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Juli 2005
SILVER erscheint vierteljährlich auch in gedruckter Form. Bestellen Sie ein kostenloses Abo per E-Mail an:
silver@sil.at
Edelweiss Medienwerkstatt
Die Wiener Firma Edelweiss Medienwerkstatt ist vor allem für kreative, aber geradlinige Flash-Spiele bekannt. Die "Yeti-Sports"-Reihe wird inzwischen weltweit im Web und in 66 Ländern auch auf Handys gespielt.
www.e-medien.com
Greentube
Kerngeschäft der Wiener Firma Greentube ist die Online-Umsetzung von traditionellen Spielen wie dem Schnapsen. Mit der "Ski Challenge ´05" konnte Greentube aber zuletzt auch im 3D-Bereich reüssieren.
www.greentube.at
AUCH IN DER COMPUTERSPIELE-BRANCHE FUNKTIONIERT DIE AUFMERKSAMKEIT DES PUBLIKUMS INZWISCHEN NACH DEM STAR-PRINZIP. DABEI WERDEN DIE MACHER DER POPULÄRSTEN GAMES OFT EINFACH ÜBERSEHEN.
Text: Robert Stadler
Schon im klassischen Rom gab es die extrem asymmetrische Vorstellung und Wahrnehmung von "Spielen": Auf der einen Seite die bombastischen Veranstaltungen mit Kampfspielen in den großen Arenen wie dem Circus Maximus, bei denen das Spektakel im Vordergrund stand.
Auf der anderen Seite das alltägliche Fallen der Würfel – recht unspektakulär, aber massenhaft praktiziert und prägendes Alltagselement. Heute, rund 2000 Jahre später, tendiert die Computerspiele-Industrie zu ähnlichen Mustern: Die großen Player der Branche schicken sich an Hollywood sowohl nach Umsätzen als auch in der kulturellen Dominanz abzulösen, womit auch Hollywood-Spielregeln in der Produktion und beim Marketing Einzug halten. Oft arbeiten hunderte Programmierer und Kreative über Jahre an neuen Konsolenoder PC-Titeln, woraufhin weitere Millionen ins Marketing investiert werden müssen, um sicher zu stellen, dass sich der Aufwand auch rentiert – Leider bleibt dabei die Kreativität immer öfter auf der Strecke, weil die Risikobereitschaft natürlich mit steigendem finanziellen Einsatz sinkt. Und sogar die Gladiatoren haben bereits eine Entsprechung in der digitalen Spielwelt gefunden: Vor allem in Korea und den USA, tendenziell aber auch in Europa gibt es inzwischen Profi-Gamer mit Starstatus und lukrativen Sponsoring- Verträgen. Angesichts dieser Entwicklung wundert es kaum, dass Computerspiele heute recht einseitig wahrgenommen werden: Die Branche wird vor allem mit den Konsolen- Erfolgstiteln assoziiert und beim Stichwort "Gamer" steht das Klischee vom fanatischen Teenager im Vordergrund, der seine komplette Freizeit mit dem "Fraggen" [Abschießen] virtueller Gegner verbringt. Im Gegensatz zu diesen genauso verbreiteten wie fragwürdigen Klischees steht allerdings die Tatsache, dass die Allgegenwärtigkeit von PCs im Alltag zu einer Renaissance der einfachen und traditionellen Spiele geführt hat: Eine flotte Partie Schnapsen im Büro und erst recht das fröhliche Abschießen eines Schwarms Moorhühner wäre noch vor 15 Jahren undenkbar gewesen.
SCHNAPSEN STATT BALLERN
Den kleinen, alltäglichen Computerspielen, in der Branche "Casual Games" genannt, haben sich die Wiener Firmen Greentube und Edelweiss Medienwerkstatt schon seit einigen Jahren verschrieben, inzwischen werden ihre Games in ganz Europa, teilweise sogar weltweit gespielt: Greentube setzt dabei vor allem auf die Umsetzung von traditionellen Spielen wie dem Schnapsen, Edelweiss auf witzige Flash-Games. Und so unterschiedlich die Produkte und Ansätze der beiden Firmen auch sind, haben sie gemeinsam, dass ihre Spiele Massenunterhaltung jenseits der Gamer-Szene darstellen, die ohne komplizierte Anleitungen funktionieren und auch keine besondere Hardware verlangen. Dabei hat Greentube seine Wurzeln sogar in der Hardcore- Gamer-Szene: "Wir haben 1997 in der Studenten-WG irgendwann die Möglichkeit entdeckt 'Doom' nicht mehr gegen den Computer sondern übers Netzwerk miteinander zu spielen," berichtet Firmengründer Eberhard Dürrschmid: "Das war ein ganz wichtiger Schritt, weil bis dahin galt der Computerspieler als autistisches Wesen, das sich mit einer Maschine unterhält." Als 1999 allerdings die Entscheidung fiel, aus dem Hobby einen Beruf zu machen, wurde Dürrschmid klar, "dass wir im Bereich der klassischen 3DSpiele nichts reißen werden". Die Erkenntnis, dass auch ein Spiel am Computer gegen einen mensc hliche Gegner sehr viel mehr Spaß und Spannung bietet als die virtuellen Gegner, wurde daher mit der Adaption von traditionellen Spielen umgesetzt. Und der Abschied von den "ernsthaft durchgestylten Spielwelten" erwies sich schnell als die richtige Entscheidung: Als das erste Spiel – nahe liegender Weise Web-Schnapsen – online ging, tummelten sich bereits am ersten Tag zeitweilig 800 Nutzer gleichzeitig am Server.
