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SILVER 8

Juli 2006

Inhalt der Ausgabe


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Wie vermessen ist Biometrie?

FINGERABDRÜCKE, IRIS-SCAN, GESICHTSERKENNUNG – SO LAUTEN DIE DREI GEBRÄUCHLICHSTEN TECHNIKEN BEI BIOMETRISCHEN ZUTRITTSSYSTEMEN. AN UND FÜR SICH DIENSTE, DIE DER BEQUEMLICHKEIT UND SICHERHEIT DIENEN, STEHEN DAMIT JEDOCH AUCH DIE MITTEL DER KONTROLLE, ÜBERWACHUNG UND MISSBRÄUCHLICHE ASSOZIATIONEN IM RAUM. IST BIOMETRIE DAHER BÖSE? ODER HALTEN WIR SIE NUR DESHALB FÜR BÖSE, WEIL TOM CRUISE IM FILM IMMER SO LANGE BRAUCHT, BIS ER TÜREN AUFKRIEGT?

Text: Andreas Kump

 
Es gibt kein Gen für den menschlichen Geist. Dieser Untertitel prangt auf der DVD-Hülle des Films „Gattaca“, von dem in dieser Ausgabe auch an anderer Stelle zu lesen ist. Nicht wegen der opulenten Musik von Michael Nyman, wegen der allein man sich „Gattaca“ wieder und wieder ansehen kann, sondern wegen der technologischen Mittel, derer sich in diesem Science-Fiction- Film ein totalitäres Regime bedient, um die Welt nach genormten Gesichtspunkten zu gestalten. Gemeint ist mit technologischen Mittel die Biometrie, das Vermessen quantitativer Merkmale von Menschen samt statistischer Verwertung und Sammlung in Datenbanken.
In „Gattaca“ wird der Wert von Menschen schon bei der Geburt mittels eines DNA-Scans festgestellt und auch festgelegt. Um gegen diese Festschreibung anzugehen, muss sich im Film Vincent (Ethan Hawke) diverser Tricks bedienen, damit er in die Rolle von Jerome (Jude Law) schlüpfen kann. Dazu gehört die quasi permanente Überwindung biometrischer Zutritts- und Identifikationssysteme. Blut, Urin, Hautschuppen, Haare – alles was nur irgendwie Rückschlüsse auf die DNA geben könnte, bedarf ausgefuchster Täuschungsmanöver. Ob es im Film gut ausgeht, Vincent letztendlich über das System triumphiert, soll hier aber offen bleiben. Der Gang zum Verleiher soll schließlich nicht vermiest werden.
Dass Biometrie in „Gattaca“ unbestritten böse ist, ist natürlich klar. Ob sich das in der realen Welt ähnlich beziehungsweise genauso verhält, ist aber zu diskutieren. Zum Beispiel mit Vertretern von „quintessenz“, einer seit 1994 operierenden „Vereinigung von Menschen aus Technik, Wissenschaft, Journalismus und Kunst“, deren Basisstation in Wien im Museumsquartier zu finden ist. Vereinszweck: „Die Wiederherstellung aller Bürgerrechte, die mit technischen Mitteln inzwischen aufgehoben wurden.“ Zu den immer aktuellen Topics von quintessenz zählt daher auch die Biometrie. Eine eigene „Biometrics doqu/base“ auf der Website hält relevante Artikel bereit, wo beim Durchklicken rasch klar wird, dass es zurzeit vor allem die biometrischen Reisepässe (Fingerabdrücke) sind, die das Thema in der Diskussion halten.

