Silver Server

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SILVER 6

Jänner 2006

Inhalt der Ausgabe


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Abstraktes Understatement

EIN PSEUDONYM KANN EINE MAUER SEIN. FÜR DEN WIENER NETZKÜNSTLER DEXTRO, EINST ERSTER WEBMASTER UND OBERSTER SCREENDESIGNER BEI SILVER SERVER, IST ES EINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT. DER VERSUCH EINER ANNÄHERUNG AN EINEN DIGITALEN LEBENSLAUF.
Text: Marcus Reiter

 

Beginnen wir mit der Musik. Mit Techno. Dem Abstreifen alter sub- und popkultureller Formen, Rituale und Zusammenhänge. Damals, Anfang der 90er. Was heißt abstreifen?

  

 

 

 

Oktober 1996

Der grüne Faden, der sich durch das Erscheinungsbild von Silver Server zieht, wurde von Dextro eingefädelt. Und im Laufe der Jahre verfeinert.


 
Zerstäuben wäre als Begriff angebrachter, denn so wirkte sich das Platz greifende Tönen elektronisch fabrizierter Musik auf die bis dahin real existierenden Szenen und Strukturen nämlich aus. Rückblickend betrachtet erscheint es so, als hätten sich praktisch über Nacht neue Felder aufgetan, deren umtriebige Protagonisten sich nicht an die traditionellen Begrenzungen von Musik, Technik, Kunst oder Grafikdesign hielten.
In Echtzeit liefen die Prozesse des Wandels bestimmt langsamer und organischer ab. Über Monate, vielleicht sogar Jahre. Fakt bleibt aber: Trotz späterer Kommerzialisierung und Abnutzung, der baldigen Zerfransung und Evolution in differenziertere Subgenres brach das anfängliche Momentum von Techno Steine unterschiedlichster Art ins Rollen. Auch in Wien. In Ottakring. In der Lorenz-Mandl-Gasse, wo in einem weitläufigen Gebäude, vormals Produktionsstätte von „Sowitsch & Co, Maschinenfabrik für Aufzüge, Elektrozüge und Rolltreppen“, nicht nur 1994 die Firma Silver Server gegründet wurde und ihr bis heute gültiges Domizil aufschlug, sondern auch etliche Vertreter der gerade erwachenden Elektronikszene ihre Laboratorien einrichteten. Vom Kunst-, Kultur- und Partyzentrum „Kunst-werk“ ganz zu schweigen. Querverbindungen entstanden, wurden ausgebaut. Ging es doch bei Silver Server anfänglich um die Verwirklichung experimenteller Daten-Transfer-Technologien, Glasfaserkultur, wenn man denn so will, was mehr oder minder mit ein Teil jenes Mikrouniversums bildete, in dem der Grafikdesigner als DJ eher Standard denn Ausnahme war.

 

