Silver Server

Silver Server


Domaincheck! Internet-Adressen einrichten und verwalten.

SILVER 8

Juli 2006

Inhalt der Ausgabe


SILVER erscheint vierteljährlich auch in gedruckter Form. Bestellen Sie ein kostenloses Abo per E-Mail an:silver@sil.at

Zwischen Kontrollparanoia und Infowahnsinn

WÄHREND WIR EINEN KRITISCHEN DISKURS ÜBER DIE DIGITALE ABRASTERUNG UNSERER PRIVATSPHÄRE FÜHREN, WIRD UNSER EIGENER BLICK ALLMÄHLICH ZUM UNERMÜDLICHEN SCANNER LETZTER GEHEIMNISSE.

Text: Roland Schöny

 

Bis heute polarisieren die Erinnerungen an den einstigen realsozialistischen Hoffnungsstaat DDR. Alternierend zum Schreckensbild eines allmächtigen Kontrollstaats werden in der Rückschau bewusst Bilder einer verloren gegangenen Idylle inszeniert, wenn Alltagsüberreste wie Reiseklappbecher, Mocca- Fix oder historische Ausgaben von „Neues Deutschland“ als Nostalgieobjekte angepriesen werden. Die Zweischneidigkeit zwischen Abwehr und Sentimentalität deutet auf einen enormen Verdrängungsprozess zur Umschiffung schwer verdaulicher Vergangenheitsmomente hin. Ungern wird nämlich davon gesprochen, dass die DDR nicht bloß durchorganisiertes autoritäres System war, sondern auch ein einzigartiger Bespitzelungsstaat. Während das Ministerium für Staatssicherheit im Jahr 1957 noch 17.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hatte, stieg die Zahl bis 1989 auf 91.000, wobei die Bundeszentrale für Politische Bildung in Deutschland von weiteren 173.000 inoffiziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatssicherheit spricht. Ein grober Vergleich der hellhörigen Ossis mit der Gesamtbevölkerungszahl von zuletzt 16,3 Millionen illustriert, wie dick man es im Arbeiterund Bauernstaat hinter den Ohren hatte. Der Mythos, dass jeder jeden observierte und jeder jeden permanent mit einem unterschwelligen Verdacht begegnete, hat hier seine reale Basis.

 

IM BANNKREIS DES PANOPTISCHEN PRINZIPS

Was seinerzeit im Form von analogem Datenmaterial in staubigen Aktenarchiven seinen Niederschlag fand, muss heute vor dem Hintergrund von Echtzeit-Informationsübertragung global betrachtet werden. Während wir uns daran gewöhnen, dass wir mit all unseren tagtäglichen Navigationsschritten vor den Kameraaugen öffentlicher Überwachungssysteme digitale Schattenbilder hinterlassen, geraten wir sukzessive in Feedbackschleifen ständiger Observation. Unsere Rollen als Objekte und zugleich Subjekte von Beobachtung und Kontrolle verschwimmen sukzessive. Die durch die digitale Apparatewelt generierten Blickregime erschaffen eine Technologie des Sehens, die darauf ausgerichtet ist, die Bereiche des Sichtbaren ununterbrochen und rasant auszudehnen und zu erweitern. Die Vermessung der Welt, die Captain Cook im 18. Jahrhundert vergleichsweise noch im Zeitlupentempo betrieb, wird nun von einem permanent arbeitenden Verbund aus Satelliten, Detektoren, Kameras und Infrarotlesegeräten vorangetrieben. Spätestens beim Antritt einer Flugreise sind wir mit dem Imperativ konfrontiert, alles bis in die Makrobereiche hinein schonungslos offen zu legen. Unwillkürlich geraten wir in den Bannkreis des panoptischen Prinzips, wo alles gesehen und alles gezeigt werden muss, analysiert Medientheoretiker Peter Weibel (1)

 

Der Blick nimmt totalitäre Züge an. Legitimierbare Sicherheitsinteressen verdecken dabei, dass institutionell organisierte Kontrolle nach individualpsychologischen Kriterien libidinös gesteuert sein kann. Voyeuristische und exhibitionistische Verhaltensweisen dringen so in strikt reglementierte soziale Dispositive ein. Der formale Akt der Kontrolle kann sich in eine triebhaft narzisstische Identifikation mit der Macht des Beobachters transformieren, der alles sehen darf und – im Überwachungsraum sitzend – selbst vielleicht sogar unsichtbar bleiben kann. „Ein Theater der Triebe verbirgt sich hinter den Masken der Kontrollrituale, deren offizielle Version lautet: Sichtbarkeit ist die oberste Maxime“, merkt Peter Weibel Bezug nehmend auf den großen Analytiker der Genese gesellschaftlicher Machtstrukturen Michel Foucault an.

