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April 2006
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WÄHREND MIT DER ARENA UND DEM WUK ZWEI GESTANDENE WIENER KULTURSTÄTTEN DIESER TAGE ANSEHNLICHE JUBILÄEN FEIERN, TUT SICH AUCH ANDERSWO EINIGES: DAS FLUC_2 GEHT AN DEN START. STEHEN ARENA UND WUK – ZUMINDEST GESCHICHTLICH – GANZ KLAR UNTER DEM STERN EINER DAFÜR EINGETRETENEN COMMUNITY, GREIFT DIESE HERLEITUNG AM PRATERSTERN NUR BEDINGT.
Text: Bert Estl
Der Sommer in Erdberg verspricht spannend zu werden. Zumindest läge das in der Intention der Aktivisten der ARENA.
Diese haben natürlich längst ihr Programm für die Freiluftsaison gebucht, was das sommerliche Versprechen allerdings nicht zur Gänze erklärt. Es ist auch nicht allein die Tatsache, dass sich die Besetzung des Auslandsschlachthofes in St. Marx – und damit der Beginn der ARENAGeschichte – heuer zum dreißigsten Mal jährt, nein, es ist die geplante „Aufbereitung“ dieser Geschichte, die ein gesondertes Maß an Aufmerksamkeit zu wecken weiß. Mit einer eigenen Ausstellungsreihe wollen die Aktivisten „einen Rückblick auf drei Jahrzehnte selbstbestimmten Kollektivismus“ wagen. Dafür sucht man historisches Material und den Dialog mit früheren ARENA-Generationen, um zu hinterfragen, inwieweit alte Ansprüche immer noch eingelöst werden. Grundsätzlich gilt die Geschichte der ARENA ja als gut dokumentiert. Von den Vorwehen, über den Beginn der Besetzung als „Aktion mit offenem Ende“, den „heißen Sommer ’76“ in Wien bis zur Aufgabe des ursprünglichen Geländes samt Ausverhandlung eines Ersatzquartiers. Dann, nach Ende der heißen Phase, beginnt die geschichtliche Spur allerdings ein wenig zu verfransen. Dem Bedürfnis nach selbstverwaltetem Raum war Genüge getan, die, denen das von politischer Seite zugewiesene Ersatzquartier des Inlandschlachthofes als Kniefall erschienen war, hatten sich enttäuscht abgewandt, anstatt heroischem Aktionismus stand nun kulturelle Praxis, vor allem das Veranstalten von Konzerten, auf der Tagesordnung. Die 1980er Jahre kamen, die 1990er gingen. Gewisse grundlegende Parameter betreffend Strukturen und Selbstverwaltung blieben jedoch bestehen, überdauerten die Jahrzehnte, gelten noch heute. Was insofern interessant erscheint, weil die ARENA über keine langjährigen, personellen Kontinuitäten verfügt. Ein Umstand, der Kultureinrichtungen zwar nicht von Lernprozessen, sehr wohl aber vor Institutionalisierung schützt. Auch Orte häuten sich. Werfen Geweihe ab. Platzhirsche braucht in der ARENA nach wie vor niemand. Generationswechsel bei den Betreibern sind stattdessen an der Regel. Als Bindeglied einer Idee fungiert der Raum und seine aufgeladene Geschichte. Zumal viele der heutigen Aktivisten beim Startschuss der Aneignung noch nicht einmal auf der Welt beziehungsweise im Kindesalter waren. So wie Thomas „Thomsn“ Kern, der als einer von 30 ARENA-Angestellten für die Pressebetreuung zuständig ist. Die heute bestimmt intensiver als noch vor eineinhalb Jahren abläuft, eröffnete die ARENA doch damals die neu adaptierte Große Halle und bietet seither eine nie da gewesene Programmdichte und – vielfalt. An der Sinnhaftigkeit des Desolaten mag es in der ARENA vor der Adaptierung berechtigte Zweifel gegeben haben, an dem aktiven Eintreten für einen anderen Kulturbetrieb gab es jedoch nie ein Rütteln. Das „Wie“ als zusätzliches Programm. Das „Wie“ als roter Faden durch 30 Jahre ARENA. Man darf gespannt sein, wie das Feedback früherer Betreiber ausfallen wird. Spätestens im Juni, während der Veranstaltungs- und Ausstellungsreihe „30 Tage // 30 Jahre“ werden wir es wissen.
