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Jänner 2006
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DRAUSSEN IST ES KALT. LAUTLOS RAUSCHEN DIE DATEN DURCHS DSL-MODEM. WÄRME SPENDEN IN DIESER JAHRESZEIT NICHT NUR DIE HEIZUNG, SONDERN IN GEWISSER WEISE AUCH DIE PUNKTE, LINIEN UND FORMEN AUF DEM BILDSCHIRM. IMMER MEHR MENSCHEN FÜHLEN SICH ZUR ABSTRAKTEN INFORMATIONSÄSTHETIK HINGEZOGEN. MIT DER FÜR VISUALISIERUNG OPTIMIERTEN PROGRAMMIERSPRACHE PROCESSING WERDEN AUS ROHEN DATENFLÜSSEN ANSCHAULICHE VISUALISIERUNGEN HERGESTELLT.
Text: Armin Medosch
Den Anfang machte die Wissenschaft. Seit der Revolution in der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist praktisch nichts, was die Wissenschaft interessiert, mit freiem Auge sichtbar.
Mit immer komplizierteren Instrumenten sind die Forscher dem inneren Aufbau der Materie, den äußeren Grenzen des Universums, aber auch den Vorgängen in der Zelle, dem Genom und den Strukturen der Gehirnaktivität auf der Spur. Was solche Instrumente, wie z.B. elektronische Rastertunnelmikroskope, erzeugen, sind eigentlich primär keine Bilder, sondern Messdaten, aus denen erst in einem zweiten Umsetzungsschritt Bilder werden.
Bildtext: Nasa Earth Observing System – Santa Ana Volcano
Veranschaulichen lässt sich diese Thematik der wissenschaftlichen Visualisierung am Beispiel des spektakulären NASA Earth Observating System1. 1998 wurde der Satellit Terra in die Umlaufbahn geschickt. Neben hoch auflösenden Kameras ist Terra mit einem halben Dutzend komplexer Instrumente bestückt, die Erde und Erdatmosphäre auf verschiedenen Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums ab-scannen. Damit lässt sich z.B. der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre eruieren, oder auch der Plankton-Gehalt der Weltmeere. Die zur Erde geschickten rohen Daten werden in Bilder umgewandelt. Der Vorteil ist, dass sich sehr komplexe Sachverhalte so viel schneller darstellen und vermitteln lassen – und damit auch Probleme wie Klimawandel oder Wüstenbildung. Trügerisch wäre jedoch, dies für ein Abbild der Wirklichkeit im herkömmlichen Sinn zu halten.
Zwar handelt es sich um tatsächliche Messwerte, doch wie diese visualisiert werden, ist eine Frage von Entscheidungen, die irgendwo zwischen Bild-Technikern und Wissenschaftlern getroffen werden.
Mit dem Aufstieg der Computerindustrie erlebte auch das zuvor eher trockene Metier des Informationsdesigns einen Aufschwung. Den Anfang machten Kybernetiker der ersten Stunde, die, wie etwa Max Bense, eine im wissenschaftlichen Sinn klare Definition ästhetischer Werte gewinnen wollten. Dieses Experiment ist zwar gescheitert, erfolgreich waren jedoch die Bemühungen, immer bessere Software zu entwickeln, mit der sich Daten in 2- und 3-D darstellen lassen. Design-Theoretiker wie Edward Tufte 2 lieferten dazu in den 80er Jahren das theoretische Unterfutter. Tuftes Maxime lautete, so wenig Tinte wie möglich pro Informationseinheit zu verbrauchen. Die „schönste“ Informationsgrafik war für ihn die, welche mit dem geringsten Einsatz der Mittel auskam. Seit der Verbreitung des Internet in den 90er Jahren explodierte der Bereich der Informationsästhetik geradezu.
Die Anstöße dazu kamen, wie so oft, nicht aus dem engeren Bereich der Kunst, sondern aus einem Cross-over von Informatik und Design. Dabei spielte einmal mehr das MIT eine Vorreiterrolle, wo John Maeda3 seine animierten Informationsdesignfilme entwickelte. In Maedas Fußstapfen getreten und darüber hinausgegangen sind jüngere Designer wie Ben Fry4 und Casey Raes5.
