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Juli 2006
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KONTROLLE IST MEHR ALS ÜBERWACHUNG. KONTROLLE HEISST, SICH AUFFÜHREN UND MEHRWERT ABFÜHREN. KONTROLLE IST BIOPOLITIK: KULTIVIERUNG (UND EIGENSINN) VON BIOMASSEN, LEBENDIGEN MULTITUDEN. ÜBER DAS WELTDURCHDRINGENDE KINO ALS ERFAHRUNG (FERNSEHEN), EMPFINDUNG (NAHFÜHLEN) UND ZEITMODUS (NACHTRAGEN), GEDACHT MIT DELEUZE UND DEN „X-MEN“.
Text: Drehli Robnik
Filme wie „Armageddon“, „Star Wars“ und die „X-Men“-Trilogie zelebrieren Arbeitsleben in atypischen Beschäftigungsverhältnissen.
Alle Welt führt sich auf, und eben darin besteht das Fernsehen“, schrieb der französische Philosoph Gilles Deleuze 1986. Also, eigentlich schrieb er: „Die Welt macht Film, und eben darin besteht das Fernsehen”. Mit dieser Doppelbedeutung von „Le monde se met a ,faire du cinéma‘“ sind wir schon mitten im Zusammenhang von Kino und Kontrolle, denn: Wenn die Welt Film macht, dann ist Film Weltmacht. Wenn ein/e jede/r sich aufführt, indem die Welt Film macht – im Deutschen ist ja den Älteren unter uns noch die Wendung „ein Theater machen“ in Erinnerung –, und wenn darin das Fernsehen besteht, dann verweist das zunächst auf eine Sättigung, Durchdringung der Welt mit Filmischem. Film geht in beliebigen Facetten weltweiter Alltage auf, zumindest in den geopolitischen Macht- und Kaufkraftballungsräumen der Erde (dass alle Welt immer und überall mit Digicams oder Handys Film macht, wäre eine Ausformung davon).
Das Kino und seine 110jährige Einflechtung in soziales Leben und Gedächtnis sind demnach eine Art Naturgeschichte zur Geschichte des Fernsehens, eine ursprüngliche Akkumulation von medialem Kapital, auf die das Fernsehregime der Dauerbeobachtung aufbaut. Unterm Zugriff einer potenziell ständigen Beobachtung, Ausleuchtung, Bewertung – denken wir an Candid- Camera-Shows, die uns alle, oder an Geständnistalkshows, die alles an uns bloßstellen können – gewöhnt alle Welt sich daran, sich aufzuführen. Und das heißt nicht oder bei weitem nicht nur: sich ordentlich aufzuführen im Sinn von sich gut benehmen, sondern sich im Sinn selbst-perfektionierender Selbststeuerung zu inszenieren – sich selbst zu beobachten und durchzuarbeiten in der Sorge, ob wir auch all unsere Potenziale entfalten, ob wir maximal motiviert und flexibel genug sind, ob wir unsere Genussfähigkeit und Leidenschaften optimal ausleben.
MODULIERTES LEBEN
Von Slavoj ¡Zi¡zeks Konsumkulturpsychoanalyse her gedacht, hieße das, dass wir in einem Zeitregime permanenter Nachträglichkeit leben, im ständigen prüfenden Rückblicks auf der Suche nach „room of improvement“ und im ständigen Nachtrag, Zusatz, im Gefühl einer unaufhebbaren Schuld – Schuld gegenüber unserem Genießen, das unbarmherzig Optimierung fordert: „Sei noch mehr du selbst!“. Mit Deleuze und näher zum Kino hin gedacht, verweist der Unterschied zwischen der Dressur von früher („Sich ordentlich aufführen“) und der Fulltime-Performance von heute („Sich so richtig ordentlich aufführen“) auf den Übergang vom Machttypus der Disziplin zu jenem der Kontrolle.