DER GRÜNE FADEN

Revolutionär an Techno, erzählt Dextro, war vor allem das Non- Vokale: „Das verhielt sich zu allem vorher Gehörten wie abstrakte Grafik zu Fotomontagen. Die Melodien weckten weiterhin Emotionen, schufen einen Zugang zum Unterbewusstsein, ohne dass Worte uns ständig im gewohnten Rahmen zurückhielten und uns einengten. Stattdessen war es eine Befreiung, ein Durchbruch der Individualität.“ Jeder konnte damals mitmachen. In irgendeiner Form. Für Dextro bedeutete das vorerst das Gestalten von Flyern für Technoparties und Raves. Eingebettet in ein Umfeld aus DJs und Veranstaltern, gab es für ihn immer reichlich zu tun. Aber seine abstrakten Darstellungen verliehen nicht bloß einer neuen Musikform auf lokaler Ebene ein signifikantes Äußeres, sondern stießen vor allem auch bei Silver Server auf Gefallen und Gegenliebe. Die Folge: Dextro avancierte zum ersten Webmaster bei Silver Server und prägte fortan das Erscheinungsbild des jungen Unternehmens ganz wesentlich mit. Der freie Zugang, über den später noch zu reden sein wird, kam dabei voll zum Tragen. Während anderswo über die Festlegung auf eine bestimmte Farbe für ein Unternehmen monatelang in Elefantenrunden diskutiert wird, sollte sich bei Silver Server ein grüner Faden durch das Screendesign und die Druckwerke ziehen. Warum ausgerechnet grün? Keine Ahnung. Intuitive Entscheidung, sagt Dextro heute, über 10 Jahre später. Eine Arbeitsauffassung, die sich zwischenzeitlich allerdings um keinen Millimeter von diesem Standpunkt entfernt hat. Auf Nachfrage stellt sich heraus: Prinzipien allerorts. Nein, keine Prinzipien. Selbstverständlichkeiten. So selbstverständlich wie einst das Grün auftauchte, taucht jetzt in Graubereiche ein, wer sich mit dem beschäftigt, was Dextro nun an Animationen auf seiner Website www.dextro.org dem Betrachter präsentiert. Netzkunst. Medienkunst. Zeitgemäße, abstrakte Kunst. Visual Arts. Quasi-Objekte. Interaktive Shockwave- Animationen. Abwandlungen mathematischer Gleichungen. Algorithmische Bewegungen. Etwas, das in Kunst-Termini als „non-repräsentative, non-figurative, gegenstandsfreie, digitale Ausdrucksform“ durchgehen würde. Um den Kunstmarkt, relativiert Dextro aber sogleich, habe er sich aber nie wirklich gekümmert. Sein Interesse lag immer darin zu schauen, was von alleine geht, sich auf sein unmittelbares Gestalten zu konzentrieren, ohne Selbstdarstellung oder -vermarktung. Der freie Zugang, da ist er wieder. Abhängigkeiten oder Druck würden dem Experimentieren, der ungebrochenen Faszination am Ausloten der Möglichkeiten nicht gut tun. Dann schon lieber Lohnarbeit. Zur Erholung ins Büro, das aber nicht thematisieren. Den intuitiven Zugang bewahren, die Niederungen der geschmäcklerischen Gebrauchsgrafik umschiffen. Gleichsam auch den Club. Eine Existenz als VJ ist wenig erstrebenswert. Dafür würden Dextros Animationen ohnehin zu langsam ablaufen.

 

LÄSTIGE VENUS

Mitunter führen auch solche (Anti-)Haltungen weit. Nach Japan etwa. Wo Dextro über die Jahre bei einigen Arbeitsaufenthalten mit Freunden zuerst ein Grafik-Magazin namens „Timing Zero“ gestaltete (das spätere „+81“) sowie Animationen für Musikvideos bzw. TV-Commercials (u.a. für das Kaufhaus „Parco“) entwarf. Oder sie führen in die Seiten internationaler Designbücher. Speziell in den 90ern waren Arbeiten des Wiener Netzkünstlers – unter anderem auch diverse Screendesigns für Silver Server – in zahlreichen Publikationen zu finden. Vom gewonnenen Joseph-Binder-Award (in Verbindung mit der Netzkünstlerin LIA unter dem gemeinsamen Pseudonym Turux) erfährt man im persönlichen Gespräch nur beiläufig, und kommt die Sprache dann auf die bronzene Venus des Creativ Club Austria, die Dextro ebenfalls schon mal abgeräumt hat, fällt ihm dazu in erster Linie der Druckkostenbeitrag ein, der im Zusammenhang mit dem Katalog zu leisten war. Die Freude über die Auszeichnung, der viele Werber jedes Jahr vergebens hinterher hecheln, ist da augenscheinlich zweitrangig. Und ganz lässt sich das Kunsttamtam nicht von den abstrakten Animationen fernhalten, wie Teilnahmen beim diesjährigen „Cimatics Festival“ in Brüssel, Untertitel „Europe’s leading events for live audiovisual Arts and VJ-ing“, bei Ausstellungen in Montpellier, Mexico City, Shanghai oder – etwas zurückliegend – an der Wiener Ausstellung „Abstraction Now“ belegen. 600 Visits verbucht Dextros Website täglich. Sie ist sein hauptsächliches Fenster nach draußen. Animationen noch und nöcher. Flyer und CD-Cover für die elektronische Community gehören aber ebenfalls nach wie vor zum Spektrum des Schaffens. Nebenbei gibt es die Werke des Wiener Netzkünstlers gesammelt auf einer CD-ROM. Bei bzw. über Mego erhältlich. Googelt man im Netz herum, lassen sich mühelos weltweite Rezensionen dieser CD zu Tage fördern. „Stunning algorithmic visuals“ heißt es an einer Stelle. „The piece is defined by its own laws“, an einer anderen. Besonders letzteres Zitat fände wohl auch vor Dextros Selbstverständnis Gnade.

http://www.dextro.org

 

 

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