genau nachzählt und dabei auch die Schaltjahre berücksichtigt. Damit hat sich der Club, der sich einer der besten Sound-Systeme Europas rühmen kann, einen festen Platz im heimischen Nachtleben erkämpft und dieses gleichzeitig auch nachhaltig geprägt, wobei eine Art Parallelaktion mit dem Radiosender FM4 zu beobachten ist: Der fast zeitgleich entstandene Sender und das Flex haben dem "Mainstream des Undergrounds" [FM4-Musikprogramm-Definition] eine feste Basis in Österreich verschafft – von allen erdenklichen Spielarten der elektronischen Musik bis hin zu den Post-Punk- Ausläufern des dreckigeren Rockuniversums. Dass der Club ausgerechnet dafür, viele Musikstile aus kaum wahrnehmbaren Nischen befreit zu haben, mit Ausverkaufsvorwürfen konfrontiert wird, gehört dabei wohl zu den oben beschriebenen, paradoxen Jugendkultur-Spielregeln. Seine Wurzeln hat das Flex unterdessen in unbestreitbar authentischen Punk-Gefilden: Getrieben vom unbedingten Willen selbstständig Konzerte zu veranstalten, wurde das erste Flex 1990 in der Arndtstraße im zwölften Bezirk eröffnet: "Das war eine absolut hirnrissige Punkaktion, am Anfang gab es da nicht mal Klos," berichtet der Flex-Impressario Tom Eller von diesen Anfängen. Am denkbar ungeeigneten Standort gab es dann auch zu jedem Konzert einen Polizeieinsatz wegen Ruhestörung: "Da waren wir das Feindbild Nummer Eins für die Nachbarn und für die 'Krone' das 'Horror-Lokal'," erzählt Eller. Endgültig untragbar für alle Beteiligten wurde die Situation, als in direkter Nachbarschaft ein Nazi-Skin-Lokal eröffnetet und es regelmäßig tätliche Auseinandersetzung bis hin zu Straßenschlachten gab – die Alarmabteilung der Polizei mit gezückten Pistolen wollten dann auch die hart gesottenen Punks nicht öfter erleben.
DER ROCKHALLEN-KOORDINATOR
Als die Ereignisse in der Arndtstrasse eskalierten, war die Flex-Kernmannschaft allerdings schon auf der Suche nach einem geeigneteren Quartier und dabei zufällig über die Tatsache gestolpert, dass es in Wien die absurd anmutende Position eines "Rockhallenkoordinators" gibt. Dieser stellte sich als ein in Ungnade gefallener MA18-Beamter auf einem kafkaesken Posten "für besondere Aufgaben" heraus, der dann überraschender Weise auch noch großen Sachverstand und Elan bei Suche nach einem geeigneten Ort mitbrachte, so dass im Mai 1993 der Vertrag für den bis dahin leeren Platz zwischen der U4-Trasse, der Hochstraße und dem Donaukanal unterschrieben werden konnte. Dabei wurde auch eine einmalige Anschubfinanzierung zugesagt: Schließlich hatte der Platz zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal Wände oder einen festen Boden: "Wir haben dann in der Arndtstrasse auch sofort zugesperrt, um die Umsiedlung durch die permanenten Auseinandersetzungen mit den Nazi-Skins nicht zu gefährden," erklärt Tom Eller: "Die Rechnung ging aber natürlich nicht ganz auf," denn ÖVP und FPÖ waren überhaupt nicht damit einverstanden, dass das "Drogenlokal" zukünftig im ersten Bezirk "die Gegend unsicher" machen sollte. Die Erregung gipfelte in einer inzwischen legendären "Pelzmantel-Demonstration" aufgebrachter Bürger, die allerdings vom damaligen Bürgermeister Helmut Zilk in die Schranken verwiesen wurde. Aber auch danach musste sich die Flex-Mannschaft mit gravierenden Problemen herumschlagen, vor allem weil die gewährte Subvention von 2,5 Mio. ATS für den Ausbau auch bei maximaler Eigenleistung natürlich völlig unterdimensioniert war. Die "Baustellenpartys", die etwas Geld für neues Baumaterial bringen sollten, verschlimmerten die Situation eher noch, da sie prädestiniert für neuen Ärger mit den Behörden und den neuen Nachbarn waren. Und so musste nach dem "Rockhallenkoordinator" noch ein zweiter unwahrscheinlicher Glücksfall eintreten, dieses mal in Form eines fantasievollen Brauereivertreters: Dieser hatte eine Radio-Diskussion mit dem Bezirksvorsteher des ersten Bezirks gehört, die in den Räumen des alten Flex in der Arndtstrasse aufgezeichnet wurde. Die Flex-Crew leerte zu diesem Anlass hurtig übrig gebliebene Bierkästen, was wiederum der Bezirksvorsteher für skandalös hielt und dies dem Radiopublikum mitteilte: "Das mögen zwar Punks sein, aber die können bestimmt prima Bier verkaufen," dachte sich daraufhin der junge Brauereivertreter und schloss einen Vertrag ab, der auch den rettenden Kredit für den weiteren Ausbau beinhaltete.
EWIGE BAUSTELLE
Zum 1. Oktober 1995 konnte das Flex somit zwar den regulären Betrieb aufnehmen – fertig war der Ort aber noch lange nicht: Zunächst musste der Flex-Bautrupp in jahrelanger Arbeit die aus Behördensicht immer noch gravierenden Mängel beheben, anschließend trieb die Fantasie weitere Vorhaben an: Der Bautrupp aus vier festangestellten Mitarbeitern wurde zur festen Institution und aus dem Zustand als ewige Baustelle ein Konzept, das dafür sorgt, dass das Flex immer in Bewegung und innovativ bleibt: "Das ist wie der Donaukanal ein fließender Prozess und Teil des Charmes und der Identität des Flex," erklärt Eller. Und da nach dem aktuellen Ausbau des Cafes der Platz unter der Hochstrasse langsam restlos ausgeschöpft ist, soll das nächste Projekt aufs Wasser führen: Wie bereits in der Zwischenkriegszeit sollen auf dem Donaukanal Schiffe fest verankert und so das Ufer nachhaltig belebt werden. Das Flex will in diesem Rahmen vor der eigenen Haustür ein schwimmendes Schwimmbad mit Cafe und Restaurant realisieren – der Umbau eines Schleppkahns soll natürlich wieder vom Flex-Bautrupp durchgeführt werden: "Uns fehlt eigentlich nur noch das Ländenrecht," erklärt Eller: "Das ist eine Art Baugenehmigung auf dem Wasser. Die Pläne sind aber schon fix und fertig und die Finanzierung steht auch schon: Wir sind nämlich sogar wieder kreditwürdig!" Aber nicht nur die Banken haben inzwischen Vertrauen zu den Ex-Punks gefasst: Inzwischen ist die FM4-Generation auch in der Polizei gelandet und gibt sich gesprächsbereit und kooperativ, wenn das Treiben am Kanal einmal zu bunt wird. Für alle, die nicht in Wien wohnen gibt es übrigens einen Musik-Stream aller Flex-Veranstaltungen im Internet: Der wurde installiert, weil die Silver Server- Techniker nicht jeden Abend vom sechzehnten Bezirk in den Club pendeln wollten.