 

VON MAC GYVER LERNEN

Bei quintessenz kennt man natürlich „Gattaca“. Und man kennt Dutzende andere Filme und Fernsehserien, die über die Jahre unser Bild, unsere Meinung von Biometrie prägten. Nicht erst seit dem letzten „Chaos Communication Congress“ in Berlin, wo Constanze Kurz und Roland Kubica einen hoch amüsanten Zusammenschnitt aus Action-, Agenten- und Science-Fiction- Filmen plus etlicher Mac-Gyver(!)-Folgen präsentierten, in denen diverseste Spinnereien an Fingerabdruck- oder Iris-Systemen zu sehen waren. Von „Mission Impossible“, „Ocean’s Eleven“, „Face Off“ über „Hulk“ zu „Minory Report“. Speziell Tom Cruise scheint das Überwinden biometrischer Zutrittssysteme als Klausel in seinen Verträgen zu haben.
Gänzlich „Pfui!“ will man bei quintessenz dennoch nicht schreien, wenn es um die Einordnung von Biometrie geht. Fragen grundsätzlicherer Natur werden gestellt: „Warum ist Biometrie böse?“ Und: „Ist Biometrie überhaupt böse?“ Ein eindeutiges Jein als Antwort auf letztere Frage erklärt wohl einiges. „In Zutrittsbereichen durchaus sinnvoll. Vorausgesetzt, es steckt kein zentral erfassendes Datensystem dahinter“, lautet ein Statement. Anders als vor dem Gespräch angenommen, läuft die Argumentation seitens quintessenz aber nicht auf ethische Positionen hinaus. Ethische Positionen seien auch in jeder Kultur anders zu werten. So hat man etwa in Ostasien große Probleme mit der Identifikation über Fingerabdruck, weil in diesem Kulturkreis von vornherein niemand freiwillig etwas berührt. Berührende Biometrie ist dort somit zu vergessen.

 

FALSCHE FINGERKUPPEN, KONTAKTLINSEN, KÜNSTLICHE FINGER

Wenn grundsätzliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit von biometrischen Zutrittssystemen auftauchen, dann zum einen deshalb, weil sie 100%ige Sicherheit nur vorgaukeln und letztendlich so täuschbar bleiben wie herkömmliche Systeme auch. Falsche Fingerkuppen, Kontaktlinsen, künstliche Finger etc. – die bereits thematisierten Filme sind das beste Beispiel dafür. In 99 % der cineastischen Fälle gelingt es den eindringenden Personen meist mit ganz einfachen Mitteln, die aufgewendete Technik zu überlisten. Obendrein kämen beim aktuellen Status quo der Anwendungen so viele Probleme und nicht unerhebliche Fehlerquoten zusammen, dass es nicht wundert, wenn ein Biometrie- Spezialist bei quintessenz in Bezug auf ungeahnte Überwachungsmöglichkeiten lapidar formuliert: „Meine Empfehlung für die Paranoiker ist, sich besser zu informieren. Dann legt sich die Paranoia ganz schnell von selbst wieder.“ Weitere Probleme können dann entstehen, wenn gespeicherte Daten als ultimative Auskunftsgeber angesehen werden. Wenn es etwa jemandem gelingt, aufgrund der körperlichen Eigenschaften eines Menschen ein System zu überwinden und damit dessen Anwesenheit suggeriert. Schlimmstenfalls kann das zur Hinterlegung falscher Spuren an Tatorten eingesetzt werden. Trotz solcher Möglichkeiten und Bedenken ist die Akzeptanz von Biometrie ungeachtet hoch. Seit der Zunahme und dem Näherrücken terroristischer Bedrohungen gelten die Bedenken von Datenschützern wenig. Wobei der zweite Treiber biometrischer Systeme, neben der Sicherheit, vor allem die Bequemlichkeit ist, wie Gesichtserkennungssysteme für Dauerkarteninhaber des Zoos in Hannover oder Modellversuche der Iris- Erkennung bei Vielfliegern am Frankfurter Flughafen zeigen. Hier liegen zweifelsfrei die praktischen, positiven Potenziale der Biometrie. Die negativen überlassen wir zwischenzeitlich weiterhin Hollywood und hoffentlich nicht Washington.

http://www.quintessenz.at/d/


ftp://dewy.fem.tu-ilmenau.de/CCC/22C3/video/mp4/22C3-882-debiometrics_ in_science_fiction.mp4

 

 

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