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Oktober 2006
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BEIM WIENER PLATTENLABEL TRUST BRECHEN DIE BEATS, VERBREITEN ANALOGE SYNTHESIZER EINE UNTERKÜHLTE UND FUTURISTISCHE ATMOSPHÄRE, WÄHNEN EINZELNE MUSIKER DIE MASCHINEN BEREITS AN DER MACHT. ZULETZT MIT DEM ACT „MICROTHOL“ ERFOLGREICH, STEHT TRUST FÜR DIE MUSIKGATTUNG „ELECTRO“ UND FÜR ORGANISCHE VERNETZUNG IM IMMER NOCH ÜPPIGEN GEFLECHT DER WIENER ELEKTRONIKMUSIKSZENE. Autor: Bert Estl
„Viele meiner Jugenderinnerungen beziehen sich auf Computerspiele“, bekennt Georg Lauteren im Gespräch und setzt so mehr als bloß eine gelungene Pointe. Vielmehr verweist er damit auf die Anfänge seiner Entwicklungslinie, die sich seither stringent durch virtuelle und reale Welten beziehungsweise deren Überschneidungen zieht.
Denn Lauteren betreibt seit 1998 Trust, ein Plattenlabel, das sich einerseits dem Sound des lokalen elektronischen Underground in Wien verpflichtet fühlt, andererseits dem gebrochenen Funk-Beat der Musikgattung „Electro.“
4 x Trust Records, 2 x Microthol, 1 x DJ Glow, 1 x Lok44
Von links nach rechts:
Philipp Haffner, Constantin Zeileissen, Georg Lauteren, Dan Lodig
Foto: Stephan Doleschal
In Wirklichkeit natürlich beidem. Lauteren, als DJ Glow selbst ein viel beschäftigter Nachtaktiver, der in Wien regelmäßig bei Icke Micke, im Rhiz, Flex usw. Platten verlegt, hat sich nämlich mit Electro auf ein Genre kapriziert, wo viel von dem zum Tragen kommt, was sich entlang der schon erwähnten Entwicklungslinie an Referenzpunkten von ihm entdecken und aufsammeln ließ: Vorlieben für Computerspiele, die stilbildende deutsche Band „Kraftwerk“, Roboter, Science-Fiction-Filme und -Literatur, den „coolen Soul der frühen New Order“ sowie eine offene Einstellung gegenüber neue Technologien. In Summe hört sich das dann als Statement so an: „Bei Electro werden weniger Emotionen thematisiert als soziale Organisation und Kommunikation mittels technologischer Medien“, also im Grunde schon auch noch Poesie, zumindest wenn man einer Maschinenästhetik oder mit Neonlicht ausgeleuchtetem Sichtbeton nicht grundsätzlich ablehnend gegen-übersteht.
ROBOTERTICK
„Machines have taken over“, singen daher folgerichtig die Wiener Microthol auf ihrem heuer bei Trust erschienenen Longplayer „Microkosmos“. Was heißt singen? Philipp Haffner und Constantin Zeileissen bemühen für ihren Sprechgesang im Stück „Mechanical Empire“ selbstverständlich den Vocoder und geben der verlautbarten Botschaft somit den einzig glaubwürdigen Klang. Im dazugehörigen, auf youtube.com zu findenden Videoclip visualisiert sich dann auch die Definition von Electro binnen 03:51 auf vorbildliche Weise, so dass hüftsteifes Nachlesen in einschlägigen Enzyklopädien als überflüssig abgehakt werden kann. Die historische Nähe zu HipHop, der Robotertick – schneller und eingängiger lässt sich der Charakter dieser Nische der elektronischen Clubsounds nicht vermitteln.
Für Microthol hat Georg Lauteren die bisherige Veröffent-lichungspolitik von Trust übrigens abgeändert. „Microkosmos“ erschien auch als CD, einem Tonträgerformat, dem der Label-betreiber als DJ nicht wirklich große Gegenliebe entgegenbringt. Die 12“, die Maxi-Single, ist im Clubland nach wie vor das gängige Format, auch wenn gelegentliche Steigerungen der Posttarife ein Verschicken eingegangener Bestellungen oder Bemusterungen für ein Label von der Größe von Trust immer kostspieliger werden lassen. Zumal die Absätze in Österreich gerade einmal 10 % der Gesamtsumme ausmachen: „90 % unserer Tonträger verkaufen wir im Ausland“, schlüsselt Lauteren auf und kann sich dabei auf ein gut funktionierendes Netz an Spezialgeschäften und Vertrieben in Europa und den USA verlassen.