Befördert wird die Faszination voyeuristischer Annäherung durch hochaktuelle Instrumentarien des Sehens wie das auf der Basis digitalisierter Geodaten geschriebene Web-Tool Google- Earth, das per Zoom mit x-beliebigen Gebieten auf dem Erdball in zunehmend schärferer Skalierung verbindet. Spielend können Straßenzüge in Hamburg, Manhattan oder Sao Paulo observiert und per weiterführendem Mouseclick gleich eine Erstbesichtigungstour in Museen, Hotelzimmer oder Restaurants unternommen werden, ohne auch nur einen einzigen Fuß vor die Tür zu setzen. Die kartografische Umkehrung zu diesem digitalen Jumping aus der Satelliten- in die Helikopterperspektive ist längst in Form von GPRS-Navigationsgeräten in Umlauf, die punktgenaue Orientierung in einer zum Datenpaket zusammengeschrumpften Welt versprechen. Wie schnell so Jahrtausende altes Wissen aus der alten – realen – Welt verloren geht, zeigte sich im Zuge des ersten GPRS-Hypes nach der amerikanischen Irak-Invasion 1991. Damals konnte man im Oman Nomaden beobachten, die auf ihren Kamelen reitend mit den neuen Navigationsinstrumenten experimentierten, um in den Weiten der Wüste nicht mehr auf das Zählen von Sanddünen oder das Lesen von Sternbildern angewiesen zu sein.

 

DIE ÜBERWACHTE WELT ALS PHANTOMBILD

Beiden populären Technologien gemeinsam ist, dass sie die Welt in einer Weise erschließen, die unseren natürlichen Sinnen nicht mehr zugänglich ist. Zugleich lässt ihre Suggestivkraft das Interface zwischen Mensch und Maschine verschwimmen. In seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ konstatierte der Philosoph Günther Anders in den Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen bereits 1965 die Verschmelzung von Bildern und Wirklichkeit. „Wenn das Phantom wirklich wird, wird das Wirkliche phantomhaft.“ Daran knüpft Peter Weibel an: „In der Medienwelt verschwindet die Welt als Ereignis und wird zu einem bloßen Bild, zu einem Spektakel, zu einem Phantom.“ Dies gilt für fast alle medialen Übersetzungen und trifft insbesondere auf die Bilder aus Überwachungsnetzwerken zu.

Gegenwärtig wird solches Bildmaterial frei zugänglich gemacht. Das kommt dem libidinös strukturierten Kontrollbedürfnis voyeuristischer Bildschirm-User durchaus entgegen. Was dem texanischen Gouverneur Rick Perry noch als „Virtual Border Watch Program“ zur Kontrolle der Einwanderungsbewegungen aus Mexiko per Internet 2 vorschwebt, wurde in London längst in die Tat umgesetzt. Dort kann die Bevölkerung per Internet auf ein zoniertes System von Überwachungskameras zugreifen, um verdächtige Personen zu beobachten oder gleich polizeilich zu melden. Dass flächendeckende Überwachung Terror aber nicht zu verhindern vermag, bewiesen die Anschläge von London im Juli 2005 hinreichend. Die Veröffentlichung der Überwachungsbilder im Internet befriedigt allerhöchstens Neugier, Voyeurismus und Kontrollwahn. Die Blicke schweifen über Phantombilder der Realität, wobei bemerkenswert bleibt, dass sich Gefühle von Unsicherheit zumeist auf solche Landschaftszonen, Städte oder Stadtviertel beziehen, welche die Überwachungshungrigen persönlich überhaupt nicht kennen. Sicherheitshalber jedoch werden so genannte Migrations- oder Kriminalitätsbrennpunkte gleich einmal mit einem generellen Verdacht belegt. Bereits die geringsten Abweichungen von der Norm erscheinen protokollierenswert. Vor dem angeschalteten Bildschirm auf Posten zu sitzen scheint allmählich zu einer neuen Freizeitbeschäftigung zu avancieren, womit allmählich erste Reminiszenzen an den Bespitzelungsalltag in der DDR Wirklichkeit werden dürften.

1.) vgl. Peter Weibel: Von Zero Tolerance zu Ground Zero. Zur Politik der Visibilität im panoptischen Zeitalter. In: Kunst nach Ground Zero. Köln 2002. S. 87–106.

-

2.) vgl. Florian Rötzer: Das texanische „Virtual Border Watch Program“. In: Telepolis. 3. 6. 2006. www.heise.de

 

Der Autor
Roland Schöny: Freier Autor und Ausstellungskurator, Projektleitung von Kunst im öffentlichen Raum Wien seit 2004, Kurator am OK-centrum für Gegenwartskunst zw. 2002 und 2005, rund 1800 Kunstrezensionen für ORF Radio, permanente Publikationstätigkeit mit zahlreichen Texten zur Gegenwartskunst, Redakteur der Zeitschrift skug.

 

Kontakt