Der Ausdruck „Kontrollgesellschaft" wird ja oft verwendet, aber meist im reduzierten Sinn von „Überwachungsstaat" oder Unbehagen an Videokameras im öffentlichen Raum. In dem entwickelteren Sinn, den Deleuze 1990 im „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften" skizziert hat, meint Kontrolle einen umfassenden Machttypus, der nicht mehr auf Disziplinierung abzielt: Es geht nicht um Fixierung, enge Normierung, Zurechtstutzung von Subjekten, Kräften, Lebensweisen, wie in der frühund hochkapitalistischen Fabrik oder ihren Pendants: Schule, Kaserne, Büro. Vielmehr meint Kontrolle, wie sie dem Spätkapitalismus eignet, eine Formung von Subjekten, Kräften, Lebensweisen durch eine Form, die sich ihrerseits geschmeidig den Veränderungen des zu Formenden anpasst. Kontrolle ist insofern nachträglich, als sie nicht vorgibt, sondern zunächst weite Entfaltungsspielräume einräumt, um möglichst viel Dynamik einzufangen und produktiv/profitabel zu machen, bevor sie in Durcharbeitung des sozialen Raums ihre Ein- und Ausschlüsse markiert. Kontrolle erlaubt nicht nur, sich aufzuführen, sie verlangt es sogar, reizt dazu an, weil sie – anders als die Disziplin, die fast alles an den Massensubjekten als unverwertbar abstieß – das meiste vom Aufgeführten als Mehrwert abführen kann.
Was hat das nun mit Kino zu tun, mit der Welt, die Film macht? Die Kontrolle macht mit der Gesellschaft, was der Film mit der Welt macht: beide modulieren. Es ist zwar bei Deleuze nirgends expliziert, aber dennoch kein Zufall, dass seine Philosophie mit demselben Begriff von der postdisziplinarischen Herrschaftsform spricht wie von der Formgebung durch das Filmbild. Zunächst bezeichnet er mit dem Ausdruck „Gussformen“ sowohl die fix vorgegebenen Produktivitäts- und Verhaltensmodelle im Disziplinarregime (standardisierte Handgriffe, auswendig zu lernende Gedichte etc.) als auch, in seiner Kino-Philosophie des „Bewegungs- Bildes“, die Fixierung der Welt durch das fotografische Bild. Diesen Gussformen steht die „Modulation“ entgegen, der gleitende, flexible Übergang, die Anschmiegung ans Veränderliche: Das Filmbild gegenüber der Welt in Wandel und Bewegung und das Kontroll-Kapital gegenüber neuen Kräften der Produktivität und des Genießens – beide leisten Modulation.
FX, X-MEN, EXTRAS: BIOPOLITIK & KINOKULTUR
Film war schon immer Biometrik – lange bevor SciFi-Filme wie „Gattaca“ oder „The Island“ die Erfassung und Auswertung von Biodaten zum Thema ihrer Kritik (und Faszination) machten. In den Anfängen des Kinos war nicht ausgemacht, ob dessen Zukunft in der Unterhaltungskultur liegen würde oder eher in der Wissenschaft, zumal in der Physiologie als Zuarbeiterin der neu entstandenen Arbeits- und Effizienzforschung. Photo- Phasenstudien eines Muybridge wie auch der Einsatz von Film als Erkenntnisbehelf zur Taylorisierung, Standardisierung von Fließbandhandgriffen, zielen auf Erfassung von Norm-Körpern. Aber auch im Kino als Unterhaltungsmedium, zumal in der Fließbandproduktion standardisierter Filmware im Hollywood vor 1950, geht es um Biometrik: disziplinarische Metrisierung von Leben im Wege der Normierung von Erfahrung. Kinokonsum ist, im Sinn Walter Benjamins, „Einübung“ in modernen Alltag, und Hollywood leistet „Massenproduktion der Sinne“ (Miriam Hansen). Das betrifft nicht nur die Gewöhnung an Genre- und Gestaltungsroutinen (wie wir sie heute als längst durchschaute Klischees ironisch goutieren), sondern grundsätzlich die Art, wie massenhafte Wahrnehmung sich die Rhythmik, das Tempo, den Drive zielorientierter Bewegungen einverleibt.
Im Kino als Parallelphänomen zur Fabrik gewöhnt sich das Sensorium massenweise in die Leistungs- und Kooperationsfähigkeit „typischer" Körper ein, wie sie in den reibungslosen Bewegungsroutinen zahlloser Western, Krimis und Kriegsfilme kultiviert werden. Produktivmachung der Massen im Register des Sinnlichen ist die „Biopolitik“ des Kinos.