VINYL VS. DOWNLOAD
Wobei selbst untergrundgeerdete Genres, die auf der vinylbetriebenen DJ-Kultur fußen, nicht um das Thema Download und Verdienstentgang herumzukommen scheinen. Schon seit längerer Zeit betreibt Lauteren daher Vorarbeiten für ein Musikdownloadservice namens „Zero Inch“. Gegen Ende des Jahres soll es endgültig online gehen und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einerseits soll ein funktionaler Online-Store für ausgesuchte elektronische Clubsounds etabliert werden, anderer-seits erscheinen dann etliche nur auf Schallplatte veröffentliche Tracks zum ersten Mal endlich in digitaler Form.
Ein Konzept, das auch deswegen erforderlich wurde, weil beim Download niemand Verwandte zu kennen scheint. Anders gesagt: Es wird runtergeladen, was es halt runterzuladen gibt – und das trifft angesichts dieser Gleichbehandlung die Greißlerei immer noch härter als den Supermarkt. Der ökonomische Druck ist spürbar, muss aber gemeistert werden. Schließlich nährt sich der Spirit von Trust nicht aus merkantilen Motiven, sondern aus der puren, ungebrochenen Begeisterung für gebrochene Beats.
Führte das eingangs bereits erwähnte Faible für Computerspiele, an denen Lauteren vor allem das narrative Element hinter diesen virtuellen Welten faszinierte – „Wie erzählt man Geschichten?“ – später zu einem Studium der Medientheorie samt Diplomarbeit über Computerspiele und digitale Erzählformen, war im musikalischen Bereich dann das Aufkommen von Techno für ihn der große Treiber. Der Schritt zu den Turntables war schnell gesetzt, ein erstes eigenes Label („Red Tide Records“ mit Beiträgen von Christopher Just oder Pulsinger/Tunakan) bald gegründet. Auch das eigene Musikschaffen begann: „Als Musiker bin ich Auto-didakt. Es ging mir anfangs eher darum, die Musik vom Sockel zu stoßen, zu entmystifizieren, hinter eine bestimmte Basslinie zu kommen und zu sehen: Aha, so geht das.“ Was in Wien in den frühen 1990ern bekanntlich zum guten Ton gehörte. Und guten Ton gab es damals reichlich. Das Tonbandgerät kommt mit dem Aufnehmen gar nicht zusammen, wenn Lauteren zum Namedropping ansetzt. Vom „Space Jungle“ im U4 über die Bedeutung von „Central Records“ geht es ins damalige Kunstwerk in der Lorenz-Mandl-Gasse, wo denn dann auch Silver Server seinen Anfang nehmen sollte und sich auf Partys immer die Wege aller kreuzten. Zum Beispiel jene von DJ Glow und dem Wiener Netzkünstler Dextro (Porträt in SILVER Nr. 6), der später nicht nur erster Webmaster und oberster Screendesigner bei Silver Server wurde, sondern auch heute noch sämtliche Cover und Labels für Trust gestaltet.
Techno mag mittlerweile selbst Geschichte sein, diverse neuere Versionen elektronischer Musik sind es natürlich nicht. Genauso wenig wie die organische Vernetzung in diesen Bereichen. So firmiert etwa der Trust-Künstler Lok44 auch als Dan Lodig und betreibt als solcher selbst das Label „Pomelo“, ist Georg Lauteren auch ein Protagonist von XDV, dem „Verein für experimentelle Datenverarbeitung, Institut für elektronische Medien und Computermusik“, dessen Adresse in der Franzensgasse 6, im fünften Wiener Gemeindebezirk, wiederum ident ist mit dem Standort von Trust. Um nur ein paar der gar nicht losen Fäden nachzuspüren.
Wobei die Fäden weit über den Wiener Tellerrand hinausreichen. Auf Trust erscheint daher im Herbst dieses Jahres mit „Storm Drain“ auch noch eine Maxi-Single des englischen Acts Clatterbox, worauf sich Georg Lauteren besonders freut. Schließlich ist David Kempston unter seinem Pseudonym Clatterbox seit Mitte der 1990er dem Umfeld des legendären Britischen „Clear“-Labels zuzuordnen, wo nebst Clatterbox etwa auch Matthew Herbert früher veröffentlichte, damals allerdings noch als Doctor Rockit. Eine Referenz, die sich gut macht, im Bezugsrahmen von Trust, der dann viel größer ist, als die vorab reingezogenen Beats vermuten haben lassen. Weshalb die veranschlagte Gesprächszeit mit Georg Lauteren einfach nicht ausreicht. Weil noch über die Bücher von William Gibson gesprochen werden muss, über den Electro-Stammbaum der Detroiter Schule, darüber, dass „der Nimbus der Technologienutzung“ längst demokratisiert sei und auch „das anfängliche Identitätsstiftende der Internetznutzung“ kein Thema mehr ist, und über vieles mehr.
Der Gesprächsausklang erfolgt dann im Rhiz. Einen Tag
später. Es ist heiß, die meisten Gäste sitzen draußen, drinnen legt DJ Glow den Soundtrack zu diesem Artikel auf. „Let the music do the talking“ – so soll es sein.
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