Zum Inhalt. Zum Hauptmenü. Zum Untermenü.

Domaincheck! Internet-Adressen einrichten und verwalten.
Oktober 2006
SILVER erscheint vierteljährlich auch in gedruckter Form. Bestellen Sie ein kostenloses Abo per E-Mail an:
silver@sil.at
ERST IM FREUDLOSEN ARBEITSZIMMER AM BÜROSESSEL VOR DEM PC HOCKEN UND DANN TRÄGE VOR DEM FERNSEHER LÜMMELN? DAS WIRD’S BALD NICHT MEHR SPIELEN. TRIPLE PLAY UND IP-TV HEISSEN DIE SCHLAGWORTE, DIE UNSERE KLASSISCHE RAUM- UND ZEITEINTEILUNG DURCHEINANDERWIRBELN SOLLEN. DABEI GEHT ES UM NICHT WENIGER ALS DIE VERSCHMELZUNG VON INTERNET, FERNSEHEN UND TELEFONIE. WELCHE AUSWIRKUNGEN DAS KONKRET MIT SICH BRINGEN WIRD, PROGNOSTIZIERTE MARKUS HÖFINGER VON DER PXP SOFTWARE AG IM GESPRÄCH MIT SILVER.
Autor: Marcus Reiter
Dreierkonstellation # 3
File under: Musik!
- Von links nach rechts:
Barca Baxant, vormals Princess Him, nun als Hälfte des Duos Silicone Pumpgun aktiv
www.siliconepumpgun.com,
Wolfram Eckert aka Marflow, Plattendreher, Produzent und Labelbetreiber von Diskokaine
www.diskokaine.com
sowie
Alex Müller aka Elin („Man, how he loves disco!!!“ © Cheap Records-Website), DJ und immergrüner Protagonist der elektronischen Musikszene der Stadt Wien.
Spannend, diesen Begriff verwendet Markus Höfinger, einer von zwei Vorständen der PXP Software AG, im Vorgespräch zum Interview zu Triple Play und IP-TV sehr oft. Man kann es ihm nicht verdenken. Zu weitreichend und revolutionär sind die Folgen, wenn sich unsere Fernsehgeräte in naher Zukunft vom analogen TV-Abspielgerät in ein multimediales Home-Entertainment- Center verwandeln. Wobei für Markus Höfinger und die PXP Software AG die nahe Zukunft bereits Realität ist. Denn PXP, mit ihrer jahrelangen Erfahrung in der Gestaltung diverser Interfaces, mit Internet und interaktiven TV-Applikationen, gehört in Sachen IP-TV-Lösungen zu den Vorreitern am deutschen Markt. So wurde unter anderem im Vorjahr für das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) eine IP-TVLösung auf Basis Windows-Media-Center realisiert. Seither ist die Mediathek des ZDF online, auf IP-basierten Fernsehern wie auch mobil abrufbar. Die verschiedenen Nutzungsszenarien bedürfen natürlich komplexester Anforderungen an Konzept, Usability, Layout und Technik. Das Know-how von PXP zu Triple Play und IP-TV ist daher dementsprechend groß. Nichts lag also näher, als den Status quo der augenblicklich omnipräsenten Schlagworte mit Markus Höfinger in einem Gespräch ausführlich zu erörtern.
Unternehmen wie die deutsche Telekom haben 3 Milliarden Euro allein für die Infrastruktur von Triple Play bzw. IP-TV investiert. Sind derartige Ausgaben angesichts des zu erwartenden Marktes tatsächlich gerechtfertigt?
Es gibt Analysen, die besagen, dass Triple Play für die Telcos das Geschäftsmodell der Zukunft ist. Nur mehr dort sei in Zukunft über Dienste etwas zu verdienen. Andere warnen, diese Ausgaben seien in Jahrzehnten nicht zurückzuverdienen. Wie es wirklich ausgeht, weiß man jetzt nicht. Tatsache ist, dass diese Investitionen nötig sind, wenn man flächendeckend IP-TV in die Haushalte bringen will. Man braucht sich ja nur anzuschauen, was heutzutage an Bandbreite erforderlich ist, um IP-TV zu ermöglichen. Mit einer MPEG2-Komprimierung brauche ich circa drei bis vier Megabit pro Sekunde, um einen Spielfilm in halbwegs vernünftiger Qualität auf den Fernseher zu bringen. Ein Fußballspiel mit viel Bewegtbild braucht vier bis fünf Megabit. Wenn in der Familie zwei fernsehen, die Kinder noch Musik runterladen, sind wir relativ schnell bei 10, 12 Megabit. ADSL macht im Moment rund 7 Megabit. Das heißt, man braucht Bandbreiten, die in Richtung ADSL2+ und mehr gehen. Das ist mit ein Grund für Investitionen dieser Größenordnung.
Wie sieht es zurzeit mit den technischen Grundlagen aus? In Deutschland wurde von der Telekom der Start des Triple-Play-Angebots „T-Home” zuletzt mehrmals verschoben.