Das ist jedoch eine einseitige Sicht. Sie wird vielleicht der disziplinarischen Kultur gerecht, nicht aber unserer heutigen Erfahrung oder dem Umstand, dass es doch im (Hollywood-)Kino immer auch darum gegangen ist, dass Körper und Sinne sich aufführen, mitunter austoben können. Als soziale Maschine zur Bespielung öffentlicher Affekte ist Kino nicht nur Parallele zur Fabrik oder zur Schule, sondern auch Alternative zu ihnen. Kino hat an den Bio-Massen, am Leben der vielen, immer auch etwas kultiviert und entfaltet, was den disziplinarischen Normen entgangen ist: ganzkörperliches Empfinden, Gespür für Nuancen und Übertragungen zwischen Bildern und Tönen, ein sich freudig entblößendes Nah-Fühlen als Fähigkeit, spielerisch mit Schocks und Erschütterungen umzugehen, mit dem „grundlosen“ Lachen, Weinen, Erschrecken. Die oben skizzierte Deleuzesche Einsicht, dass Kino die Welt und das Leben nicht diszipliniert, sondern eher kontrolliert und moduliert, können wir historisch nachvollziehen (sehr gerafft, entlang einiger Thesen aus Michael Hardts und Toni Negris zwiespältigem Bestseller „Empire“): Die Sozialisierung der Sinne im Kino und generell in der Unterhaltungskonsumkultur als Alternativkontexte zu Schule/Fabrik/Büro haben eine Umorientierung des Macht- und Produktivitätsregimes mit erzwungen: vom disziplinierenden Zurechtstutzen zum kontrollierenden Anreizen. Wenn wir das politische Moment des antidisziplinarischen Protests von Gegenkulturen der 60er und 70er Jahre ausblenden (was eigentlich nicht koscher ist), dann zeigt sich: Das aufbegehrende Eindringen einer Wertschätzung der Sinne aus der Konsumkultur in die Ökonomie insgesamt hat als Avantgarde für Phänomene des Spätkapitalismus fungiert, die als „Postfordismus“, „Flexibilisierung" oder „affektive Arbeit“ angesprochen werden.
Wie gesagt: Kontrolle braucht das Ungenormte als Rohmaterial zur nachträglichen Einarbeitung. Schlagendstes Beispiel dafür war die Umwandlung musik- und jugendkultureller Subkulturen in marktwirtschaftliche Innovationsstandorte seit den 70er Jahren. Was das heutige Kino betrifft, das sich (wer weiß, wie lange noch) am Blockbustersystem orientiert – drei Bemerkungen noch zu Phänomenen, an denen hier die Kontroll-Logik von Modulation und Nachträglichkeit hervortritt: Da ist einmal das Sound Design, das nicht mehr vorgegebene Hierarchien der repräsentierenden Hörbarkeit und Standards der Klarheit exekutiert, sondern wahrnehmende Körper als ganze bespielt und sie zum Umgang mit Sound FX, mit Lärm, Erschütterungen, diffusen Atmosphären herausfordert.
Da ist zweitens die Art, wie kooperatives Handeln ritualisiert, nachgerade durchgetestet wird, in „Teamwork-Filmen“ wie „Armageddon“, „Star Wars“ und vor allem der „X-Men“-Trilogie: Diese Filme zelebrieren Arbeitsleben in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, zumal die Feinjustierung von Fähigkeiten und Temperamenten durch informelle Kommunikation im projektorientierten, metastabilen Gruppenverbund.
Drittens ist da jene retroaktive Modulation, die jeden Film immer neu umarbeitet: Die Umwandlung des Blockbusters zur DVD mit tausend Extras, zur Themenpark- oder Game-Software ist die (inter)medial vorweggenommene Form unserer Erinnerung an den Film. Das Fernsehen – in dem der Film natürlich auch wiederkommt, als Pay- oder Free-TV-Premiere – ist in diesem Sinn der Blick auf das Kino aus der Distanz seiner zu entfaltenden Modulationspotenziale, ist der Beobachtungsdruck unabschließbarer Selbstperfektionierung: „Jetzt mit noch mehr Extras!“. Der heutige Filmkonsument ist wie Deleuze´ Mensch der Kontrolle (der als Upgrade von Nietzsches modernem Menschen daherkommt): Weil in ihm die Vergessensapparatur schadhaft ist, muss er ständig speichern, durcharbeiten, recyceln – und wird dabei mit nichts fertig.
Der Autor
Drehli Robnik ist Filmwissenschaftler, Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft, gelegentlich Filmkritiker, Disk-Jockey und Edutainer. Er lehrt an der Universität Wien, an der Universität für Angewandte Kunst und an der Masarykova Univerzita Brno. Er „lebt“ in Wien-Erdberg.