DAS SOZIALE, EIN HUND
Lässt sich im Zusammenhang mit der ARENA wohl am ehesten von einer Community der Betreiber sprechen, steht selbiger Begriff bei einer anderen Jubilarin erst einmal generell zur Diskussion. Dabei würde sich die lexikalische Definition von Community doch wunderbar für die 550 Vereinsmitglieder, sieben autonomen Bereiche, 130 Hausgruppen und die vielen Besucher des Werkstätten- und Kulturhauses, kurz WUK, eignen. Aber das WUK wäre nicht das WUK, wenn man sich den Sticker nicht ganz genau anschauen würde, der einem da aufgepappt werden soll. Eine sympathische Skepsis, die daran erinnert, dass das Soziale trotz guter Absichten durchaus ein Hund sein kann. Das steht so in dem Buch „10 Jahre WUK“, wenn auch zwischen den Zeilen. „Von Selbstentfaltungs-Lust und Selbstverwaltungs-Frust“ lautet eine konkrete Überschrift darin und beschreibt wohl sehr gut, was es bedeutet, diverseste unorthodoxe Ansprüche an einen „alle Lebensbereiche umfassenden Kulturbegriff“ unter einem Dach zu vereinen, ohne an der Unorthodoxie der Mitstreiter und der sich zwangsweise einstellenden Strukturierung zu verzweifeln. Und damit ist noch nicht einmal die Hälfte der Geschichte erzählt, begeht doch das WUK in der ersten Oktoberwoche 2006 bereits den 25. Geburtstag. Ähnlich wie bei der ARENA begann auch die Geschichte des WUK als Vorstoß in die Leere. In einer Zeit, in der es in Wien „nichts“ gab außer „ein wenig Uni und Kaffeehaus“, wie Susanna Rade, im WUK für Marketing und Interne Kommunikation zuständig, ausführt. Ähnlich wie bei der ARENA äußerte damals eine breite Basis von Kulturschaffenden und sozial Bewegten einen Platzbedarf und fand schließlich Ende der 1970er Jahre mit einer alten Lokomotivfabrik in der Währinger Straße das passende Objekt. Auf 12.000 m2 entstanden über die Jahre Werkstätten, Proberäume, Ateliers, ca. 120 Arbeitsplätze, ein Tonstudio, ein Beisl, vier Kindergruppen, zwei Schulen sowie ein Veranstaltungsbetrieb mit mehreren Spielstätten (Großer Saal, WUK Museum, Projektraum, Kunsthalle Exnergasse, Fotogalerie Wien). Ein nach wie vor selbst verwaltetes Mehrspartenhaus mit basisdemokratischer Plenums- und Diskussionskultur, das ob seiner Dimension gerne auch als „Tanker“, so auch Rade im Gespräch, tituliert wird. Mitsamt dem „Tanker“ umschiffen wir also weiterhin den Community-Begriff. Vom „Zugehörigkeitsgefühl“, einem „WUK-Gefühl“, ist hingegen die Rede, davon, dass es für die im und rund um das Haus Engagierten schon bedeutsam sei, „zu wissen, wo man seinen Raum hat“. Anlässlich des runden Jubiläums ortet Susanna Rade sehr wohl verstärkten Diskussions- und Reflexionsbedarf im „Tanker“ selbst. Gleichsam seien viele Ideen am Sprießen. Es ist eben doch etwas Besonderes, wenn man sich als Institution, der nie der Sinn nach Institutionellem stand, der eigenen Historie zu stellen hat, um den Status quo der ehemals angestrebten Alternativkultur abzufragen.
SCHÖNE MOMENTE AUF DER BAUSTELLE
Von solchen Legitimationsüberlegungen ist Martin Wagner in den letzten Märztagen weit entfernt. Wer sich mit ihm unterhalten will, der hat schnell zu sein. Gehetztes Telefonat, eiliger Schritt über den Praterstern, von der Baustelle des neuen Fluc ins Gasthaus Hansy. Der 1. April, an dem das Fluc_2 in unmittelbarer Nähe zum alten Standort in der ehemaligen Fußgängerpassage Richtung Prater wiedereröffnet werden soll, ist keine drei Wochen mehr entfernt, die enorme Geschäftigkeit Wagners angesichts des Baufortschritts erklärbar. Geerdet auf einem Gasthaussessel, bei Gulaschsuppe und Cola, kommt das Werkel dann aber in einen ruhigeren Modus, und Wagner erzählt stellvertretend für seine Kompagnons vom Verein Künstlergruppe Dynamo – Sabine Schwärzler und Joachim Bock – von der Werdung einer neuen, kulturellen Lokalität in Wien, die so nie geplant war. Vom ursprünglichen Konzept als „Wanderclub mit selbst konstruierter 16-Kanal-Soundanlage“ in „fluctuated rooms“ hat sich nur noch eine Silbe in das Frühjahr 2006 herübergerettet. Anstatt zu fluktuieren, richtet sich das Fluc_2 zumindest für die nächsten 15 Jahre häuslich ein. Der Weg dorthin war lang, barg erste Erfahrungen (noch in Wanderclubzeiten) mit „super-mühsamen, institutionalisierten Kulturbetrieben“ (Wagner), führte zur Anmietung zweier eigener Objekte „an einem der hässlichsten Orte Wiens“, wo sich das Fluc zum „derzeit spannendsten Veranstaltungsort der Stadt mauserte“ (Falter 44/04), trieb die Flucler mit ihrem Programm nach Ablauf des Mietvertrags 2005 ins „Exil“ und endet nun just wieder am Praterstern. Dort wo einem der Anrainer, dem Architekten Klaus Stattmann, bei einem sommerlichen Bier vor dem alten Fluc gemeinsam mit Wagner & Co. auch die Idee zur Adaptierung der vor sich hin seidelnden Fußgängerunterführung kam. Mit dem gemeinsam gestarteten Projekt des Fluc_2 tourten die Dynamos dann monatelang durch diverse Abteilungen des Rathauses. Überzeugungsarbeit ist harte Arbeit, wie Wagner nun weiß. Aber letztlich, „während schöner Momente auf der Baustelle“, habe es sich gelohnt. Als Statement zu Kunst im öffentlichen Raum und als wandelbarer Veranstaltungsort mit Blick auf das Riesenrad steht das Fluc_2 für einen neuen Typus von kulturell nutzbarer Lokalität. Von „Selbstverwaltungs-Frust“ ist im Gasthaus Hansy jedenfalls nichts zu spüren. Gleich wird Martin Wagner aufstehen und rüber auf die Baustelle laufen. Wenn das hier in Druck geht, ist sein ärgster Terminstress aber schon vorbei.