Das Thema hat zwei Seiten. Einmal ist es technisch hoch komplex, die Lösungen stehen zwar nicht mehr in den Kinderschuhen, aber doch am Anfang einer Entwicklung. Den technischen Aspekt wird man aber mit Zeit und Geld in den Griff kriegen, da bin ich mir sicher. Schwieriger schätze ich jedoch die Vermarktung ein: Wie bekomme ich die entsprechenden Endgeräte, egal ob es jetzt Settop-Boxen oder Media-Center-PCs sind, flächendeckend in die Haushalte? Wie schaffe ich es, dass Otto Normalverbraucher wirklich in der Lage sein wird, Settop-Box, Fernseher, Computer, ADSL anzuschließen, zu verknüpfen und zu bedienen? Da sehe ich eher die große Herausforderung. Ich mache mir ja jetzt schon Sorgen, wenn das terrestrische Fernsehen abgedreht wird. Wie will man der achtzigjährigen Mitzi- Tant’ erklären, dass das TV-Signal jetzt nicht einfach über die Dachantenne kommt und sie ein zusätzliches Kastl braucht? Wer installiert das, und wer erklärt ihr die Bedienung? Und beim IP-TV-Thema ist das alles noch eine Potenz komplexer.
Anstatt TV-Geräten und Computern hält also dann das „multimediale Home-Entertainment-Center“ in unsere Wohnung Einzug.
Genau, und jeder, der es mal gesehen und ausprobiert hat, ist begeistert, wenn er mit der Fernbedienung sämtliche interaktive Dienste nutzen kann, quasi am Fernseher surft. Dazu kommt bei diesem Thema auch ein sozialer Aspekt: Das Wohnzimmer und der Fernseher sind in den meisten Familien neben der Küche der Lebensmittelpunkt, und mit IP-TV kommt nicht nur Internet auf den Fernseher, sondern es kommt auch zu einem gemeinsamen Erleben der neuen IP-TV-Welt. Bis jetzt steht der Computer zuhause meist im Arbeitszimmer. Dort ist es kalt, ungemütlich, es gibt maximal einen Sessel. Mit IP-TV ist es jetzt plötzlich möglich, Inhalte, die ich früher nur auf meinem PC empfangen konnte, auch am Fernseher zu bekommen. Ich kann mir neben dem klassischen linearen Fernsehen ein Video aus dem Internet runterladen, am Fernseher im Online-Shop einkaufen oder bei Ebay etwas ersteigern. Das Ganze muss ich nicht mehr alleine vor meinem 15-Zöller tun, sondern gemütlich mit der Familie im Wohnzimmer. Der PC ist zwar nett, aber eine Einzelplatzveranstaltung, IP-TV hingegen ein Erlebnis für die ganze Familie!
Der prognostizierte Markt muss demnach ja halten, was er verspricht.
Man geht davon aus, dass jeder, der fernsieht oder telefoniert, auch zum Zielpublikum für Triple Play zu zählen ist. Das stimmt in der Theorie, aber die Praxis wird es auch eine Sache der Inhalte sein. Ein Konsument, der bis jetzt nicht überzeugt werden konnte, warum er sein 28800-Dial-up-Modem gegen Breitband eintauschen soll, der wird auch nicht verstehen, warum er jetzt auf einmal IP-basiertes Fernsehen anstatt terrestrischem oder über Satellit braucht. Dass das Fernsehsignal plötzlich MPEG-komprimiert daherkommt, ist mir als Konsument also relativ egal. Von IP-TV bin ich nur dann überzeugt, wenn ich Zusatzdienste bekomme, die für mich Sinn machen. Dabei geht es nicht nur um klassischen TV Content wie Video on Demand, sondern auch darum, dass der User z.B. seine eigenen Videos und Fotos im Home-Entertainment-Center verwaltet und am Fernseher anschaut. Es geht also auch um den eigenen, usergenerated Content, das sind ja auch Inhalte.
Derzeit wird zwischen „offenen” und „geschlossenen Systemen” differenziert. Wo liegen da die Vor- und Nachteile?
Von „geschlossenen Systemen“ spricht man dann, wenn zum Beispiel Telekommunikationsunternehmen IP-TV anbieten und als eine Art „Gatekeeper“ auftreten. Das heißt, der Kunde hat einen Vertrag mit dem Telco, bekommt von dort eine Settopbox, die wird installiert, und über diese Settopbox werden einerseits die Inhalte ausgeliefert, andererseits läuft darüber auch die Abrechnung. „Geschlossen“ ist das System deshalb, weil der Telco entscheidet, welche Inhalte und Anwendungen zur Verfügung stehen.
Auf der anderen Seite gibt es „offenen Systeme“. Das einzig relevante hat Micosoft mit der Windows-Media-Center-Edition. Das ist nichts anderes als ein klassisches Windows-Betriebssystem, das auf so genannten Media-Center-PCs läuft. Es ist insofern offen, weil ich es – ohne einen Vertrag mit einem Telco abzuschließen – auf so gut wie jedem handelsüblichen PC installieren kann, um damit über Breitband und Fernseher IP-TV plus Zusatzdienste zu empfangen. Umgekehrt findet auch keine Selektion der Inhalte statt. Kunden können Video-on-Demand- Anbieter oder Shops frei anwählen, sofern diese schon angeboten werden. Der Otto-Versand hat z.B. seinen Internet-Shop auch schon mittels IP-TV-Lösungen realisiert.
