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Oktober 2006
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DIE ZAHL 3 IM POP IST NICHT WICHTIGER ALS JEDE ANDERE. WENN ES ABER UM TRIOS GEHT, LASSEN SICH DARAN EINIGE SICH IMMER WIEDER WIEDERHOLENDE PHÄNOMENE UND TRADITIONEN ABLESEN. ALSO: ONE, TWO, THREE ...
Autor: Karl Fluch
Popkultur und Zahlenspielchen, das ist ein weites, aber wenig erkleckliches Feld. Zumindest dann, wenn einem das Talent zur Esoterik glücklich fehlt, man Mathematik für Teufelszeug hält und nicht daran glaubt, dass Gruftie-Pop oder Black Metal besser werden, nur weil in Liedtexten die Zahl 666 auftaucht. Soviel Klischee muss sein.
Die Zahl 3 im Pop, und um die soll es hier gehen, ist deshalb nicht mehr oder weniger bedeutsam als alle anderen. Interessanter scheint eine Aufmerksamkeitskonzentration auf das Trio anhand ein paar willkürlich ausgewählter Beispiele. Das ist immerhin menschlich konnotiert. Zwar lassen sich hier ebenso wenig allgemein gültige Ableitungen anstellen als bei der Untersuchung von, sagen wir, Quartetten oder Sextetten. Es wird nur nach oben immer komplexer. Dabei ist selbst ein Trio schon schwierig. Immerhin beginnt bei drei die Demokratie. Nach dem tyrannischen Alleinunterhalter und wegen ihrer naturgegebenen Parität oftmals mehrheitsunfähigen Duos liegt es am Trio, erst-mals nach dem Gesetz der Mehrheit über den Weg und die Erscheinung der gemeinsam geschaffenen Kunst zu entscheiden. Zumindest theoretisch. Daneben bedeutet die Übereinkunft, als Trio anzutreten, meist eine Reduktion auf die als notwendig erachteten Mittel. Zu den Ausnahmen zählt Wunderliches wie ein Blöckflötentrio, das Saxofon- oder ein Synthesizertrio und ähnlich sinnlose Verdreifachungen von Irrtümern, die ohnehin nicht Pop, weil nicht populär sind.
BASS, GITARRE, SCHLAGZEUG
Im Rock bedeutet die Reduktion auf die Drei meist Gitarre, Bass und Schlagzeug. Eine Besetzung, die, wie Lou Reed einst konstatierte, unschlagbar sei. Daneben bedeutet Trio neben der Gefahr höherer innerer Spannungen auch eine verbesserte Stabilität. Die Reduktion, fast ein Axiom des Punk, bescherte der Welt nach dieser Zäsur in der Popgeschichte in den 1970ern deshalb eine Reihe von Trios. Trio bedeutete in dem vom Punk propagierten „Do-it-yourself“-Gedanken ein Überschaubarhalten des angerichteten Chaos. Etwas, das selbst Alleinunterhaltern nicht immer gelingt. Man muss hier an einen charmanten, aber schon auch eklatanten Irrtum hinweisen, der etwa den mittler-weile verstorbenen Hasil Adkins ereilte. Dieser bezog die hinter den im Radio erwähnten Stars spielenden Musiker in seine Fantasie bezüglich des Musizierens nicht mit ein und versuchte im Alleingang wie drei Musiker zu klingen. Und auf seine Art tat er das auch. Apropos Konfusion. Eine gleichermaßen radikale wie konsequente Verkörperung der Drei stellte ausgerechnet ein deutsche Band dar: Trio.
„DA DA DA“
Trio trat als seltsamer Novelty-Act zur Zeit der Neuen Deutschen Welle an, der versuchte, die anarchistisch anmutenden Möglichkeiten des Punk mithilfe der deutschen Sprache für sich zu beanspruchen und die damit neben zwei wunderbar kauzigen Alben eben auch sehr große Konfusion produzierten. Aufgrund einer Missinterpretation ihres Hits „Da da da“ erlebte der daran eigentlich unschuldige Dadaismus eine eigentümliche Renaissance. Tatsächlich hatte Trio mit Dada nicht beabsichtigterweise etwas zu tun. Doch sowohl dieser (Nonsense-)Hit als auch der zwischen Wut und Lächerlichkeit angesiedelte Rest des Werks war dazu angetan, falschen Interpretationen und fehlgeleiteten Deutungen alle Tore zu öffnen. Und was tut die Kunst lieber! Trio verwirrte, deshalb war Trio gut – und der Name genial.
Dass weniger auch wie sehr viel mehr klingen kann, führten fast zeitgleich einen Kontinent weiter andere Trios vor, die eben-falls unter dem Eindruck des Punk entstanden waren. Bands wie Minutemen, Dinosaur Jr. oder Hüsker Dü lärmten im Zeichen eines wilden Expressionismus, der mit den Jungen Wilden auch in der bildenden Kunst eine Entsprechung hatte. Bloß dass die großen Gesten und satten, aber wirren Pinselstriche hier in dicht komprimierte, oft kaum die Zweiminutengrenze sprengende Eruptionen gepackt wurden. Die Entscheidung zum Trio ging mit dem Willen einher, als solches so aufregend, bedrohlich und aggressiv wie nur möglich zu wirken. Die Stimme – auch so ein Gedanke aus dem Punk – wurde als (viertes) Instrument gehandhabt. Weniger das Schönsingen als vielmehr das selbst geschaffene Getöse zu überbrüllen galt hier als Aufgabenstellung. Dass sich damit sogar Welteroberungsfantasien umsetzen lassen, zeigte wenige Jahre später ein aus eben dieser Tradition kommendes und bald weltberühmtes Trio: Nirvana.
Das Trio ist also immer noch und immer wieder ein gültiger Gegenentwurf zur Opulenz, zur vielfach abgesicherten Virtuosität und eine Besinnung auf die Einfachheit des Beginns der Populär-musik. Dass es noch radikaler bei fast ähnlicher Wirkung geht, führten zuletzt The White Stripes vor. Aber das ist bekanntlich ein Duo, also hier nicht mehr Thema ...
Der Autor:
Karl Fluch, 39, ist Musikkritiker der Tageszeitung Der Standard. Im zarten Alter von sieben Jahren wurde er von Elvis zur „Teufelsmusik“ verführt und fühlt sich seitdem als dankbares Opfer.