Ben Fry entwickelte das Konzept des organischen Informationsdesigns. Organisch sind dabei nicht nur die visuellen Anlehnungen an Pflanzen- und Blütenstrukturen, sondern auch die Art des „Wachstums“ dieser Visualisierungen. Komplexe Datenstrukturen wie z.B. die Entwicklung einer großen Website unter Berücksichtigung des Nutzerverhaltens werden bei Frys Projekt Anemone6 in ästhetisch ansprechender Form dargestellt. Der zusätzliche Vorteil dieser Bilder ist, dass sie nicht nur gut aussehen, sondern auch noch einen Informationswert haben. Seit mehreren Jahren arbeitet Fry nun an einem Projekt zur Visualisierung des menschlichen Genoms. Wenn die Erbinformation von zwei oder mehreren Menschen verglichen wird, handelt es sich oft nur um Abweichungen bei wenigen „Buchstaben“ des genetischen Codes. Visuell dargestellt, lassen sich diese Abweichungen viel leichter erfassen.
Ben Fry und Casey Raes haben gemeinsam die Programmiersprache Processing7 entwickelt. Das Konzept beruht auf früheren Arbeiten der Aesthetics and Computation Group am MIT8. Processing ist eine einfach zu erlernende Skriptsprache, wobei nicht nur die Software selbst Open Source ist, sondern auch damit geschriebene Programme. Die Verfügbarkeit vieler einfacher Bausteine, die sich relativ leicht zu komplizierteren Anwendungen zusammensetzen lassen, hat sicher viel zur Beliebtheit von Processing beigetragen, das von zehntausenden Designern und Studenten weltweit genutzt wird, so dass ein kollektiver Freudenschrei um die Welt ging, als im Frühjahr 2005 endlich eine stabile Betaversion herausgegeben wurde.
Auf Blogs wie Info-Aesthetics9, Information Design10 und Dataisnature11 werden solche Visualisierungen quantitativer Daten vorgestellt. Damit hat diese Welt des fließenden Informationsdesigns nun auch ihre adäquaten eigenen Nachrichten- Kanäle. Visualisiert wird so ziemlich alles, die größte Hemmschwelle bildet der Zugriff auf die entsprechenden Rohdaten. Aaron Koblin z.B. hat die Daten von Flugzeugen über Nordamerika12 visualisiert. Micro Fashion Network13 stellt die Beziehungen der Farbe der Kleidung zwischen Passanten in Cambridge, Massachusetts, dar; und mit Newsquakes14 lässt sich der Ausbruch von Nachrichten auf dem Erdball zeigen. Schon länger existiert die Website Cybergeography, wo man sich vor allem mit der Darstellung von Datenverkehr in Netzwerken und mit Netzwerktopologie15 befasst. Häufig sind die Darstellungen auch selbstreferentiell, etwa das Wachstum der so genannten Blogsphäre 16 oder Zusammenhänge zwischen Kategorien des sozialen Bookmarksystems Del.icio.us17. Die einstmals elitäre Welt der wissenschaftlichen Visualisierungen ist mit Tools wie Processing ein gutes Stück geöffnet worden. Bislang verborgene oder bloß erahnbare soziale Beziehungen und Zusammenhänge lassen sich darstellen, indem aus ubiquitären Datenströmen tiefere Wahrheiten extrahiert werden. Warum also noch nach draußen gehen, wenn sich die Welt in dieser Form auf den Bildschirm holen lässt? Woraus sich sofort die nächste Frage ergibt, nämlich ob all diese Informationsästhetik nicht auch eine Form von Eskapismus ist und eine neue elektronische Innerlichkeit zur Schau stellt?
1)
http://eospso.gsfc.nasa.gov/
2)
http://www.edwardtufte.com/tufte/
3)
http://weblogs.media.mit.edu/SIMPLICITY/
4)
http://acg.media.mit.edu/people/fry/index.html
5)
http://www.groupc.net/
6)
http://acg.media.mit.edu/people/fry/anemone/about/
7)
http://www.processing.org/
8)
http://acg.media.mit.edu/
9)
http://infosthetics.com/
10)
http://www.informationdesign.org/
11)
http://dataisnature.com/
12)
http://www.aaronkoblin.com/work/faa/
13)
http://plw.media.mit.edu/people/arikan/2005/microfashionnetwork/
14)
http://cremin.com/newsquakes/
15)
http://www.cybergeography.org/atlas/topology.html
16)
http://infosthetics.com/archives/blog/
17)
http://del.icio.us/
Links
http://artport.whitney.org/commissions/softwarestructures/map.html
http://acg.media.mit.edu/people/fry/index.html
http://www.aaronkoblin.com/work/faa/
http://spine.rutgers.edu/if/axiovert.html