VON DER ALM ZUM YETI
Im Gegensatz zu Greentube wurde Edelweiss eher zufällig zum erfolgreichen Game-Produzenten: Das Unternehmen hatte sich bereits mit der Gestaltung von Webauftritten und der Programmierung von Anwendungen für Banken und Versicherungen etabliert, als vor fünf Jahren ein Kunde bei der Neugestaltung seiner Site in Verzug geriet und für eine Übergangszeit "irgendwie witzige Inhalte" verlangte: "Ich war gerade im Urlaub am Bergbauernhof als der Anruf kam und habe spontan gesagt: OK, wir machen euch Flash-Spiele," erzählt Klaus Hartinger von Edelweiss: "Ich habe den Urlaub abgebrochen und vier Wochen später hatten wir das erste Projekt fertig – Seitdem machen wir Spiele." Der internationale Durchbruch kam für Edelweiss dann wieder überraschend und im Wortsinn über Nacht. Als das erste "Yeti"-Spiel testweise online gestellt wurde, brach der Edelweiss-Server kurze Zeit später zusammen, weil zehntausende Spieler aus aller Welt sich im Pinguin-Weitwurf messen wollten. Dieser Wettbewerb zwischen den Spielern um neue Highscores oder auch nur einen besseren Platz in der Ergebnisliste ist dabei sowohl für Greentube als auch Edelweiss neben der soliden Umsetzung von einfachen, aber eingängigen Ideen ein entscheidender Erfolgsfaktor: "Als unser Yeti-Highscore-Server einmal für eine Stunde ausgefallen ist, wurden wir mit Mails bombardiert," erläutert Hartinger den Stellenwert der Listen: "Ein Nutzer aus Frankreich hat uns sogar ausgedruckte Screenshots geschickt. Der hatte es endlich in die Top500 geschafft und wollte, dass wir das nachträglich anerkennen." Greentube ist dagegen regelmäßig mit misstrauischen Spielern konfrontiert, die die Zufälligkeit der Würfel oder der Kartenvergabe anzweifeln: "Wir haben sogar schon einen Hardware- Zufallsgenerator installiert, der das Hintergrundrauschen einer Diode in zufällige Zahlenreihen umsetzt," erklärt Dürrschmid "Aber weil das auch nichts gebracht hat, werden wir uns jetzt vom TÜV bestätigen lassen, dass unsere Zufallszahlen auch wirklich zufällig sind."
SCHUMMELN WAS DAS ZEUG HÄLT
Weil die Nutzer so verbissen um Platzierungen kämpfen, wird natürlich auch permanent versucht, die Resultate mit unerlaubten Hilfsmitteln zu beeinflussen: "Eigentlich starten wir mit jeder neuen 'Yeti'-Version zwei Spiele;" erklärt Hartinger: "Zum einen den regulären Pinguin-Weitwurf, gleichzeitig aber auch den Wettbewerb der Hacker auf der Suche nach Schwachstellen – Daher sind wir inzwischen auch Spezialisten in der Absicherung von Flash- Anwendungen." Greentube kämpft unterdessen auf einer anderen Ebene mit den Schummlern: Da die meisten Spiele Server-basiert sind, geht es dabei nicht um den Hack der Software, sondern um das Aufdecken von schlichten Tricksereien. So versuchen einige Nutzer durch mehrere Identitäten in den Ergebnislisten weiter nach oben zu gelangen: "Es ist vollkommen unbeschreiblich wie viel Zeit in solche Aktionen investiert wird," berichtet Dürrschmid. Greentube setzt daher bei der Entlarvung von Schummlern – die für die ehrlichen Spielern einen hohen Stellenwert hat – auf eine Software, die Ergebnismuster auf ihre Schlüssigkeit überprüft und im Zweifelsfall einen Mitarbeiter alarmiert. Die jahrelange Erfahrung mit solchen Details im Betrieb von Casual Games ermöglicht Greentube einerseits die Expansion ins Ausland, wo die jeweiligen Traditionsspiele fürs Web adaptiert werden, andererseits gestattet der Erfolg der Alltagsspiele auch eine Wiederannäherung an die Gamer-Wurzeln: Die "Ski Challenge ´05" wartet mit einer detailreichen und wirklichkeitsgetreuen Abfahrt über die legendäre "Streif" in Kitzbühel auf – Fortsetzungen nicht ausgeschlossen. Edelweiss, zuletzt mit einem Spiel zur Eishockey-Weltmeisterschaft ebenfalls sportlich unterwegs, wird unterdessen mit der neunten Version seine "Yeti"-Reihe abschließen und dabei auch eine Aktion gegen den Ruf der Casual Games als "Arbeitszeit-Killer" starten: Der "Yeti-freie Freitag zur Rettung der Weltwirtschaft" soll per Pop-up-Ermahnung die unverspielte Büroatmosphäre der Vor-PC-Ära wieder aufleben lassen.