Welche Strategie verfolgt Microsoft damit?
Microsoft bietet hier einfach eine Softwarelösung an, die es dem Kunden ermöglicht, in Eigenregie IP-TV zu konsumieren. Tatsache ist, dass Microsoft nach dem Arbeitsplatz und dem PC mit dem Windows-Media-Center auch die Wohnzimmer und den Fernseher erobern möchte. Das ist natürlich schon eine sehr spannende Entwicklung, in den USA sind sie da schon sehr weit. Zusätzlich bietet Microsoft für Internet Service Provider (ISPs) und Telcos sehr wohl auch eine Backend-Lösung an. Also, ein Telco könnte auch mit Microsoft-Technologie im Backend, wo die ganze Abrechung und beispielsweise Video on Demand verwaltet wird, arbeiten.
Sollte Triple Play nun tatsächlich Realität werden, wird auch die Rollenverteilung von Telcos, Kabel-TV-Betreibern und ISPs neu gemischt. Wer wird profitieren, wer verlieren?
Es gibt in diesem Spiel noch mehr Rollen: die TV- und Content- Anbieter, die Werbeindustrie. Für die Telcos ist es jedenfalls eine Erweiterung ihres Geschäftsmodells. Die versuchen, einen Teil des Kuchens, den die Kabelnetzbetreiber bis jetzt hatten, an sich zu ziehen. Bei den Kabelnetzbetreiben sagt man so salopp, die werden die Verlierer sein. Ganz so sehe ich das nicht, immerhin haben sie schon Netze, wenn auch keine rein IPbasierten. Ich gehe davon aus, dass die Kabelnetzbetreiber nicht warten werden wie das Kaninchen vor der Schlange, sondern die werden sehr wohl auch investieren,
und dem Konsumenten wird es egal sein, über welche Technologie – ob IP oder nicht IP – die Inhalte kommen. Darum glaube ich nicht, dass die Kabelnetzbetreiber aus dem Spiel sind. Spannung verspricht auf alle Fälle der Content-Sektor, da die Eintrittsbarrieren für IP-basiertes Broadcasting viel geringer sind. Ich werde mir dann auf meinem Fernseher natürlich auch Google-Video und Current-TV und Youtube anschauen – und das ist meiner Meinung nach sehr wohl eine Konkurrenz zu klassisch
kommerziellem Content. Tatsache ist, dass immer mehr Einfluss zum User geht und auch das lineare Programmschema durchbrochen wird. Das wird eine Mischform aus TV, on Demand und abonnierten personalisierten Services werden, und man darf gespannt sein, wie angestammte Content-Anbieter und TV-Stationen reagieren.
Wie wird die Rolle des ISP nach Einführung von Triple Play sein?
Der klassische ISP ist im Normalfall nicht der Ex-Monopolist, sondern das ist halt ein alternativer Provider, der ja gar soviel in Infrastruktur investieren kann und will. Diese ISPs werden meiner Meinung nach nicht so massiv in der Breite auf den IP-TV-Zug
aufspringen, sondern sich ganz gezielt Services rauspicken, die breitbandrelevant sind, z.B. einen Video-on- Demand-Dienst.
Wie ist der Status quo von Triple Play bzw. IP-TV in Österreich?
Das einzige wirkliche Triple-Play- oder IP-TV-Angebot, das es aktuell
gibt, ist das aondigital-TV der Telekom Austria. Das ist ein sehr
spannendes Projekt. Daran wird man mal sehen, wie schnell IP-TV
von den Usern angenommen wird.
Wann ist der tatsächliche Durchbruch nun wirklich anzusetzen?
Ich bin seit 1993 in der Internet-Branche und habe von der Pionierzeit im Internet, über
den Hype, über den tiefen Fall bis jetzt, den eigentlich wieder kontinuierlichen Aufstieg, alles miterlebt. Die Erfahrung, die ich gemacht habe: Es kommt, es dauert aber immer länger, bis es ein Massengeschäft ist, als die meisten prognostizieren. Das wird hier
auch so sein. Ich glaube nicht, dass in zwei bis drei Jahren der große Durchbruch kommt, das wird schon eher fünf bis zehn Jahre dauern, aber es wird ganz sicher kommen.
Zu PXP und Markus Höfinger:
Die PXP Software AG ist eine zentraleuropäische
e-Business Beratungs- und ITDienstleistungsgruppe mit
Firmenhauptsitz in Wien, Niederlassungen in Österreich, der
Slowakischen Republik und der Tschechischen Republik. Die heutige
PXP wurde bereits 1993 als useit!multimedia GmbH von Alfred und
Markus Höfinger als erste „Multimedia Agentur“ in Österreich
gegründet und 1999 an die deutsche Pixelpark AG verkauft. 2001
wurde das Unternehmen im Zuge eines MBO zurückgekauft und firmiert
seither als PXP Software AG. Mag. Markus Höfinger ist Vorstand der
PXP Software AG.